Es wird stets unerklärbar bleiben, was den großen Siegesherzog bewegen konnte, in eine so precäre Lage sich zu begeben und seine Massen ohne Plan und Zweck in die Schluchten zu schieben, welche allen seinen Vorgängern so unheilsvoll sich bewährt hatten. Denn hätte er einen Plan dabei gehabt, so müßte derselbe in seinen Folgen sichtbar geworden sein. Vorwärts gehen aber, still stehen, um Hunger zu leiden, und dann wieder ohne Erfolg umkehren sind gewiß nicht die Mittel, durch die irgend ein Zweck erreicht werden kann. Und wenn er etwa einen der bedrohten Punkte anzugreifen beabsichtigte, was konnte er hoffen, da er auch nicht ein einziges Belagerungsgeschütz mit sich führte, so wie denn auch gar nicht die für die Einnahme einer Festung unumgänglichen Vorbereitungen getroffen waren!
Oder wäre etwa diese ganze unbedachte Bewegung vorwärts nur auf den moralischen Eindruck berechnet gewesen? Sollte Espartero seine Streitkräfte vor den Augen der Feinde haben entwickeln wollen, damit sie, ihre Ohnmacht anerkennend, durch Unterwerfung die Mühe des Besiegens ihm ersparen möchten? Das wäre freilich eine traurige Speculation gewesen. — Es ist wahr, das erste kräftige Vorgehen der Christinos machte einen augenblicklich tiefen Eindruck auf die carlistischen Truppen und mehr noch auf das Volk; ja, ich habe von Männern, deren Urtheil ich hoch stelle, die Behauptung mit nicht ungewichtigen Gründen belegen gehört, daß Espartero damals durch rasches, entschiedenes Handeln unendlich Viel hätte ausrichten, vielleicht allem ferneren Widerstande zuvorkommen können. Die Überraschung war so plötzlich, und gar nichts war gerüstet, gar nichts gethan, was ihn wirksam zurückgehalten hätte.
Aber um so Großes zu erlangen, mußte er jede Minute benutzen; das geringste Zögern gab die Staunenden mehr und mehr sich selbst wieder und schwächte ihn, während es den Gegnern neue Kraft und neues Vertrauen verlieh. Und bedachte der geübte Rechner denn gar nicht, daß wenn das Entwickeln seiner ungeheuern Übermacht und das kühne Vorwärtsdringen moralisch hohen Einfluß üben mußte, daß dann seine unerklärbare, wochenlange Unthätigkeit und gar der endliche Rückzug allen jenen Demonstrationen das Siegel des Lächerlichen aufdrücken, daß es ihn und seine Massen — und was kann Schlimmeres dem begegnen, der moralisch zu wirken sucht? — zum Gegenstande des Spottes und der Verachtung machen mußte?
Wahrscheinlich waren es ganz andere Motive, durch die Espartero zu solch einem faux pas bewogen wurde, Motive, die mit dem alten System zusammenhängen, in das allein er, wohl sich kennend, für seine Eroberungen Vertrauen setzte. Von seinem Cabañero prächtig unterstützt, zweifelte er nicht, daß er Männer finden werde, die gern, um das in rühmlichem Kampfe Erworbene zu sichern und zu mehren, ihr Gewissen, ihren König und ihre Cameraden verkaufen würden. Der gegen Cantavieja gemachte Versuch, die neuen Verräthereien, welche mehreren Officieren das Leben, andern und sehr angesehenen, unter ihnen dem Oberst Echavaste, Amt und Freiheit kosteten, und die von allen Seiten an Cabrera eingegangenen und durch Documente bestätigten Anzeigen von versuchter Bestechung[113] zeigen zur Genüge, wie Espartero arbeitete, wie er kein Mittel scheute, um das ersehnte Ziel zu erreichen.
Und da freilich war das Eindringen in die Gebirge und das Verweilen in ihrem Innern von unschätzbarem Vortheil; Espartero konnte so mit Leichtigkeit jede sich etwa darbietende Gelegenheit benutzen, und er ermuthigte diejenigen, welche geneigt sein mochten, auf seine Ideen einzugehen. Doch noch sollte er unverrichteter Sache abziehen, da er Männer fand, die mit Verachtung seine klangreichen Überredungsmittel zurückzuweisen wußten. Wahrlich, ich wäre irre geworden an der menschlichen Natur — das letzte Jahr hatte so Entsetzliches gebracht! — wenn ich da nicht erkannt hätte, daß unter den Carlisten Viele, die weit überwiegende Mehrzahl selbst, den eigenen Werth zu würdigen wußten. Wenn auch besiegt, durften sie mit Stolz und Verachtung auf den Sieger hinabsehen, gewiß, daß er die Ehre ihnen nicht zu nehmen vermochte.
Vom 31. October bis zum 18. November standen die beiden Generale der Christinos unbeweglich in ihren Dörfern — die Besetzung der Cañada durch O’Donnell am 7. November blieb ohne weitere Folgen —; sie hatten alle Ausgänge derselben verbarrikadirt, und den Soldaten war auf das strengste untersagt, einen Schritt außerhalb der Orte zu thun, so daß sie, da bald doch nur wenige Nüsse und Eicheln als Ration ausgetheilt wurden, selbst die rings um die Dörfer eingegrabenen Kartoffeln nicht mehr holen durften, nachdem Cabrera, der zufällig zu einer Recognoscirung sich genähert, 250 Mann weggefangen hatte, welche zu jenem Zwecke von Bordon ausgesandt waren. Die Garde, am weitesten vorgeschoben, hatte natürlich den schwierigsten Stand.
Die carlistischen Führer waren indessen nicht unthätig. Zwar suchte Cabrera umsonst die feindlichen Massen in ihren Quartieren zu bestürmen; sein Angriff auf O’Donnell mißlang, und eben so wenig vermochte er Espartero’s Truppen in’s Feld oder, indem er ihnen die wichtige Straße nach dem Orcajo ganz frei ließ, zu weiterem Vordringen in das Gebirge zu locken. Er mußte sich begnügen, mit seinen Miñones bis an die Dörfer selbst vorzugehen, so daß die Freiwilligen in die Straßen und Häuser hineinschossen, wodurch der Feind viele Mannschaft verlor.