Mit Villareal war das System der Expeditionen zur Herrschaft gekommen. Während der General die feindliche Veste Peñacerrada bedrohete, und dadurch Cordova zwang, seine Pläne auf das Bastan-Thal aufzugeben und von Navarra nach Alava zu eilen, hatte Gen. Gomez die Provinzen verlassen und schon auf dem Marsche nach Asturien die Reserve-Division des Feindes vernichtet. Der Sieg ward durch das Land mit Jubel gefeiert: Glockengeläute, auf den Plätzen angezündete Scheiterhaufen, öffentliche Tänze und Freudenfeuer verkündeten die Theilnahme des Volkes. Auch Gen. Garcia bestand mehrere Kämpfe in Navarra und zerstörte einige Forts der Zubiri-Linie, mußte sich jedoch beim Nahen der Übermacht stets zurückziehen.

Ich hatte mich während der selten unterbrochenen Muße mit dem Studium der Sprache, wie mit fortwährenden Ausflügen durch das Land beschäftigt, welche noch angenehmer waren, da Pferd, Waffen und Gepäck endlich von den Staats-Schmugglern über die Gränze gebracht waren, wobei natürlich die Gefahr der Contrebandiers, wie der Gendarmen Kurzsichtigkeit, die Nachlässigkeit der Douaniers und die zufällige Abwesenheit der Patrouillen ihren fixen Preis hatten. Im Anfange Juli benachrichtigten uns endlich unsere Spione von Angriffs-Plänen des Feindes, deren Ziel jedoch unbekannt war; in der Nacht vom 10. zum 11. Juli meldeten die Vorposten, daß Bewegungen in den ihnen entgegenstehenden Truppen bemerkbar würden: der geschäftige Lärm, der von dem Hafen von Passages herübertönte, deutete an, nach welcher Seite Evans seine Streitkräfte richtete. So wie der Morgen graute, wurden Schüsse aus dem rechten Flügel unserer Linie hörbar und folgten von Minute zu Minute mit mehr Lebhaftigkeit. Achttausend Mann, aus spanischen und Legions-Truppen bestehend, sollten Fuenterrabia, dann Irun nehmen, und so den Carlisten die Verbindung mit Frankreich auf der großen Heerstraße abschneiden.

In Begleitung des Generals ritt ich zum Kampfplatze, wo unsere Schwäche, da im ersten Augenblick nur zweihundert Mann dem Feinde gegenüberstanden, uns nur erlaubte, ihm das Vorrücken so viel wie möglich zu erschweren[14]; so gelangte er denn, wenn auch mit Verlust, bis fast unter die Mauern von Fuenterrabia. In dem Verhältnisse, in dem unsere weiter entfernt stehenden Truppen anlangten, war der Widerstand kräftiger geworden, nun gingen wir zur Offensive über; die Engländer wiesen den Sturm anfangs fest zurück und benutzten jedes Zaudern zu erneuertem Vordringen, als aber ihre spanischen Bundesgenossen hart gedrängt wichen und selbst in Unordnung geriethen, mußten auch sie weichen. Sie zeigten, wie gewöhnlich, hohe Ruhe und Todes-Verachtung. Langsam zogen sich ihre Massen, von Schützen schwach gedeckt, zurück, in jeder Stellung hielten sie an, wie um auszuruhen, und vertheidigten sich eine Zeit lang gegen unsere Tirailleurs-Linien, die sie von Berg zu Berg, von Schlucht zu Schlucht auf dem Fuße verfolgten, oft stark drängten und ungestraft in die geschlossenen Haufen hineinschossen, ohne daß die schwerfälligen englischen Schützen, wie viele auch brav das Leben auf ihrem Posten opferten, die leichtfüßigen Guipuzcoaner hätten zurückhalten können. Ich glaubte den Kampf beendigt, da die Feinde fast schon ihre ursprüngliche Stellung wieder erreicht hatten, und ich freute mich, daß wir, wiewohl ohne entscheidenden Sieg davon zu tragen, die Versuche des überlegenen Feindes so rühmlich zurückgewiesen.

Der General hielt auf einem Hügel, von dem wir einen Theil der Feuerlinie übersehen konnten, als ziemlich fern zur Rechten lebhafteres Feuer gehört wurde, weshalb ein Adjudant, mit dem ich, da er französisch sprach, näher bekannt geworden, Befehl erhielt, dorthin zu eilen; da hier schon Alles ruhig war, begleitete ich ihn. Da die Truppen einen stark eingehenden Bogen bildeten, suchten wir auf der kürzesten Linie zur Stelle zu kommen, bogen um die scharfe Ecke eines mit Unterholz bedeckten Hügels und... sahen, dreißig Schritte entfernt, ein Detachement christinoscher Jäger vor uns. Schon waren die Büchsen auf uns gerichtet: mein Gefährte sank todt vom Pferde, das meinige stürzte nach einem verzweifelten Sprunge zu Boden, halb mich bedeckend, während die Ordonnanz, welche hinter uns ritt, in gestrecktem Galopp davon jagte. Im nächsten Augenblicke war ich umringt und unter dem Pferde hervorgezogen — eine Kugel hatte mir das Bein, doch nicht gefährlich, verletzt. Halb betäubt blickte ich um mich, in die dunkeln Gesichter der Jäger, ich zweifelte noch und konnte mir das Schreckliche nicht möglich denken; ich fühlte mich zagen bei dem Gedanken: ich bin gefangen.

Gefangen! Wo waren nun meine herrlichen Träume, wo waren Auszeichnung und Krieges-Ehre und alle die stolzen, wilden Hoffnungs-Gebilde, die meine Brust so oft stürmisch gehoben hatten! — Da freilich hatte ich wenig Zeit zu solchen Betrachtungen. Ich verfluchte auf gut deutsch mein Geschick; bemühete mich, die Fragen des feindlichen Officiers französisch zu beantworten, und machte gute Miene zum bösen Spiel, dem Feinde durch festen Muth auch im Dulden zu imponiren. Doch wurde ich damals sehr gut, selbst mit Rücksicht behandelt, und da ich den Soldaten meine Börse ausgehändigt, ward ich nicht weiter ausgeplündert.

Oberstlieutenant Evans hatte, wie er sagte, seine Recognoscirung auf Fuenterrabia glücklich ausgeführt und sich dann zurückgezogen; oder, wie alle Welt sonst unverschämt es nannte, sein Plan, Irun und Fuenterrabia zu nehmen, war ganz mißlungen, und er hatte lebhaft gedrängt und mit schwerem Verluste in seinen Verschanzungen Schutz suchen müssen. Solche verschiedene Versionen waren damals sehr gebräuchlich, und man sah wahrhaft wunderbare Dinge in dem Genre. Das Detachement, in dessen Hände ich gerathen, hatte sich seinem Bataillone angeschlossen und zog mit ihm nach kurzer Rast der Festung zu, wohin auch ich geführt werden sollte. Man glaubte meiner wohl ganz sicher zu sein, da ich innerhalb der Linien doch schwerlich entschlüpfen konnte: so blieb ich fast ganz unbeachtet, bald an der Tete, bald weit zurück marschirend und gelegentlich mit irgend einem Officier einige Worte wechselnd, der mit seiner Kenntniß des Französischen paradiren wollte. Meine Gedanken schweiften unstät umher, bis sich bald alle in dem Streben und der Hoffnung concentrirten, die Freiheit wieder zu erlangen; die Idee schon gab mir neue Kraft und erhöhete meinen Muth. In der That schien die Gelegenheit günstig sich darzubieten.

Am Nachmittage machte das Bataillon in einem kleinen Weiler Halt, worauf die Soldaten, erschöpft wohl vom Kampfe und der Hitze des Juli-Tages, theils in den Schatten der Bäume sich niederstreckten, theils zu den Häusern eilten, Lebensmittel oder Getränk sich zu verschaffen. Eine Zeit lang saß ich ruhig auf einem Steine, besorgt, keinen Verdacht zu erregen, spatzierte dann auf und ab und schlug, da Niemand auf mich achtete, den Weg nach San Sebastian ein. Eine Minute später hatte ich die Heerstraße verlassen und erstieg, durch Bäume und Gebüsch verborgen, rechts die Höhen-Reihe, die längs dem Meere sich hinzieht. Das Dörfchen blieb weit unter mir links zurück, als ich Entdeckung fürchtend in dichtem Gesträuch den Abend zu erwarten beschloß. Da lag ich in furchtbarer Spannung regungslos. Knaben trieben, kaum zehn Schritte entfernt, ihr Vieh zu einer Lache, die nur der Busch von mir schied; dann hörte ich einen schweren Tritt langsam nahen: da zitterte ich. Das Gesicht halb mit dem Basken-Barett bedeckt, stellte ich mich schlafend; das Geräusch näherte sich, hörte auf, näherte sich wieder, schon war es neben mir. Fest geschlossenen Auges und regelmäßig athmend lag ich da. Wohl Minuten stand das unbekannte Wesen über mir — eine Ewigkeit schienen sie mir —, dann setzte es ohne andern Laut seinen schwerfälligen Marsch fort, häufig wie vorher ihn unterbrechend. Lange, lange schon hörte ich nichts, ehe ich ein Auge halb zu öffnen wagte: nichts war sichtbar. War es ein Mensch? War es ein Thier? Es ist mir stets ein Räthsel geblieben.

Endlich brach die ersehnte Dämmerung an. Ich eilte aus meinem Versteck und folgte raschen Schrittes dem Höhen-Zuge, der längs dem Meere nach Fuenterrabia mich führen sollte. Die herrliche Sommernacht erleichterte den gefährlichen Marsch, der Glanz der Gestirne, auf dem dunkeln Blau des spanischen Himmels heller leuchtend, ersetzte das Licht des Mondes; ein sanfter, kaum fühlbarer Hauch von der See her störte nicht die wohlthuende Ruhe der Natur. Selbst die Wogen des Vizcaischen Meeres, immer fast stürmisch erregt, murmelten lieblich zu meiner Linken, und ich war mehrfach versucht, schwimmend ihnen mich anzuvertrauen. — Etwa eine Stunde lang folgte ich der Höhe, oft erschreckt durch das Säuseln des Grases oder den Schall eines Steinchens, den mein Fuß den Abhang hinabrollen machte, nicht selten athemlos mich zu Boden werfend, wenn ein verdächtiger Laut mein Ohr traf. Da plötzlich ward dumpfer Lärm zur Seite hörbar, Lichter funkelten am Fuße des Berges, und ich stand über jähem Abgrunde, in dessen Tiefe große dunkle Körper aus der Silberfläche des Wassers erkennbar waren. Ich befand mich über dem Hafen von Passages, von einer Schlucht gebildet, die den Felsenzug durchschneidet, der das Meer hier begränzt, und deren Eingang so schmal ist, daß nur ein Schiff zur Zeit ihn passiren kann; zwischen dem Hafen und dem Felsen bleibt nach Frankreich hin ein kleiner Raum, der gerade eine Straße, Pasages de Francia genannt, fassen konnte. Pasages de España liegt auf der Westseite der Bucht, die es nur mit seiner schmalen Seite berührt, da der Felsen, fast perpendikulär auf ihre Wasserfläche sich senkend, nicht wie im Osten den Ort zu erbauen erlaubte.