Die Einförmigkeit der Gefangenschaft wurde oft, wiewohl nicht angenehm, durch die Engländer unterbrochen, die in großer Zahl im Zustande der Trunkenheit und wegen Insubordination[16] als Arrestanten auf dem Wallgange oder im äußern Hofe sich befanden und wohl unter meinen Fenstern ihre Spiele trieben. Der Anblick war furchtbar widerlich, ich würde nicht ihn zu beschreiben wagen. Doch frappirte mich wiederholt die Bemerkung, daß unter diesem Abschaum des Inselreiches Männer sich fanden, die augenscheinlich einer höhern Sphäre angehört, andere, deren Erziehung ihrem jetzigen Zustande moralischen wie physischen Elendes ganz unangemessen schien. Ich erinnere mich, daß einer der Soldaten seine mit Narben bedeckte Brust entblößend schwur, daß er nicht mehr den feindlichen Lanzen trotzen werde, da man so ihn lohne, worauf ein Zweiter ihm Horaz’s schönes „dulce et decorum est pro patria mori“ anführte. Ein anderer Elender aber, in seinen grauen Mantel, seine einzige Kleidung, gehüllt, und im Schatten ausgestreckt, erwiederte trocken: „sed dulcius vivere pro patria.“
Sechs Wochen waren verflossen, sechs traurige Wochen, als die Ordre Cordova’s anlangte, der gemäß ich nach Vitoria sollte abgeführt werden. Froh verließ ich an einem der letzten Tage August’s das Castell, um auf dem Dampfschiffe la reyna gobernadora nach Santander eingeschifft zu werden. Die Officiere des Schiffes, wiederum sämmtlich Engländer, empfingen mich eben so zuvorkommend und herzlich wie früher die der Isabel, ja sie zeichneten mich so aus, daß, während zwei christinosche Officiere, die die Überfahrt mit machten, in beliebigem Winkel auf der Erde schliefen und aus eigenem Vorrathe kalte Küche genossen, ich an der Tafel der Officiere Theil nahm und selbst in des Capitains Cajüte ein Bett mir bereitet fand. Überhaupt zeigten die Engländer hohen Unwillen, gar Verachtung gegen ihre spanischen Gefährten, und wohlthuend war es mir, die Bravour der carlistischen Officiere sie mit Bewunderung anerkennen zu hören, da sie stets an der Spitze ihrer Krieger die Ersten auf den Feind sich stürzten, während die constitutionellen Officiere in den ersten Jahren des Krieges häufig hinter Felsen und Bäumen versteckt die freistehenden Soldaten zum Vorrücken ermunternd gesehen wurden. Ein Adjudant des Generals Jauregui erregte unser Lächeln, da er mit Depechen nach Santander im Augenblick der Abreise anlangte und da auf seine ängstliche Frage ein Midschipman sehr ernst ihm antwortete, daß wir wohl stürmisches Wetter haben würden, sofort mit seinen Depechen in das Boot zurücksprang und nicht wieder erschien. Capitain, Officiere, alle Welt erklärte sich für gänzlich überdrüßig dieses Krieges mit solchen Bundesgenossen; sie verhehlten sich nicht die Elemente der beiden Partheien für den Sieg und für den Widerstand, ihre Verhältnisse und die Neigungen des Volkes.
Nach nur zu rasch geendeter Fahrt längs der Küste Vizcaya’s warfen wir auf der Rhede von Santander Anker, nachdem man mich auf einen Felsen aufmerksam gemacht, den die britischen Seeleute wegen seiner Ähnlichkeit mit des Feldherrn Adlernase Wellington’s nose genannt haben. Bald erschien ein Platzadjudant mit einem Detachement, dem er unter meinen Augen zu laden befahl, und da ich an Bord das Abschieds-Glas geleert und viele warme Händedrücke und Wünsche empfangen, ward ich in dem Boote ans Land und in der Mitte von acht Soldaten zum Gefängniß geführt. Doch hatte der Anblick englischer Höflichkeit so viel vermocht, daß der Adjudant beim Fortgehen mir gleichfalls die Hand reichen und seiner Theilnahme mich versichern zu müssen glaubte, was wiederum auf die Artigkeit des Kerkermeisters wohlthätig wirkte; so lange ich nämlich Lust hatte, seine Gefälligkeiten, sein Bett und die Speisen seiner Küche zehnfach zu bezahlen. Da ich jedoch nach kurzer Zeit in Rücksicht auf meinen traurig zusammenschrumpfenden Geldbeutel erklärte, daß ich mit dem mich begnügen werde, was mir als Gefangenen ausgesetzt sei, sah ich mich plötzlich auf Schwarzbrod reducirt, indem mir mürrisch erklärt wurde, das mir bestimmte Geld reiche nicht hin, um irgend Etwas zu kaufen. Die Aussicht war trostlos; doch ward ihr nach ein Paar Tagen ein Ende gemacht, da ich, von einer Escorte von zwanzig Mann umgeben, Santander verließ und auf einem Esel die Straße nach Burgos entlang zog.
Bisher hatte ich geglaubt und geklagt, daß ich schlecht und allem Völker- wie Krieges-Rechte zuwider behandelt werde, doch sollte ich nun erkennen, wie relativ der Begriff des Guten und Schlechten ist und wie die Ideen unserer liberalen Gegner über Ehre und Recht von denen der andern Europäer abwichen. Während des Tagemarsches durfte ich in der That nicht klagen, denn wenn der Officier sich ganz gleichgültig zeigte, so thaten die Soldaten dagegen, was sie nur thun konnten, um das Harte meiner Lage mir weniger fühlbar zu machen; die christinoschen Soldaten waren meistens nicht wegen individueller Meinung in jenem Heere: durch Gewalt waren sie ausgehoben, Furcht, Gewohnheit, oft Gleichgültigkeit hielt sie fest. So bestand denn das Unangenehme nur in den Volkshaufen, die lärmend, oft drohend, mir durch die Ortschaften folgten, und in den Diners, die ich von neugieriger Menge umringt, stets auf dem Marktplatze halten mußte, oder in den Bemerkungen der Weiber.
So wie wir aber Abends im Nachtquartier anlangten, begann das Elend. Irgend ein unterirdisches Loch ohne Fenster noch Luftzug, geschwärzt von Qualm und Rauch, stinkend und voll Ungeziefer, der Landplage Spaniens, nahm mich auf, oder — noch widerlicher — ich sah mich mit den niedrigsten Verbrechern beider Geschlechter, zwischen denen Kinder im Schmutz sich wälzten, in engem Kerker vereinigt, deren freche Vertraulichkeit ich mit Mühe zurückweisen konnte, während die Scenen, die unter solchen Menschen vorauszusetzen, mit Ekel und Abscheu mich füllten. Glücklich schätzte ich mich, wenn ich selten ein Mal in einem Fort der Obhut eines Officiers und einer militairischen Wache übergeben wurde. Wohl darf ich meine Überzeugung aussprechen, daß, wäre ich der Sprache wie später Meister gewesen, hätte ich irgend eine Geldsumme zu meiner Verfügung gehabt, es mir nicht schwer geworden wäre, mit Leuten und Waffen, ja mit den Officieren vielleicht, mich davon zu machen und den Meinigen sie zuzuführen. Ihre Unterhaltung, ihre Fragen, einzelne Bemerkungen verriethen, wo nicht immer Geneigtheit für die carlistische Parthei, Kälte gegen die, welche sie vertheidigten, und vor Allem die nun in allen Classen der Spanier so gewöhnliche Verderbtheit, welche, wenn ihr Interesse angeregt, wenn ihnen genug geboten wird, sie bereit macht, schnöder Geldgier Alles zu opfern.
Nachdem wir die hohe Kette überschritten, die so reich an malerischen und majestätischen Scenen von dem Hauptstamme der Pyrenäen bis Galizien sich hinzieht, und da wir den Ebro seiner Quelle nahe mehrere Mal passirt hatten, wandten wir uns links von der Straße von Burgos über Reynosa, Pancorvo und Miranda auf Vitoria. Ich dachte der Zeiten, in denen auf eben diesen Gefilden Wellington’s Armee der Herrschaft Napoleon’s in der Halbinsel den letzten entscheidenden Schlag gab; ein Gefangener fand ich mich, wo einst so viele meiner braven Landsleute, viele persönlich mir Theure in den Reihen des siegreichen Heeres gekämpft. Mannigfache Empfindungen mußte der Gedanke in mir hervorrufen!
General Cordova hatte das Commando niedergelegt und in Folge der neuen gewaltthätigen Änderung der Verfassung nach Frankreich sich zurückgezogen, weshalb ich den Ebro entlang wieder über Miranda, Arro und Logroño nach Calahorra geführt wurde, wo General Oraa, der interimistisch den Oberbefehl übernommen, einen Angriff auf Estella vorbereitete. Wir trafen ihn am 13. Sept. früh im Augenblicke des Abmarsches, da schon die Truppen aufgebrochen waren. Er ertheilte Ordre, mich bis auf Weiteres in das Depot zu Logroño zu placiren, wohin ich abgeführt wurde, nachdem ich von einem Mordversuch der Soldaten der Garnison gerettet war. Wie immer auf dem Marktplatze von der müßigen Menge umringt, genoß ich ruhig die Chocolate, welche ein alter Capitain, der in Rußland Kriegsgefangener gewesen, mir übersandt. Da nahten sich fluchend mehrere Soldaten und warfen der Escorte vor, daß sie mich nicht längst unterwegs getödtet hätten; sie schimpften auf den Ehrenmann, der mir die Chocolate geschickt: die Liberalen könnten auf der Straße verhungern, ohne daß Jemand sich ihrer annehme. Der Lärm tobte jeden Augenblick mehr, laut ward mein Blut gefordert, schon berührten die Bajonete meine Brust, Messer funkelten: ich strebte als braver Carlist fest zu sterben. Doch die kleine Escorte, deren Zuneigung ich erworben, drängte sich zu meinem Schutze, sie stieß die Wüthenden mit Kolbenstößen zurück und entriß mich mit Mühe dem tobenden Pöbel, der durch die Straßen bis ins Freie mit Mordgeschrei uns folgte. Mehrere Verwundungen waren vorgekommen.
Am folgenden Tage sah ich in dem zur Caserne umgeschaffenen Kloster der Jesuiten von Logroño ein kleines, reinliches Zimmer sich mir öffnen, in dem ein junger spanischer Officier in französischer Sprache sein Vergnügen ausdrückte, daß die traurige Gefangenschaft durch so angenehme Gesellschaft ihm erleichtert werde.
[13] Die Bataillone bestehen in Spanien aus acht Compagnien, von denen zwei, die Grenadier- und die Jäger-Compagnie, als Elite — de preferencia — bezeichnet werden. Sie formiren an der Tête und Queue des Bataillons, wählen ihre Leute aus den übrigen Compagnieen und haben im Kriege, da sie stets ergänzt werden, oft die doppelte oder dreifache Stärke derselben. Sie sind stets die ersten und letzten dem Feinde gegenüber, leiden daher immer unverhältnißmäßig, weshalb die Officiere, die besten des Bataillons, auch mehr Avancement haben, wenn sie mit dem Leben davonkommen. Die Compagnie, welche 125 Mann stark sein soll, zählt einen Capitain, zwei Premier-, zwei Seconde-Lieutenants. Im Kriege führt sie natürlich oft ein Seconde-Lieutenant, in mehreren Fällen sah ich selbst einen zweiten Sergeanten — Unterofficier — die Compagnie mehrere Tage lang commandiren, da stets außerordentlich viele Officiere der Carlisten, ganz im Gegensatze der Christinos, blieben.