In Morella fand ich Alles eben so friedlich, wie drei Wochen früher bei meiner Abreise; auf meine Fragen nach dem Stande der Dinge hieß es: „Ja, die Christinos stehen ein paar Stunden von hier in Luco und Bordon, aber unser Graf ist in Zurita, ihnen gegenüber.“ Dagegen sprach alle Welt mit Entsetzen von dem neuen Mordversuche, dem achten schon oder neunten, der vor wenigen Tagen auf den geliebten General gemacht war, und dem er durch wunderbares Geschick entging, da ihm Voyna und Mantel von Kugeln getroffen waren. Die Thäter, zwei durch das Gold Cabañero’s gewonnene und von einem früheren carlistischen Spione geführte Bauern, wurden von den Miñones ergriffen, und die drei büßten ihre Schandthat auf der Stelle mit dem Tode.

Ebenso erregte der Verrath allgemeinen Unwillen, durch den Cantavieja dem schleichenden Feinde hatte überliefert werden sollen. Er mißlang nur durch die rasche Energie Cabrera’s, der, wenige Stunden vor der Ausführung dort anlangend, mehrere Officiere, die des Einverständnisses mit Espartero durch aufgefangene Correspondenz überwiesen waren, sogleich erschießen ließ.


Ich eilte, den Oberst Baron von Rahden als Landsmann aufzusuchen, und ward von ihm mit wahrer Herzlichkeit empfangen, indem er mir vorwarf, daß ich nicht gleich nach meiner Auswechselung zu ihm kam. Die Katastrophe des Grafen von España erschütterte ihn tief. Herr von Rahden hatte, da er in Folge von Zwistigkeiten mit Maroto auf Befehl des Königs nach Aragon abging, einige Zeit in Catalonien sich aufgehalten und war dem ermordeten Grafen so werth geworden, daß dieser ihn erst spät und in Rücksicht auf den bestimmten königlichen Befehl die Reise zur Armee Cabrera’s fortsetzen ließ, nachdem er ihn mit Beweisen des Wohlwollens und der höchsten Achtung überhäuft hatte.

So war es wohl natürlich, daß die Nachricht von dem schmählichen Ende des hochverdienten Greises Herrn von Rahden unendlich ergriff; sein gewiß von jedem Deutschen getheilter Abscheu gegen das Volk und das Land, in dem solche Schandthat geschehen und unbestraft bleiben konnte, trug eben so viel, als Rücksicht auf die von spanischen Wundärzten behandelte schwere Wunde, welche ihm selbst das Reiten nicht erlaubte, dazu bei, daß er freudig die Botschaft an den König übernahm, welche ihm Cabrera kurz nachher anbot. Oft hörte ich, wenn wir über die Ereignisse des verflossenen Jahres sprachen, so reich an Verbrechen und Schande, schwer seufzend ihn äußern, daß er niederfallen werde und den Boden küssen in dem Augenblick, da er Spaniens Gränze hinter sich sehe. Er benutzte daher ohne Zögern die so günstige Gelegenheit, um die Wintermonate, die nach Espartero’s Rückzuge in Unthätigkeit vergehen mußten, angenehmer unter den Genüssen des Friedens zuzubringen, vertrauend, daß er im Frühjahre neu gestärkt zum Kampfe zurückkehren werde.

Und ich leugne nicht, daß ich mit schmerzlichem Gefühle ihn scheiden sah; ich hätte Viel geopfert, um das, was mir ein glückliches Loos schien, mit ihm theilen zu dürfen. Später freilich, da ich vernahm, wie Herr von Rahden, nach mannigfachen Gefahren die französische Gränze erreichend, zu Bourges von der Polizei einem Verbrecher gleich gefangen, gemißhandelt, ausgeplündert und endlich gar verhindert ward, zum letzten Entscheidungskampfe seinen Cameraden sich anzuschließen und bis zum letzten Augenblicke die Sache des Royalismus zu vertheidigen — sein höchster Wunsch und sein Stolz —; da freilich schätzte ich mich glücklich, daß früher mein Sehnen nicht erfüllt war, daß Polizeispione und die Gewaltthätigkeiten französischer Machthaber nicht mich zwingen konnten, aus der Ferne unthätig dem Untergange der Sache zuzuschauen, der ich, weil sie gerecht und edel war, mich gewidmet hatte.

Es ist leicht begreiflich, daß ein Mann, wie der Oberst von Rahden, in Cabrera’s Armee unendlich nützlich und wichtig sein mußte. Der General hegte zwar, wie ich später von seiner Umgebung erfuhr, anfangs auch gegen ihn die Vorurtheile, welche jeden Spanier, aus welcher Klasse er sei, gegen den Fremden stets erfüllen, und die, Erzeugniß des Nationalstolzes und der Eitelkeit, mehr und mehr in seiner Brust zu wurzeln scheinen, je tiefer er sein Vaterland erniedrigt und gedemüthigt sieht. Aber Baron von Rahden, immer der Vorderste zu der Gefahr und in ihr besonnen und ruhig, entschlossen in Rath und That und durch langjährige Erfahrung und Studien ausgezeichneter Militair, wußte bald jene Abneigung zu besiegen; ja er erwarb sich in kürzester Zeit die Bewunderung und die Freundschaft des kühnen Grafen von Morella.

Er besaß die ganz nordische, unerschütterliche Bravour, die auch dem verwegensten Südländer Staunen erregt, und mehrere Male hörte ich selbst Cabrera äußern, daß Rahden der unerschrockenste Mann sei, den er je gesehen, daß er aber solche Kaltblütigkeit nicht begreife. Da war es denn unvermeidlich, daß Viele eifersüchtig den so weit sie überstrahlenden Deutschen haßten und ihm tausend drohende Schwierigkeiten in den Weg legten, Schwierigkeiten, denen der brave Chef des Geniecorps, der, nicht sehr biegsam, nie das Recht sich entwinden, nie Unrechtes ungerügt ließ, ohne die Hülfe einiger edel Gesinnten und besonders die Stütze, welche er an dem General en Chef sich gewonnen, wohl nicht immer so siegreich hätte begegnen können.

Am Tage nach meiner Ankunft in Morella zog ich mit dem Oberst von Rahden nach dem Hauptquartiere Cabrera’s, welches so eben nach Cantavieja verlegt war, wo wir gerade vor Thoresschluß anlangten. Auf dem ganzen Wege, der einige Mal nicht über eine kleine Stunde von den vom Feinde besetzten Punkten vorbeiführte, hatten wir nur in Mirambel zwei Escadrone getroffen. In Cantavieja wurden wir mit unendlicher Zuvorkommenheit von dem Titulair-Oberst im Genie-Corps Cartagena empfangen, einem hagern, etwa sechszigjährigen Manne, dessen stiere, vorquellende Augen und immer lächelndes, immer gleich nichtssagendes Gesicht als eben so dumm wie halsstarrig ihn bezeichneten, wiewohl er nach seiner Erzählung unendlich Viel gethan und geleistet hatte. Er war in dem Kriege gegen Napoleon — Gott weiß, wie? — zum Capitain, in dem kurzen Kampfe nach der Constitutions-Epoche von 1823 zum Oberstlieutenant avancirt, nach hergestellter Ruhe aber jedesmal sofort in den Ruhestand zurück versetzt.

Im Jahre 1837 vereinigte er sich mit Cabrera, der, vom Ingenieurwesen selbst gar Nichts verstehend und keinen Officier dieser Waffe besitzend, ihn nach seiner einzigen Festung Cantavieja schickte, wo er denn bis dahin gehauset und in den Befestigungswerken, die er stets auf die zweckwidrigste Weise zu arrangiren wußte, ungeheure Summen vergeudet hatte. Der General erklärte einst, daß er mit dem verwandten Gelde das ganze Cantavieja rasiren und es neu und regelrecht befestigen könne.