Ehe ich abreisete, hatte ich die Genugthuung, zu der Rettung einer werthen Familie, der ich mannigfach verpflichtet war, beitragen zu können. Vielleicht erinnert sich der Leser, daß, als ich im Jahre 1838 schwer verwundet ein Gefangener in Cuenca mich befand, ein junges Mädchen mit ihrer Mutter im Hospitale mich besuchte und tausend kleine Annehmlichkeiten mir verschaffte. Die enthusiastisch royalistische Familie hatte dort manche Unbilde und Beschimpfung zu ertragen, da sie, wo Carlisten ihrer Hülfe bedurften, furchtlos jedes Opfer mit Freude brachte, und selbst die kleine Paquita, unter dem Namen la hermosa facciosa — die schöne Rebellinn — bekannt, ward durch ihre Reize nicht immer gegen die Insulte der Freiheitsmänner geschützt.
Bei meiner Ankunft in Cañete ward ich von meinem alten Cameraden Echevarria fast mit Gewalt bei einer Familie eingeführt, die mich kennen und mit höchstem Interesse nach mir geforscht haben sollte. Meine Überraschung und meine Freude waren gleich groß, als ich, in das niedrige Häuschen tretend, von der herrlich aufgeblühten Paquita Cantero, nicht weniger überrascht, mich empfangen sah. Ihre Eltern waren in Folge von Espartero’s Austreibungs-Gesetz gezwungen, Cuenca zu verlassen, nachdem ihr ganzes Vermögen confiscirt war; kaum hatten sie durch List eine kleine Summe für die ersten Bedürfnisse gerettet. Ich brachte seitdem, so oft ich in Cañete war, die angenehmsten Stunden in der Gesellschaft dieser Familie zu, welche, wie zurückgezogen sie sonst auch lebte, mich ganz als Sohn vom Hause behandelte. Paquita, als das reizendste Mädchen der Gegend gerühmt, war so anspruchslos wie liebenswürdig, und nie erschien sie einnehmender, als wenn sie, die an jede Bequemlichkeit und Eleganz der höheren Stände Gewöhnte, lachend die häuslichen Geschäfte versah, welche die Verhältnisse jetzt ihr auferlegten, und die ihre Mutter, eine wohlwollende alte Dame, stolz auf die schöne Tochter, umsonst scheltend ihr abnehmen wollte.
In den ersten Tagen des Juni bekam der alte Herr, eben so exaltirter Royalist, als biederer, braver Mann, die Nachricht, daß mächtige Freunde es dahin gebracht hatten, das gegen ihn erlassene Verbannungs-Edict aufzuheben, weshalb er nach Cuenca zurückkehren und den Besitz des confiscirten Vermögens wieder antreten sollte. Er überreichte mir den Brief, mit verächtlichem Lächeln hinzufügend, daß die Christinos sehr sich irrten, wenn sie glaubten, daß er um der Güter willen seine Carlisten verlassen und neuen Insulten sich aussetzen werde.
Ich erschrack. Der Gedanke an das unglückliche Loos, welches der Familie harrte, hatte mich oftmals schmerzlich beschäftigt, ohne daß ich ein Mittel zu seiner Abwendung hätte ausfinden können; und nun wies der Arme halsstarrig selbst die helfende Hand zurück, welche gütig die Vorsehung bot! Er freilich ahnete nicht die Hoffnungslosigkeit unserer Lage, die, wie gesagt, nur Einzelnen, den Leitern, ganz klar war. Er schmeichelte sich mit der Idee, daß die jetzige Bedrängniß, wie so viele andere, vorübergehen, daß Morella, das uneinnehmbare nach der Meinung der Menge, auch dieses Mal siegreich widerstehen und Cabrera dann von neuem nach Castilien vordringen, das triumphirende Ende des Krieges rasch erkämpfen werde. Solche waren bis zur entscheidenden Stunde die Träume fast aller Carlisten, selbst vieler höher stehenden Männer; alle ließen sich fortwährend blenden und durch die ungereimtesten Hoffnungen täuschen.
So ward während des Winters allgemein erzählt, daß eine russische Armee durch Frankreich zu Hülfe komme, daß Sardinien eine Flotte senden werde, um an der Küste gegen die Christinos zu operiren, ja endlich hieß es, daß der Prinz von Asturias mit einem französischen Heere die Gränze überschreite, um Espartero im Rücken anzugreifen. Tausend und aber tausend abgeschmackte Gerüchte wurden unter Volk und Truppen verbreitet und mit Begierde aufgenommen. Auch die Religion ward zu Hülfe gerufen, um das Vertrauen aufrecht zu erhalten. Dort war die heilige Jungfrau Officieren der revolutionairen Armee erschienen und hatte den nahen Untergang derselben und den Triumph der Vertheidiger des Altares verkündet; dort hatte ein Bauer, als Heiliger verehrt, Heil zusagende Offenbarungen, und Wunder wurden häufig — von entfernten Orten her — gemeldet. Zu Ehren der reinen Jungfrau der Schmerzen aber, welche die ersehnte Hülfe bringen sollte, wurde im ganzen carlistischen Gebiete viertägiger feierlicher Gottesdienst angeordnet, weshalb auch wir in Cañete, brennende Wachsstöcke in den Händen, große Processionen der Generalordre gemäß abhielten.
Mit der Mehrzahl hegte auch Don Remigio noch immer jene Hoffnungen und war demnach taub für alle Gründe, durch die ich zur Heimreise nach Cuenca ihn zu bewegen suchte. Er wolle kämpfen und siegen mit den Carlisten; auch er wisse ein Gewehr zu handhaben, um zur Vertheidigung der Festung mitzuwirken, und wo ich aushalte, da werde auch er auszuhalten wissen, war seine stolze Antwort. Umsonst wies ich auf die hülflosen Damen ihn hin. Sie möchten für den Augenblick dulden, bald werde der Sieg alles Verlorene reichlich ihnen ersetzen.
Da schwankte ich nicht länger. Die Sache, welche ich vertheidigte, war unrettbar verloren, ihr konnte durch das Unglück einer edlen Familie nicht geholfen, selbst nicht im Geringsten genützt werden; ich wäre ein Wicht gewesen, wenn ich aus Rücksicht auf meine Sicherheit — jeder Officier, der unbefugt entmuthigende Nachrichten mittheilte, war zu augenblicklichem Tode verurtheilt, und unter den Carlisten wurde selten eine Drohung zum Scherz ausgesprochen — wenn ich deshalb schwieg und dadurch den getäuschten Greis und die Seinen, denen ich so vielfach verpflichtet war, ins Elend sich stürzen ließ. Ich führte Don Remigio zur Seite und sprach offen mit ihm über unsere Verhältnisse, ich schilderte unsere Lage und sagte ihm endlich, daß Morella erobert sei, daß Cabrera mit den Trümmern des Heeres den Ebro passirt habe. Der Arme war niedergeschmettert bei so furchtbarer Kunde und lange für Alles unempfindlich.
Dann zeigte ich ihm, daß, wenn es meine Pflicht sei, als Soldat auf dem mir anvertrauten Posten auszuharren und jede Rücksicht aus den Augen zu setzen, so lange Widerstand möglich blieb, er als Privatmann und Familienvater eine andere Pflicht habe, die, für das Beste der Seinen nach Kräften zu sorgen; daß er also, da unsere Parthei für jetzt hoffnungslos vernichtet und seine fernere Aufopferung ihr ganz ohne Nutzen war, die dargebotene Gelegenheit, um seine Familie aus dem Strudel zu retten, nicht dürfe entschlüpfen lassen. Und was sollte aus den Frauen, aus seiner Tochter werden, wenn sie in die belagerte Festung sich einschlossen! Was, wenn sie mit den Soldaten in das wilde Banditenleben der Guerrilleros geschleudert wurden!
Lange, lange stand der alte Herr unbeweglich da, in schmerzliches Nachdenken versunken; dann umarmte er mich, einen wahren Freund mich nennend, wie er unter seinen Landsleuten nicht ihn gefunden habe. Am Tage vor meinen Abmarsche nach Beteta reisete er und seine Familie nach Cuenca zurück, Glück und Segen mir wünschend, als ich mit den Sappeurs, mit denen ich bis eine Stunde vor dem nächsten feindlichen Fort ihn geleitet hatte, zurückzukehren genöthigt war. — Mit erleichtertem Herzen sah ich der Zukunft entgegen.