Am 9. Juni spät Abends langte ich in Beteta — Provinz Guadalajara — an, nachdem ich, nebst meinen Bedienten und einer Ordonnanz nur von zehn Pferden begleitet, dreißig Stunden mit weniger Unterbrechung marschirt war. Da eine feindliche Colonne jede Verbindung auf der geraden Linie unterbrach, hatte ich mehrfach Umwege einschlagen müssen und war kaum den drohenden Gefahren entgangen. Das Terrain war übrigens im Allgemeinen hügelig mit weiten, fruchtbaren Thälern; nur in der Mitte etwa zwischen den beiden Festungen durchkreuzten wir drei bis vier Stunden lang die rauhen, mit Nadelholz bedeckten Schluchten und Rücken der Sierra de Cuenca.

Valmaseda war in den ersten Tagen des Monates mit seinen Escadronen und fast der ganzen bewaffneten Infanterie in das Innere von Castilien vorgedrungen, wo er Soria durchzog und selbst bis nahe vor Burgos, Schrecken verbreitend, gelangte. Er befestigte rasch die herrliche Stellung von Carazo auf einem hohen Felsenplateau in letzterer Provinz, nicht fern vom Duero, während er verwüstend mehrere bedeutende Städte besetzte und selbst seine Vaterstadt, deren Einwohner als sehr liberal gesinnt bekannt waren, fast ganz niederbrannte, mit seinem eigenen Hause anfangend. Oberst Mondediu aber, sein Stellvertreter, wußte nicht, was er für Maßregeln ergreifen sollte, da er nur über etwa hundert und funfzig Mann Bewaffneter und die unbewaffnete Hälfte des Bataillons fidelidad al Rey nebst einigen Pferden disponirte; er wollte sich dem anschließen, was die übrigen Chefs entscheiden würden.

Das romantische Castell, welches, auf den Ruinen eines maurischen Schlosses aufgeführt, hoch die Stadt überragte, fand ich in einem traurigen Zustande. Seit Brusco’s Abreise hatte der Gouverneur, in Fortification eben so unwissend, wie eigennützig und erpresserisch in der Verwaltung, Alles gethan, was ihm gut dünkte, da Valmaseda den dort befindlichen Lieutenant du genie mit sich nach Castilien genommen hatte, dieser auch in seiner untergeordneten Stellung zu schwach war, um vorher den Ansinnen jenes Chefs fest sich entgegenzustellen. In wenigen Tagen war so viel Unnützes und offenbar Nachtheiliges gethan, so viel Nothwendiges unterlassen, daß ich mich weigern mußte, die Fortführung der Arbeiten und die eventuelle Vertheidigung zu übernehmen: wie hätte ich unter so drohenden Verhältnissen solcher Verantwortlichkeit mich unterziehen sollen!

Der Plan des Castells war übrigens höchst angemessen; aber durch Nichtvollendung des Begonnenen stand der Eingang in die Werke dem Feinde fast ganz offen, auch waren sie nur mit einem kleinen Mörser versehen, indem Valmaseda die übrige Artillerie fortgeführt hatte. Die Fabriken waren im besten Gange, eine Pulvermühle war nach dem Auffliegen der ersten mit überraschender Thätigkeit neu etablirt, und in eben jenen Tagen sollte das erste grobe Geschütz, ein Achtzehnpfünder, gegossen werden, was jedoch durch die reißend schnell sich drängenden Ereignisse verhindert wurde.

Schon war ich im Begriff, trotz den Bitten Mondediu’s mit meinen Sappeurs nach Cañete aufzubrechen, als am 12. Juni Abends ein Schreiben von Palacios aus dem nahen Peralejos anlangte, durch das er die Chefs zu einem Kriegsrathe einlud. Er erklärte uns, daß er sich entschlossen habe, mit den Truppen, welche er vereinigen konnte, nach Frankreich sich durchzuschlagen, und forderte uns demnach auf, wenn wir gleiche Absicht hätten, uns ihm anzuschließen; Brigadier Arévalo stehe mit einigen Bataillonen ein paar Meilen entfernt und werde gleichfalls mitziehen. Auf meine Frage nach der Besatzung von Cañete erwiederte er, daß sie noch erwartet werde. — Wir stimmten vollkommen mit dem vorgeschlagenen Plane überein und kehrten deshalb in der Nacht nach Beteta zurück, die Vorbereitungen zu treffen.

Am folgenden Morgen bot das Städtchen ein Schauspiel der unsäglichsten Verwirrung dar. Überall wurden Befehle, oft sich widersprechend, ertheilt und häufig nicht ausgeführt, Munitionen wurden den Truppen gegeben, Saumthiere jeder Art, mit ungeheuren Ballen der verschiedenartigsten Effecten beladen, sperrten die Straßen, die Magazine wurden geöffnet, und Jedermann erhielt Erlaubniß, so Viel zu nehmen, als er fortbringen könne. Frauen und Kinder liefen schreiend durch die Soldatenhaufen, welche bald die Llamada zum Sammelplatze rief, und die Einwohner schauten, in Gruppen vor den Thüren versammelt, stumm und niedergeschlagen dem wilden Treiben zu, während in den Mienen der Freiwilligen finsterer Trotz sich malte. Die Absicht, das Fort zu abandoniren, war klar; aber den Plan, nach Frankreich durchzudringen, verschwiegen die Chefs, so wie die unglücklichen Ereignisse der letzten Wochen, und machten die Truppen glauben, daß Depeschen von Valmaseda uns nach Castilien riefen.

Um Mittag zog endlich Oberst Mondediu mit seinen Truppen ab, eine Stunde später folgte ich mit den Sappeurs und die Mitglieder der Junta de Govierno mit ihrer Bedeckung, den Nachtrab sollte die eigentliche Garnison des Castells bilden, welches der Gouverneur bei seinem Abzuge in die Luft zu sprengen Ordre erhielt. Ehe er dieses aber ins Werk gesetzt, langte Brigadier Palacios an und befahl ihm, mit der Compagnie im Castell zu bleiben, da ein Mißverständniß obwalte: die Truppen würden nur eine kurze Expedition gegen eine feindliche Colonne machen und alsbald wiederkehren.

Wir übernachteten in dem vier Leguas entfernten Zahorejas, wo Palacios mit drei Bataillonen und fünf Escadronen mit uns sich vereinigte. Früh Morgens am 14. Juni setzten wir den Marsch nach der Provinz Soria hin fort und rasteten in dem zwei Leguas entfernten Villar de Coveta; dort erwartete uns Mondediu mit seinen unbewaffneten Compagnien, Arévalo aber war zugleich mit drei Bataillonen und vier Escadronen in dem eine halbe Stunde entfernten Coveta eingetroffen. — Drei Bataillone und zwei Escadrone von Valencia hatten sich, von Cabrera’s Armee abgeschnitten, nach Castilien gezogen, wo schon, wie erwähnt, fünf Escadrone von Aragon angelangt waren, so daß sich dort eine Colonne von sieben Bataillonen und neun Escadronen, 4200 Mann Infanterie und über 700 Pferde, unter Arévalo und Palacios vereinigte. —

Nachdem die Truppen bis gegen Abend geruht hatten, sollte dann während der Nacht die Heerstraße von Madrid nach Zaragoza, auf der am Tage vorher die Königinn Wittwe mit ihren Töchtern nach dieser Stadt gereiset war,[120] so wie die von Ziguenza in jene einmündende Chaussee passirt werden, worauf wir bald mit Valmaseda, der zweihundert Reiter und ein halbes Bataillon commandirte, uns zu vereinigen und den Durchzug durch Navarra nach der Gränze zu erzwingen hofften.