Ich traf dort einen Obersten von der Junta, der mit einigen Officieren schon von Zahorejas zurückgekehrt war, um das Commando der Provinz zu übernehmen. Auf seine Anfrage setzte ich ihm auseinander, daß das Castell einem regelmäßigen Angriffe nicht vier und zwanzig Stunden widerstehen könne. Er stutzte, beschloß aber doch dort zu bleiben; seine Absicht dabei konnte ich nicht wohl begreifen, da er nur achtzig Mann im Castell hatte, die er durch Austheilung von Geld und doppelte Rationen Wein bei gutem Muth zu erhalten suchte. Vier Tage später hatten die Christinos Beteta genommen und die Garnison gefangen gemacht. Der Oberst wurde auf der Flucht getödtet.

Am Nachmittage setzte ich den Marsch fort, indem ich mit einem Umwege von mehr als zwölf Leguas auf Checa, eine nicht unbedeutende Stadt in Aragon, mich dirigirte, da der Feind mit Sicherheit auf dem geraden Wege vorausgesetzt werden mußte. Von dort wollte ich dann nach Süden mich richten und die Sierra de Albarracin übersteigen, wodurch ich bis nahe Cañete mich stets in sehr schroffem Gebirge befand.

Als ich von Palacios’ Colonne mich trennte, bestand mein Detachement aus einem Sergeanten und acht und zwanzig Sappeurs nebst zwei Bedienten und einer Ordonnanz. Bei meiner Ankunft in Beteta zählte ich nur noch siebenzehn Mann, und während des Nachtmarsches nach Checa verschwanden wiederum acht, denen, während wir dort frühstückten, der Sergeant mit zwei Corporalen folgte. Wir näherten uns der Provinz el Albarracin, aus der die Mehrzahl der in unsern Compagnien stehenden Sappeurs gebürtig war, weshalb sie, von Muthlosigkeit ergriffen, die doppelt günstige Gelegenheit zu benutzen eilten, um durch die Rückkehr zum väterlichen Hause den Gefahren sich zu entziehen, welche in Cañete ihrer warteten. Das Landvolk erzählte ihnen überall, wie ich später erfuhr, daß sie die Festung schon nicht mehr erreichen würden und gewissem Tode entgegengingen.

Als ich gegen Abend in Griegos Halt machte, um zu futtern, war ich nur noch von den beiden Bedienten und der Ordonnanz begleitet; auf sie konnte ich sicher vertrauen, da sie mir ganz ergeben waren. Manuel hatte ja hundertfachen Gefahren getrotzt, um von Morella mir zu folgen, er zeigte sich stets als treuen, redlichsten Menschen und hing mit wahrer Liebe an mir, Marco aber, der Deserteur, den ich nicht lange vorher von der Todesstrafe befreite, flog jeden Wunsch zu erfüllen, ehe ich ihn auszusprechen Zeit hatte, während die Ordonnanz, welche seit meiner Ankunft in Castilien mit mir war, gleichfalls sich bewährt hatte.

Bei Sonnenuntergang brach ich auf, um den höchsten Punkt des wilden, aber fruchtbaren Gebirges zu ersteigen, das westlich vom Albarracin bis zur Sierra de Cuenca sich erstreckt und die Quellen von vier bedeutenden Flüssen dicht neben einander enthält; dann konnte ich Cañete leicht am folgenden Mittage erreichen. Die Führer betraten so eben den Saum eines dichten Waldes, als Marco, der hinter mir meine beiden Maulthiere führte, mir zurief, daß Manuel und die Ordonnanz noch zurück wären. Ich hielt das Pferd an, sie zu erwarten: Niemand erschien; ich befahl Marco, laut zu rufen: keine Antwort erfolgte. Von düsterer Ahnung ergriffen ließ ich das Gepäck ihn untersuchen; mit einem Fluche rief er aus, daß ihre Tornister fehlten. — Auch sie waren davon gegangen!

Der Schlag traf mich hart, da ich Alles, nur das nicht, erwartet hatte. Das Gefühl der bitter schmerzlichen Enttäuschung preßte gewaltsam die Brust mir zusammen; ich seufzete tief. Die Sappeurs hatte ich einen nach dem andern verschwinden sehen, ohne daß es mir mehr, als ein augenblickliches, verächtliches Lächeln entlockt hätte, während ich so ruhig blieb, als wäre Nichts geschehen, da ich von ihnen ja nichts Anderes hoffen durfte. Aber mein Manuel! Auch er verließ mich! Das erschütterte mich.

Mit dumpfer Stimme wandte ich mich zu Marco: „So gehe Du auch hin, wenn Du willst; ich werde allein mich durchschlagen.“ Doch der wackere Bursche antwortete ernst: „Nein, Herr, wohin Sie gehen, dahin gehe ich — bis zur Hölle.“ Gerührt drückte ich ihm die Hand und setzte freudiger den Marsch fort, tief nachsinnend über so Manches, was mich bewegte.


In der Masada la Fuente de Garcia, zwanzig Schritt von der Quelle des Tajo, wo ich neue Führer nehmen sollte, fand ich nur Weiber, weshalb ich bis zum Morgen dort ruhen mußte. Bald berichtete mir, als ich dann gen Süden von der Sierra hinabstieg, ein Bauer, daß er am Abend vorher in Salvacañete die Colonne des Generals Aspiroz gesehen habe, welche, 6000 Mann stark, zur Belagerung des nur drei Stunden von dort entfernten Cañete zog. Ich beschleunigte den Schritt, entschlossen, Alles zu wagen, um in die bedrohete Festung zu gelangen. Auf entlegenen Fußsteigen durch das steilste Gebirge ziehend, hoffte ich, entweder die Stadt noch nicht eingeschlossen zu finden, oder sonst bei Nacht mit Hülfe meiner genauen Kenntniß des Terrains mich durchschleichen zu können.

Um Mittag ward die Hitze in den Schluchten entsetzlich drückend, da die Felswände rings die Gluthstrahlen der Sonne zurückwarfen. Wir machten in einer kleinen Masada, die tief in einem engen Thale versteckt lag, Halt, und die Wirthinn bereitete schnell aus den reichlich mitgebrachten Vorräthen und einigen Forellen des nahen Flüßchens ein wohlschmeckendes Mahl. Die Familie so wie die Führer aßen tüchtig mit, da ja Überfluß vorhanden war, und während dann der Bauer, welcher das Gepräge der herzlichsten Biederkeit in den offenen Mienen trug, in Ablösung eines andern Führers mit mir kam, blieb sein Weib überglücklich zurück, da ich einen Schinken ihr geben ließ. Seit Jahren hatten die Armen nur Kartoffeln und Forellen gegessen, zu denen ihnen oft selbst das Öl fehlte; die unerschwinglichen Contributionen nahmen ihnen Alles.