Der Wunsch, mit Brusco und den Meinen vereint zu sein, trieb mich nach Coveta, wo ich mit Arévalo’s Colonne sie zu finden hoffte. Wie groß war mein Staunen, mein Schrecken, da ich erfuhr, sie seien nicht dort, und von Arévalo auf meine Frage hörte, die Garnison von Cañete sei zurückgeblieben, damit nicht die ganze Macht des Feindes sofort auf die Abziehenden sich werfe! Ich flog wieder nach dem Villar, wo denn Palacios nach dringendem Forschen mir endlich erklärte, daß der Gouverneur jener Festung von dem Beabsichtigten gar nicht in Kenntniß gesetzt sei.
Mein Unwille bei solcher Eröffnung ist leicht zu begreifen; auf die niedrigste Art waren ja die Unglücklichen von ihren Gefährten verlassen, deren Rückzug sie durch die eigene Vernichtung sichern sollten. Augenscheinlich hatte der Umstand, daß die Mannschaft des Obersten Gil zum Theil unbewaffnet war, viel zu Palacios’ Entschluß beigetragen. Als ich ihm nun sagte, daß ich nie meine Cameraden auf solche Art verlassen würde, auch durch meine Pflicht, so lange Cañete besetzt sei, dorthin gerufen werde, antwortete er achselzuckend mit dem spanischen Sprichworte, daß die Freundschaft aufhöre, wo es sich um den Hals handele. Übrigens stehe ich nicht unter seinen Befehlen und werde daher thun, was mir beliebe, wiewohl er mich warne, da die Folgen vorauszusehen seien und ich vielleicht doch nicht mehr nach Cañete gelangen könne.
Ich leugne nicht, daß ich schwankte und lange ungewiß blieb, was ich wählen, welcher Stimme ich gehorchen sollte. Wohl wünschte ich da, in abhängiger Stellung zu sein und den Befehlen eines Chefs gehorchen zu müssen, unbekümmert, was sie geböten. Als spät am Nachmittage die Hörner zum Marsche bliesen und bald die Bataillone langsam aufbrachen, den unermeßlichen Haufen der Bagage mit Weibern, Kindern und Kranken in die Mitte nehmend; als dann auch die Cavallerie ihr folgte und endlich die letzte Escadron in ernstem Schweigen den Zug schloß: — ja, da ward mir unendlich beklemmt und wehmuthsvoll ums Herz, es drängte mich, den Abziehenden mich anzuschließen und mit ihnen der rettenden Gränze zuzueilen. Einzelne Bekannte hatten erstaunt mich dastehen gesehen und meine Absicht zu bleiben lebhaft bekämpft, und die Sappeurs, welche hinter mir aufmarschirt die Entscheidung erwarteten, murrten laut und lauter, daß ja doch schon Alles verloren sei, und daß sie sich nicht opfern würden.
Vor mir lag die Hoffnung, rasch aus dem Kriege zu scheiden, der unter den obwaltenden Verhältnissen mich nicht mehr anziehen konnte, die Hoffnung, dieses Spanien zu verlassen, wonach ich so lange glühend mich sehnte, und in das Leben der civilisirten Welt zurückzutreten; und dann, was nützte mein Bleiben? Hinter mir sah ich nur Elend und unvermeidlichen Untergang, schnellen Tod oder im glücklichsten Falle — und da war die Wahl nicht leicht — die furchtbare, so bitter empfundene Gefangenschaft. Aber dort standen die Gefährten verlassen in der Mitte der übermächtigen Feinde, die bereit waren, sich auf sie zu stürzen, um der Beute sich zu versichern; sollte ich nicht ihr Loos theilen, wie schwer es auch sein möge? Dorthin rief mich vor Allem die Pflicht. Von dem mir anvertrauten Posten durfte ich nicht feige fliehen, so lange die Unseren zur Vertheidigung ihn inne hielten, ich wollte, ich konnte nicht aus dem Kampfe, den ich mit Stolz Jahre lang gefochten, scheiden, indem ich, die eigene Rettung zu fördern, meine Untergebenen dem drohenden Schicksal überließ. Wäre dieses das ehrenvolle Ende, welches, da Verrath den Sieg uns entrissen, das höchste Ziel meiner Wünsche geworden war?
Der Kampf war sehr, sehr hart, doch die bessere Stimme siegte. Das Murren der Sappeurs rief mich zuerst zur gewohnten Energie zurück. Nachdem ich ihnen geschworen, daß ich einen Jeden, der ferner ein subordinationswidriges Wort äußere, auf der Stelle werde niederschießen lassen, und zugleich kurz die Beweggründe zur Vereinigung mit den Cameraden angegeben hatte, schlug ich an ihrer Spitze den Weg nach Beteta ein, einen letzten trauernden Blick den schon im Gebirge sich verlierenden Colonnen zuwerfend. — Meine Sappeurs aber, wiewohl sie schwiegen, zeigten eine Unruhe, eine Muthlosigkeit, die mir deutlich sagten, daß ich nicht mehr auf sie bauen dürfe. Wie konnte ich von den Burschen Anderes erwarten?
[120] Daher behaupteten die Christinos, daß Palacios diese Fürstinnen habe aufheben wollen, was gänzlich falsch ist.
XXXIX.
Am Morgen des 15. Juni befand ich mich wieder in Beteta, nachdem ich während der Nacht im Walde bivouakirt hatte. Ich fand das Städtchen traurig verwüstet, da auf die Nachricht von dem Abzuge der Garnison einige hundert Christinos herzugeeilt waren, um die Festung in Besitz zu nehmen; sie hatten in der Stadt die gräulichsten Excesse ausgeübt und sich dann zurückzogen, da sie ihren Versuch zur Überrumpelung mit Verlust von eilf Mann kräftig abgewiesen sahen. Der kleine Mörser, als die Werke gesprengt werden sollten, den Felsen hinab in eine tiefe Schlucht gestürzt, lag bei diesem Besuche der Feinde noch dort, so daß die Besatzung ihnen die Bomben in das Städtchen nur hinabrollen konnte. Erst nach ihrem Abzuge wurde der Mörser wieder hinaufgeschafft.