Rascher Entschluß war nöthig: den folgenden Tag durfte ich keinen Falls erwarten, dazu war kaum die Nacht angebrochen, vielleicht konnte ich im geschäftigen Treiben der Stadt unbemerkt den Hafen passiren. Auf Umwegen suchte ich den südlichen Abhang hinabzusteigen, ich glitt bald weite Stellen hinunter, stolperte dann über Felsen und Baumwurzeln und mußte Hecken überspringen und mehrere terrassenförmig angelegte Gärten forciren; an Händen und Gesicht verletzt sah ich mich endlich wieder auf der Heerstraße. Ich durchschritt langsam und mit gleichgültigem Äußern die Straßen der Stadt, in denen Matrosen und Soldaten[15], fast alle Engländer, sich durch einander drängten, und erreichte bald den Quai; neue Verlegenheit: eine Brücke existirte nicht, Umgehung der Bai war nicht möglich, da ein Fluß in sie einmündet. Doch Zaudern vermehrte nur die Gefahr. Ein Boot, in das ein fein gekleideter Mann, wohl ein britischer See-Officier sich gesetzt, war im Begriff abzustoßen, ich sprang hinein. Der Engländer fragte mich englisch, wer ich sei, dann, da ich nicht antwortete, spanisch, worauf er, da ich einige unverständliche Worte murmelte, abzustoßen befahl, ohne Zweifel nach meinem Anzuge für einen Officier des baskisch-christinoschen Corps mich haltend, chapelgorris — Rothhüte — genannt, da sie wie wir das farbige Basken-Barett trugen. Am andern Ufer angekommen, grüßte ich ihn und verschwand in einem Gäßchen, welches in die Häuserreihe einschnitt. Der Weg führte auf den Felsenriff, der, nur durch den Hafen von dem getrennt, auf welchem ich bis hieher gekommen, längs dem Meere fortlief, derselbe, auf dem ich den ersten Kampf gekämpft, in dem mein armer Schweizer den Todesschuß erhielt. Die steile Höhe war bald erstiegen.
Der schwierigste Theil der Flucht stand noch bevor: ich mußte die Vorposten-Linie des Feindes passiren, wobei die Helle der Nacht, die mir bisher so günstig gewesen, nun zum Hinderniß wurde. Über Felder und hinter Hecken fort schlich ich mit Vermeidung aller Wege den Posten zu, die ich endlich Gewehr im Arm ihren regelmäßigen Gang auf und ab spatzieren sah. Umsonst versuchte ich den Durchgang nahe bei dem Meere: die Chaine war bis zu der hohen Felsküste ausgedehnt; umsonst schlich ich hinter der Linie auf und ab, eine weniger scharf bewachte Stelle suchend. Da machte ein helles „quien vive?“ das Blut mir in den Adern gerinnen — ich stand bewegungslos, lautlos — nochmals ertönte nicht dreißig Schritt vor mir der furchtbare Ruf; dann war Alles still. Lange, lange stand ich wie eine Statue, es mochten Minuten sein, mir schienen sie Jahre; endlich begann ich rückwärts zu gehen, Fuß vor Fuß, besorgt, dem etwa forschenden Auge durch veränderte Stellung einen neuen Gegenstand der Aufmerksamkeit darzubieten. Schon wagte ich langsam mich umzudrehen: ein neues „quien vive!“ — ich stand wie vom Blitz getroffen. Da antwortete eine sanfte weibliche Stimme von der andern Seite her, und rasch gingen zwei Bäuerinnen, hohe Körbe auf den Köpfen tragend, wenige Fuß von mir entfernt vorüber. Ich benutzte das Geräusch ihrer Schritte, um mich gleichfalls von dem gefürchteten Posten zu entfernen.
Doch wozu mehr der Schrecken jenes Abends! Ein Hund, mit lautem Gebell mir folgend, trieb mich zu rasender Verzweiflung, daß ich mit dem Messer auf ihn stürzte, ihn zu tödten; dann die Patrouillen, die fast mich berührend, den im Schatten eines Felsen oder Busches Hingestreckten unbemerkt ließen! Wohl darf ich sagen, daß ich nie später, nie früher solches Gemisch, so raschen, erstarrenden Wechsel der Hoffnung und des Schreckens, der Anspannung aller geistigen und körperlichen Fähigkeiten und plötzlicher Erschlaffung empfand, die doch wieder dem Drange des Wollens weichen mußte; dazu der Schmerz, stets wachsend, und die Lähmung der Wunde, die, wiewohl leicht, durch die entsetzliche Anstrengung in jedem Augenblick empfindlicher wurde. — Hoffnungslos wollte ich den Versuch machen, mit Gewalt die Kette zu durchbrechen. Einer der Posten rief mich an, da eine englische Patrouille dicht hinter mir erschien: ich ward umringt und fortgeführt, von Neuem ein Gefangener.
Der Sergeant, mit dem ich einige Worte gewechselt, geleitete mich zu der großen Schanze über Passages. Da er dort seinen Bericht abgestattet, erhob sich dumpfes Gemurmel: „the spy, the spy!“ unter den Leuten, der dort commandirende Marine-Officier aber befahl kalt dem Sergeanten: „give him to the Spaniards to shoot him“; mit gleich kalter Verbeugung wandte ich mich, dem Sergeanten zu folgen. Doch der erklärte, daß ich englisch spreche, was Allem eine andere Wendung gab. Nachdem ich eine Viertelstunde mit dem Officier mich unterhalten, wobei ich, da nach spanischem Gesetz der entflohene Gefangene Todesstrafe hat, als zufällig nach dem Gefechte zu weit vorwärts gegangen und verirrt mich angab, ging ich Arm in Arm mit ihm nach Passages hinunter, wo wir mit einigen andern Engländern mehrere Flaschen leeren mußten. Dann fuhren wir auf einem kleinen Boote nach San Sebastian und blieben während der Nacht auf dem Dampfschiffe Isabel, dessen Bemannung ganz aus Engländern bestand. Nachdem wir trotz der mir offen ausgesprochenen Ansicht Aller, daß ich am andern Tage würde erschossen werden, bis lange nach Mitternacht gescherzt und getrunken, schlief ich bis zum Frühstück auf einem Sopha, worauf einer der Officiere, nachdem alle feierlich den Abschiedstrunk mir gereicht und herzlich Gutes wünschend meine Hand gedrückt hatten, zum Oberstlieutenant — im Dienste Christina’s General-Lieutenant — Evans mich begleitete.
Unpäßlich empfing er mich im Bette und befragte mich um manches die Faktion, wie in Spanien die carlistische Parthei gewöhnlich genannt wird, und mich selbst Betreffende; wenn ich da die Antwort meist umging, konnte ich natürlich über das, was die Politik des Vaterlandes und dergleichen anging, nur meine Unwissenheit erklären. Dann sagte er mir, daß ich, da die Legion kein Pardon erhielte noch gäbe, sofort hätte erschossen werden müssen, daß er aber, da ich doch als Hannoveraner Unterthan desselben Königs und eigentlich ein „halber Engländer“ sei, den Spaniern als Gefangenen mich übergeben werde. Ohne dieses Mal gegen das half english, das so guten Dienst mir leistete, zu protestiren, folgte ich freudig dem Officier, der dem Gouverneur der Citadelle mich übergeben sollte, und ward bald in das mir bestimmte Zimmer eingeschlossen, nachdem der Gouverneur, ein Spanier, mich hatte scharf durchsuchen und unter nichtigstem Vorwande Alles, was ihm anstand, mit Beschlag belegen lassen.
Mein Zimmer bestand aus einem großen Rechteck mit zwei Alkoven, in deren einem ein Strohsack, das einzige Meubel sich befand. Täglich zwei Mal erschien ein altes Weib, mir einen kleinen Teller in Öl gekochter Bohnen und ein Stückchen Ekel erregenden Brodes zu bringen; für schweres Geld, durch den Verkauf des mir nicht Entrissenen verschafft, konnte ich Chocolate, der Spanier gewöhnliches Morgengetränk, haben; andere Erquickung war versagt, und selten nur mochte Etwas hereingeschmuggelt werden. Der Zufall wollte, daß ich mein Handbuch des Spanischen und ein anderes mir werthes Buch in der Tasche gehabt, sie konnten die Habsucht nicht reizen und waren daher ein herrlicher Trost in der Einsamkeit des Kerkers mir geblieben; sie las, durchdachte ich wieder und wieder. Und dann ging ich Stunden lang auf und ab, zur fernen Heimath versetzt, das Vergangene von Neuem durchfühlend, alles mir Theure den Augen des Geistes vorzaubernd. Die Gefühle jener Stunden klangen oft erhebend in die bittere Niedergeschlagenheit hinüber, die wohl den Gefangenen auch geistig fesseln wollte.
Es war mir erklärt, daß, so wie ich das Fenster öffnete, auf mich geschossen würde; es ging aber, wenigstens dreißig Fuß über dem Boden erhaben, auf einen Theil des Wallganges, auf dem mehrere Schildwachen standen, und der rings von entsetzlichem Abgrunde umgeben Flucht unmöglich machte, da der einzige Pfad mitten durch die Wache führte. Bald wagte ich denn auch, vorsichtig mein Fenster zu öffnen, und o Freude! es blieb fast immer unbemerkt, so daß ich auch der herrlichen Aussicht und der frischen Meeresluft mich erfreuen durfte.
Links bis zum Horizont dehnte sich die blaue Meeresfläche, bald bewegungslos wie ein Spiegel leuchtend, bald thürmte es im wilden Kampfe der Elemente seine Wogen häuserhoch und hüllte mit dumpfem Gebrüll das Felsengestade in Schaum. Fast immer schmückten es ein- und auslaufende Schiffe oder zahllose Fischerboote, häufig zog die leichte, feine Gestalt einer englischen Fregatte meine Aufmerksamkeit an oder ein Dampfschiff, stets gleich sicher die Wellen durchschneidend, schien die dunkeln Qualm-Wolken in langem Schweife sich nachzuziehen. Etwas weiter rechts erhob sich einem Gewölk nicht unähnlich die Hügelküste Frankreichs, auch bei Nacht durch das Feuer der Leuchtthürme weithin sichtbar. Vor mir breitete sich in seiner ganzen Schönheit das Thal aus, in dem die Straße nach Passages hinläuft, oft von den Schaaren der Christino’s und ihrer britischen Genossen durchzogen; eine Schiffbrücke verbindet es mit der Festung. Dann erschien der Hafen mit seinem Mastenwalde, und über ihm hinaus erhoben sich stufenweise die Gebirgsreihen, zu denen die Carlisten nach der Ankunft der englischen Legion zurückgedrängt waren. Von dort drang nicht selten das Getöse des Gefechtes zu mir, oder der Schüsse Blitzen, wenn der Kampf bis in die Nacht sich verlängerte, durchzuckte in rascher Folge die Dunkelheit. Das waren die elendesten Tage der Gefangenschaft!
Tief unter der Citadelle bot die Stadt den größten Theil der Straßen meinem Blicke dar, und deutlich unterschied ich das immerwährende Getümmel auf dem Marktplatze, auf dem die Spanier einen nicht unbedeutenden Theil ihres Lebens zuzubringen pflegen. San Sebastian ist nicht regelmäßig gebaut, aber sehr freundlich, die Straßen sind schmal, da der kleine Raum sorgfältig benutzt wurde, die Häuser, sonst geschmackvoll, durchgehends sehr hoch, oft sechs, sieben Stockwerke auf einander gethürmt. Die Stadt liegt auf einer durch eine hohe isolirte Felsmasse gebildeten Halbinsel, die im Norden vom Meere, im Westen vom Hafen und nach Morgen von einem Meeres-Arm umgeben ist, welcher sich so weit erstreckt, daß er vom Hafen nur durch eine schmale Landenge getrennt ist, die die kleine zwischen dem Felsen, dem Arme und dem Hafen eingeschlossene Ebene, auf der die Stadt gegründet, mit dem Festlande verbindet. Die Befestigung besteht nach der Landseite aus einem Kronwerke, nach dem Meere zu ist San Sebastian durch das auf dem Felsberge errichtete, nur auf schmalem, vielfach sich windendem Wege zugängliche Castell ganz gedeckt und beherrscht. Die Festung ist in der That eine der festesten und durch seine Lage wichtigsten des Königreiches; sie möchte am besten von der Westseite her anzugreifen sein, wo jenseit des Meeresarmes der Höhenzug, welcher bis Passages ununterbrochen hinläuft, innerhalb Kanonenschußweite zur Höhe des Castells sich erhebt, während jener Arm zur Zeit der Ebbe ohne Schwierigkeit passirt wird. Dort besonders hatten die Carlisten vor der Ankunft der Legion die Werke errichtet, die wegen Mangel an Material nur zur Blokade dienten, von dort aus griff Wellington’s englisch-spanische Armee die Festung an und nahm sie nach kräftiger Vertheidigung.