Die Guipuzcoaner zeichnen sich allgemein durch Bravour und Unerschrockenheit eben so aus wie durch die Gewandheit und Kühnheit, mit der sie furchtlos und festen Kopfes die Abgründe ihrer Gebirge durchfliegen oder leicht von Felsen zu Felsen springen; unter ihnen genoß aber das zweite Bataillon des Rufes der höchsten Festigkeit, und stolz strebte es, dessen sich würdig zu zeigen. Mit Ruhe schritten die sechs Compagnien, etwa vierhundert Mann, zum Angriff; schon sausete eine Kanonenkugel über ihren Köpfen hinweg, und der Gruß ward mit lautem Jubelgeschrei beantwortet, eine zweite schlug dicht neben den Truppen nieder und schleuderte Felsensplitter in die Reihen, manchen derben Fluch hervorrufend. Die Masse beschleunigte den Schritt. Die englischen Artilleristen fehlen selten: rechts und links stürzten die Freiwilligen verstümmelt nieder und hemmten den geschlossenen Marsch, ihr Schmerzensgeschrei, die Seele zerschneidend, verwandelte den Muth ihrer Cameraden in Rachewuth. Umsonst spieen bald die Geschütze ihnen Kartätschen entgegen, umsonst schlugen schon einzelne Flintenkugeln in ihre Reihen: nicht mehr in der ersten, stolzen Ordnung, aber mit immer wilderem Geschrei, immer rascheren Schrittes naheten die kühnen Guipuzcoaner den schwarzen Ungeheuern, die nur aus der Ferne verderblich; der Sieg war nicht mehr zweifelhaft. — Ha, was war das! Ein furchtbarer Donner ertönte zu unserer Rechten, das Bataillon, welches uns deckte, floh, unsere Freiwilligen stutzten trotz dem Rufen und dem Beispiel der Officiere. Ein zweiter Donner folgte; Eisenmassen jeder Größe umschwirrten, durchschlugen unsern Haufen, die Soldaten betäubt durch den nicht erwarteten Schlag wandten den Rücken, im nächsten Augenblick flohen sie in wilder, unbändiger Verwirrung: ein englisches Kriegsschiff, bisher hinter den Felsen verborgen, hatte sein Feuer gegen unsere Flanke eröffnet und überschüttete uns mit seinen furchtbaren Geschossen aller Arten und Formen.
Von dem ersten Entsetzen nach der ungewohnten Begrüßung zurückgekommen, waren die Guipuzcoaner bald wieder gesammelt; verstärkt durch die beiden andern Compagnien rückten sie nach kurzer Rast wieder vorwärts, nicht mehr mit so lautem Geschrei, so jubelnd und ungeduldig, aber fester und unerschütterlicher, denn sie wußten, was ihrer wartete, was sie zu besiegen hatten. Über die Körper todter und verstümmelter Gefährten führte der blutige Weg zum Siege; da flehete wohl mancher Arme umsonst die Brüder an, seine Leiden barmherzig zu enden. Wieder hüpften die Kanonenkugeln um uns und durch uns, wieder stürzten die Cameraden unter den Kartätschen. Unwillkührlich wenden sich Aller Blicke rechts, schon tritt die dunkele, ebenmäßige Gestalt des Schiffes hinter den Felsen hervor, da flammt die Helle auf, weißer Rauch säuselt empor: eine finstere Masse brauset die schreckliche Gabe daher, mit Blut ihre Bahn zeichnend, begleitet von Todesröcheln und schmerzlichem Gewimmer. Doch „Vorwärts!“ ertönen hundert Stimmen; das dreifache Feuer der Fregatte, der Batterie und der englischen Infanterie hält die Guipuzcoaner nicht auf, sie stürzen in furchtbarer Unordnung auf die Geschütze und schwingen sich federleicht über die Brustwehr. Ein augenblickliches Ringen erfolgt, das Ringen der Verzweiflung, die den Tod gewiß sieht — die zuckenden Leichen der Feinde bedeckten den Boden.
Übermüthig jubelnd stürzten sich die Guipuzcoaner auf die gehaßten, nun hingestreckten Eindringlinge; die Männer, welche so eben mit herrlichem Heldenmuthe dem tausendfachen Tode getrotzt, durchwühlten nun mit gieriger Hast die Reste der Gefallenen, nach dem erbärmlichen Metalle suchend, dem der Mensch zum Sklaven sich herabwürdigt!
Doch bald wurden die Freiwilligen von ihrem blutigen Werke aufgestört. Eine dunkele Masse nahete, klein und unansehnlich, aber sichern Schrittes und Unheil verkündend, da sie so finster gedrängt heranzog: englische Marine-Truppen eilten, unsere Beute uns zu entreißen, die wir, da das andere Bataillon nicht wie wir vorgegangen, ganz auf uns beschränkt waren. Die Unsrigen wußten der Geschütze sich nicht zu bedienen, gedachten ihrer wohl gar nicht. Rasch geordnet sandten sie einen dichten Kugelregen den feindlichen Massen entgegen, doch sie nahete; ihre Reihen wurden lichter, wie sie vorwärts drang, aber die Masse nahete stets. Die Reihen der Carlisten wankten, dieses lautlose, immer ruhige, immer sich gleiche Vordringen war ihnen unheimlich, übernatürlich. Schon waren die Fremdlinge wenige Schritte von dem genommenen Werke; noch eine Salve, sie muß die kleine Schaar wegfegen: weit über den Köpfen der Andringenden flogen die Kugeln hin, die Basken flohen aufgelöset ihrer ersten Stellung zu, sofort von den Kugeln der Engländer verfolgt. Vergeblich strebten einige Officiere, den Strom aufzuhalten; mein Schweizer, der schon leicht verwundet nicht von der Spitze seiner Compagnie gewichen, tobte, flehete, stach in Verzweiflung auf seine fliehenden Grenadiere — zum kleinen Häuflein zusammengeschmolzen. Eine Flintenkugel streckte ihn neben mir nieder, und kaum gelang es, ihn hinter die schützende Höhe zu schleppen.
An neuen Angriff war nicht zu denken: das Bataillon hatte mehr als die Hälfte seiner Leute, noch mehr der Officiere verloren. Da auch auf den andern Punkten der Linie der Kampf ohne dauernden Erfolg gewesen, wenn auch mit weit geringerem Verluste der Carlisten, ward der allgemeine Rückzug anbefohlen. Um Mittag standen wieder die Vorposten sich gegenüber, ruhig mit einander rauchend und trinkend, und über den Bergen schwebte die heitere Ruhe, die ich so oft bewundert. Ein Fremdling hätte geglaubt, in den Schoos tiefen Friedens und Glückes versetzt zu sein.
Am Abend jenes Tages saß ich neben dem Lager des Verwundeten. Die rechte Brust war ihm durchbohrt, er konnte die Nacht nicht überleben; schwer athmend lag er abwechselnd in wilden Phantasien und in schlaffer, fast besinnungsloser Abspannung. Endlich schlug er die Augen auf, Thränen füllten sie: er faßte sanft meine Hand und sprach mit zitternd leiser Stimme von der fernen Heimath, von den Theuren, die dort liebend seiner gedenken mochten, von seiner Mutter...! Sie ahnete wohl nicht, daß der einzige Sohn, auf das Schmerzesbett gestreckt, der letzten unvermeidlichen Stunde so nahe sei! Noch ein Mal drückte er lautlos mir die Hand. — Auch ich gedachte des Vaterlandes, gedachte der Lieben, die ich vielleicht nie wieder sehen sollte, ich rief so manche glückliche Stunde, nun auf immer entflohen, mir zurück, malte mir aus, was der Norden Lieblichstes beut: da gab ich der stillen, sehnsuchtsvollen Wehmuth mich hin, die in dem Glücke der Vergangenheit ein neues Glück, noch zarter, sich schafft.
Am folgenden Morgen ward mein braver Schweizer mit militairischem Pompe beerdigt. Ich fühlte seinen Verlust wie den eines Freundes: im fremden Lande, im Getümmel des Krieges, wenn man allein unter dem kalten, theilnahmlosen Geschlechte dasteht, wenn rings der Tod lauert und droht, wenig Augenblicke nur dem Genuß zu gewähren — da schließen sich die Bande auch leichter und enger, und Jeder eilt, das seltene, flüchtige Glück nicht ungenutzt zu lassen.
Einzelne Gefechte und Scharmützel ohne Bedeutung hatten kaum während des ganzen Monats Juni die Unthätigkeit in Guipuzcoa unterbrochen, da unsere Streitkräfte sich größtentheils nach andern Punkten gezogen hatten, Evans aber, ehe er zur Ausdehnung seines Gebietes schritt, wohl erst das schon Genommene befestigen und sich dadurch einen Anhaltspunkt für den Fall eines Unglücks sichern wollte. Graf Casa Eguia war durch den General Villareal im Oberbefehle ersetzt, der, Capitain unter Ferdinand VII. und seit dem ersten Augenblicke des Aufstandes in seiner vaterländischen Provinz Alava thätig, das besondere Vertrauen Zumalacarregui’s verdient hatte. In der That zeichnete er sich als Brigade- und Divisions-Chef durch Kaltblütigkeit und Bravour aus; es fehlte ihm aber ganz an dem zur Leitung einer Armee nöthigen Überblicke, weshalb er in der Menge seiner Bataillone sich selbst verwickelte und sie nicht anzuwenden wußte.