Da wir nur noch zwei bis drei Stunden von Cañete entfernt waren, hatte ich zugleich die Bagage umpacken und ein Mantelsäckchen mit den wichtigsten Effecten nebst meinem und Marco’s Mänteln lose oben auf die Lasten placiren lassen, indem ich Jedermann anwies, im Fall des Zusammentreffens mit dem Feinde, da an Widerstand nicht zu denken war, diese auf die Schultern zu nehmen und zu retten. Getrost zogen wir dann den schmalen Fußsteig hinauf.

Eine kleine halbe Stunde mochten wir marschirt sein, als der vorausgesandte Bauer eiligen Laufes die Nachricht brachte, daß in dem Thale, zu dem wir gerade hinabstiegen, hie und da Soldaten sichtbar wurden. Ich berieth mit ihm über die zu ergreifenden Maßregeln, als einige Flintenschüsse aus nahem Gebüsch zu unserer Rechten uns aufschreckten; die Kugeln schlugen zwischen und um uns nieder, Steinsplittern über uns ausschüttend. Im nächsten Augenblick ertönte eine zweite stärkere Salve gegenüber, und dicht umschwirrten uns die Geschosse, während eins der Maulthiere verwundet zusammenstürzte. Hunderte von Christinos erschienen mit wildem Geschrei auf dem nur durch eine unbedeutende Schlucht von uns getrennten Berge und suchten raschen Laufes uns abzuschneiden. Die Gefahr war dringend. Ich sprang vom Pferde, welches auf dem steilen Felswege nur langsam vorwärts konnte, und schrie den Führern zu, das Gepäck zu ergreifen und zu fliehen; sie aber standen zitternd und riefen mit der Stimme des Entsetzens: „por Dios, misericordia!“ Nur der brave Bauer zagte nicht. Er und Marco ergriffen die ihnen bezeichneten Effecten, während ich des Letzteren Gewehr nahm und abfeuerte, worauf wir, Pferde, Maulthiere und Führer zurücklassend, den Berg hinauf flogen, weithin von den Kugeln der Feinde verfolgt.

Nach halbstündigem, furchtbar erschöpfendem Laufe, bei dem wir fortwährend die Gewehre der Christinos blitzen sahen und ihr Geschrei zur Rechten und zur Linken hörten, barg uns der Bauer in einer Waldung auf einem isolirten Berggipfel, an dessen Fuße seine Masada lag. Er eilte dann davon, uns Wasser zu bringen, da wir vom glühendsten Durste verzehrt wurden, und Nachrichten über die feindlichen Truppen einzuziehen. Auf Alles gefaßt lud ich das Gewehr; vertheidigungslos wollte ich uns nicht schlachten lassen.

Schrecklich war meine Lage, aber zu meiner Freude fühlte ich mich vollkommen ruhig und besonnen; nachdem ich auf der Charte der Provinz, die ich wenige Tage vorher von Madrid erhalten, mich orientirt hatte, gedachte ich der Heimath und so vieler Lieben in ihr, und mancher glückliche Tag, der mit ihnen mir geworden, schwebte wieder dem Geiste vor.[121] Wenn sie sähen, wie ich jetzt hülflos von drohender Gefahr rings umgeben bin! Da lag ich, den treuen Marco neben mir, unter einem dichten Busche versteckt, jeden Augenblick das Furchtbarste, die Entdeckung, fürchtend, und Marco, so ganz kindlich wie immer, fragte leise: „nos mataran, Señor?“ — werden sie uns todtschießen? — „Noch haben sie uns nicht“ war der einzige Trost, den ich dem Armen bieten konnte.

Weit unter uns aber sahen wir nach allen Seiten hin Haufen von Christinos die Thäler und Schluchten durchziehen, häufig auch einzelne Höhen ersteigen und forschend umherspähen. Bald wandte sich auch eine Schaar nach unserer Masada, und plötzlich funkelten auf einem nahen Felsberge uns gegenüber Waffen und Uniformen, daß wir, den Blicken ganz bloßgestellt, auf dem Bauche uns fortschiebend hinter einen andern, mehr sichernden Busch uns verstecken mußten. Da ward nicht fern von uns ein Rascheln im Holze hörbar — war es unser Bauer oder nahten die suchenden Feinde, uns zu verderben? Ich griff zum Gewehre und richtete mich halb auf, den Hahn spannend. Marco schlummerte sanft — wozu ihn wecken: wir hatten ja nur eine Waffe! Näher und näher kam das Geräusch, bald rechts, bald links schweifend; das gierig horchende Ohr faßte jeden Laut auf, während die Augen starr auf das Gebüsch geheftet waren, welches schon sich bewegte. Ein Hündchen sprang hinter ihm hervor, und eine weibliche Gestalt folgte demselben, ihre Freude ausdrückend, daß sie endlich uns gefunden habe.

Das Weib unsers Retters brachte den ersehnten Labetrunk, so wie einfache, aber willkommene Speise. Sie berichtete, daß die Negros, welche von Cañete, das die Besatzung geräumt habe, ausgezogen seien, überall nach mir suchten, weil sie glaubten, der fortgebrachte Mantelsack müsse Geld enthalten. Auch in ihrer Hütte wären sie gewesen und hätten ihrem Manne, den sie sofort erkannt, mit wilden Drohungen hart zugesetzt; er hätte sie aber auf eine falsche Fährte gebracht. — Rasch verließ sie uns, keinen Verdacht zu erregen, und ließ mich in neue, peinliche Unruhe versenkt: Cañete war geräumt! Da seufzte ich wohl schwer unter den mannigfachen Gefühlen, welche die Nachricht in mir erregen mußte. Und dann unser Bauer. — Von seiner Redlichkeit hing unser Leben ab.

Endlich brach die Dunkelheit an. Jede Stunde war zur Ewigkeit geworden, da wir mit Ungeduld die schirmende Nacht herbeiwünschten, von Minute zu Minute wieder zur Sonne blickend und mit Sorge den Raum messend, den sie noch zu durchlaufen hatte. Bald erschien auch unser Retter, mit einem Ausrufe der Freude begrüßt. Er bestätigte die Aussagen seines Weibes: die Garnison von Cañete hatte während der Nacht, da sie die Nachricht von dem Abmarsche der Division unter Palacios erhalten, die Festung geräumt, als das Belagerungscorps nur eine Stunde entfernt war. Sie sah sich von den eigenen Gefährten verlassen, geopfert, Hülfe war nicht möglich, und die Vertheidigung der Stadt, während sie der Sache nicht nutzte, mußte unabwendbares Verderben über die Truppen bringen. So hielt es Oberst Gil für Pflicht, sie wo möglich zu retten, keinen Falls aber ganz ohne ferneren Zweck sie der Vernichtung preis zu geben. Daher warf er sich in das Gebirge und schlug den Weg nach Beteta ein, um mit der dortigen Besatzung sich zu vereinigen und gleichfalls der Gränze zuzueilen.

Die Truppen der Feinde, die von Cañete entsendet waren, um etwaige Versprengte und Flüchtlinge aufzufangen, waren beim Anbruche der Nacht der Sicherheit wegen dorthin zurückgekehrt, so daß nun das Terrain frei war.

Ich verhehlte mir nicht, wie wenig ich zu hoffen hatte: die Marschrichtung der Garnison ließ mir gar keine Aussicht, mich ihr anzuschließen, so daß Tod oder Gefangenschaft unvermeidlich wurde. Während der Nacht zog ich dem höheren Gebirge zu, in welchem ich am folgenden Morgen viele zerstreute Soldaten von dem Rekruten-Bataillone antraf. Sie sagten aus, daß die Colonne von Cuenca unter Balboa am Nachmittage der Garnison entgegengekommen sei, sie bei Tragacete geworfen und zum Theil auseinander gesprengt habe; der Rest, kaum 800 Mann, hatte sich den Quellen der Flüsse zugewandt. So suchte ich denn möglichst rasch dorthin zurückzukehren. Mein wackerer Marco folgte mir überall willig, aber jeder Versuch, auch nur Einen der übrigen Soldaten, die augenscheinlich von panischem Schrecken ergriffen waren, zum Umkehren zu bewegen, war fruchtlos; der Krieg war beendet, sie zogen ihrer Heimath zu.