Oberst von Rahden hatte dieses Individuum in jener Festung vorgefunden und ihn, da Cabrera wegen seiner Dienste in den früheren Kriegen ihn zu schonen wünschte,[110] dort gelassen, seit der Zeit aber natürlich seine weiteren Arbeiten überwacht. Es mußte daher etwa alle acht Tage ein Ingenieur-Officier nach Cantavieja als außerordentlicher Commissair reisen, um das Geschehene zu inspiciren und Ferneres anzuordnen, wobei denn zwischen dem alten Oberst und den jungen Capitains, welche solchen Auftrag bekamen, oft die sonderbarsten Scenen vorfielen, da der eigensinnige Cartagena immer gerade das Gegentheil von dem gethan hatte, was ihm acht Tage vorher vorgeschrieben und durch jedes mögliche Mittel versinnlicht war. Auch ich erhielt später abwechselnd mit dem Capitain Verdeja diese Commission und ward gewöhnlich nach vielstündigem Demonstriren mit dem Bescheide abgefertigt: „Jetzt wollen die Gelbschnabel Alles besser wissen, als wir Alten. Aber Don Ramon will es so! — Sprechen Sie doch mit ihm, daß er den rückständigen Gehalt mir auszahlt.“ Und dann versprach er Alles, um, so wie wir den Rücken wendeten, ganz nach seinem Kopfe zu handeln.
Trotz der Befehle des Obersten von Rahden und trotz unseres Ärgers, den er mit stoischer Ruhe aufnahm, brachte er es wirklich dahin, daß Cantavieja im Frühjahr als unhaltbar geräumt und gesprengt wurde, da, als der interimistische Director des Corps während der Abwesenheit des Herrn von Rahden, Oberst Alzaga, der bis dahin die Dinge gehen ließ, wie sie wollten, sich endlich entschloß, dem General den jämmerlichen Zustand der Festung anzuzeigen, der Feind bereits sein Belagerungsgeschütz heranschleppte.
Wir fanden den General im Kreise seiner Adjudanten und anderer Officiere am Caminfeuer sitzend. Es war mir doch peinlich zu Sinne, da ich wieder mich ihm vorstellte; die blaue Brille, welche früher so übeln Eindruck gemacht, hatte ich, wiewohl ich ihrer schon selten mich bediente, wieder aufgesetzt, nicht wünschend, daß ihr Weglassen einem niedrigen Beweggrunde zugeschrieben werde. Cabrera empfing mich mit: „Wie, schon zurück!“ und schlug die Bitte des Obersten von Rahden, mich zum Geniecorps zu bestimmen, mit der Bemerkung ab, daß durch dieses wissenschaftliche Corps schon zu viele Officiere den Bataillonen entzogen wären. Dennoch erlangte der Oberst bald, indem er von meinen Leiden in der Gefangenschaft und vor Allem von den schweren Wunden sprach, was nie verfehlte, Cabrera günstig zu stimmen, daß ich dem Corps aggregirt und selbst zu seinem Adjudanten ernannt wurde, was mich doppelt erfreute, da ich so mit dem verehrten Landsmann vereinigt blieb. Hätte ich geahnet, daß er sobald Aragon verlassen würde, so hätte ich freilich der Ansicht treu, die ich bei meinem Eintritt in Spanien aussprach, vorgezogen, ferner in der Infanterie fortzudienen.
Auch hier äußerte Cabrera wiederum, daß die Brillen ihm widerlich seien, er müsse einem Jeden frei in das Auge sehen können.
Nachdem Herr von Rahden seine Geschäfte mit dem General und dem Oberst Cartagena vollbracht hatte, der manche bittere Pille dabei verschlucken mußte, traten wir den Rückmarsch nach Morella an, wo ich in des Obersten Logis gleichfalls mich einrichtete. Wir bewohnten eines der vorzüglichsten Häuser der Stadt; der Balkon des großen Saales war merkwürdiger Weise mit Glasfenstern statt des sonst üblichen, in Öl getränkten Papieres versehen, und wir beschlossen, durch Erbauung eines Ofens uns einen der vielen vaterländischen, hier so lange und so bitter entbehrten Genüsse zu verschaffen.
Die drei Wochen, welche ich dann in der Gesellschaft des Baron von Rahden zubrachte, darf ich als die glücklichste Zeit betrachten, die ich in Spanien verlebte, wenn ich etwa jene einzelnen Momente der Begeisterung ausnehme, wie das Kriegerleben so mächtig sie hervorruft, die, alles Äußere zurückdrängend, in der Wonne des Kampfes und des Sieges oder irgend einer hohen That uns schwelgen machen. Und doch, wie könnte ich das Glück jener Wochen mit diesem Rausche der Empfindung zusammenstellen! Denn, wahrlich! ein Rausch ist es, der augenblicklich, unserm gewöhnlichen Selbst uns entreißend, mit neuen Gefühlen, nie gekannten Kräften uns anregt und zu Thaten treibt, über die wir selbst staunen, wenn der Geist geflohen, der die Brust uns füllte; — eine Berserker-Wuth, wie die Sage in den Helden unserer nordischen Stammverwandten beim Beginne des ersehnten Kampfes sie schildert —. Wenn aber der Rausch schwindet und mit ihm die strahlende Glorie, durch die Alles in unseren Augen verherrlicht wurde, wenn wir uns zurückgeschleudert sehen in das Treiben der Menschheit mit der Niedrigkeit und der leidenschaftlichen Erbärmlichkeit, welche vorher vor dem reineren Feuer, das in uns glühete, scheu sich versteckt hatte; dann folgt geistige Erschlaffung der Spannung, die so hoch über uns selbst und unsere Umgebung uns hob, und die Begeisterung, den tödtenden Eindrücken weichend, welche die immer wiederholten Enttäuschungen aufdrängen, löset sich in Ekel und Alles verachtende Bitterkeit auf.
Gegen das Ende Novembers kam Cabrera auf einige Tage nach Morella. Bald theilte mir Herr von Rahden mit, daß er unverzüglich nach Frankreich abreisen werde, da der Wunsch des Generals, ihn an den König zu senden, der stets zu Bourges zurückgehalten wurde, mit seiner Neigung und seinen Bedürfnissen zusammentraf. Am 30. November 1839 verließ er Morella, von dem Oberst Caravajal nebst einigen Officieren und dem Maler Lopez begleitet, einem sehr geschickten Künstler und wahren Carlisten, der früher in der königlichen Armee gekämpft und während der kurzen Zeit, die er, von Rom kommend, im Auftrage Carls V. bei dem Heere Cabrera’s gewesen war, ein sehr gelungenes Portrait des gefeierten Feldherrn angefertigt hatte.
Mein Bedauern bei der Trennung von dem einzigen Deutschen, der in der Armee sich befand — denn einige Schurken, die von der französischen und portugiesischen Legion als Deserteurs zu uns gekommen waren, verdienten nicht, so genannt zu werden — von dem Manne, dessen freundschaftlicher Theilnahme ich so sehr mich verpflichtet fühlte, war herzlich, wiewohl ich hoffte, daß er in wenigen Monaten wieder an der Spitze des Corps stehen würde, welches er geschaffen und auf eine so hohe Stufe gehoben hatte.
Etwa drei Wochen später brachten die Burschen, welche bis zu der Gränze ihn begleitet hatten, mit einem dicht am französischen Gebiete geschriebenen Billet die frohe Nachricht, daß Herr von Rahden — er war im November zum Brigade-General ernannt — wenn auch oft von Gefahren bedroht, endlich ohne Unfall Spanien habe verlassen können. Eines der Pferde, die sie zurückbrachten, wies mir Cabrera, der in Hervés erkrankt lag, mit der Bemerkung zu: „Sie werden es ihres Freundes wegen hoch schätzen.“ Es war das letzte, welches der Feind bei der Katastrophe des folgenden Jahres mir abnahm.