Und die Carlisten? Ohne Zweifel regten ihre Anführer zu blutiger Rache sie auf, vergalten Drohung mit Drohung, Tod mit Tod? — General Eraso, der in den Thälern von Ober-Navarra befehligte und nach Ladron’s Ermordung seine Stelle als Chef des Aufstandes einnahm, indem er den Seinen den Tod ihres Führers anzeigte, forderte sie auf, zu bedenken, daß sie für eine gerechte Sache, für die Religion der Liebe kämpften, daß sie daher nicht Böses mit Bösem vergelten, auf die Gerechtigkeit ihrer Anstrengungen gestützt vielmehr durch Großmuth die Wuth der Revolutions-Kämpfer bändigen, den durch die Bravour errungenen Sieg verschönern müßten. — So beantworteten anfangs der Carlisten Anführer die immer erneuten Drohungen und Gräuel der Generale Christina’s.
Zumalacarregui übernahm das Commando. Seine Armee wuchs täglich an Zahl und Furchtbarkeit, er schlug den Feind, nahm Forts und machte zahllose Gefangene: entweder sandte er sie auf ihr Versprechen, nicht mehr dem Feinde zu dienen, in die Heimath oder gab ihnen, wenn sie es begehrten, die Waffen für ihren König. Seine Gegner, Rodil, Mina und die vielen untergeordneten Führer, fuhren fort, jeden Carlisten niederzumetzeln, und beantworteten seine wiederholten Anträge für menschliche und völkerrechtliche Kriegführung gar nicht oder durch Hohn. Zumalacarregui drohete wieder und wieder: — neue Schlächterei! Die Christinos hielten sich stets für die Stärkeren und daher — sehr logisch — für gerechtfertigt in Allem, was sie thun möchten, ihr Übergewicht zu sichern oder ihrer Vernichtungs-Wuth zu genügen. Da durfte Zumalacarregui nicht länger die Rücksichten der Menschlichkeit gegen den Feind vorwalten lassen; die Pflicht gegen die Seinen und gegen die Sache, welche er vertheidigte, schrieb seine Maßregel vor: er befahl zu Repressalien zu schreiten, für jeden außer Gefecht getödteten Carlisten einen Gefangenen zu erschießen. Da auch dieses ganz wirkungslos war, ordnete er für jeden Gemordeten die Erschießung von zehn der zahlreichen Gefangenen, die seine Siege ihm täglich in die Hände spielten, und deren doch die größere Zahl lebend blieb. Fühllos bei dem Jammer der Ihrigen, wie sie bei dem Todes-Zucken der Gegner es gewesen, fuhren die feindlichen Generale in ihrem Blut-System fort: jeder Gefangene ohne Ausnahme wurde erschossen. Indem er die Gräuel verfluchte, die er durch alle Mittel zu verhüten gesucht, befahl da auch Zumalacarregui, daß fortan den Feinden kein Pardon gegeben werde — bis sie ihre Ausrottungs-Dekrete zurücknähmen und menschlichere Art der Kriegführung adoptirten.
So war das Schreckenswort ausgesprochen: von beiden Seiten Kampf auf Leben oder Tod. So hatten ihn die Christinos gewollt, so ward er ihnen; doch der carlistische Feldherr, auf das Äußerste gereizt, verleugnete sein inneres Gefühl nicht. Er stellte es dem Feinde anheim, durch Aufhebung des Systemes, das ihn zu Gleichem gezwungen, sogleich dem Blutvergießen willkommenes Ende zu machen.
Während des Jahres 1834 und im Anfange 1835 wurde der Krieg mit allen Schrecknissen der Vernichtung fortgeführt. Und doch betrachten wir näher das Betragen der beiden Armeen während jener Zeit! Die Christinos, es ist wahr, hatten nicht häufig Gelegenheit, an carlistischen Gefangenen ihre Wuth zu äußern; aber findet sich wohl ein Beispiel, daß sie in solchem Falle der Unglücklichen verschont hätten? Fielen sie nicht Alle unter ihren Streichen! Und nicht nur die Waffen tragenden Freiwilligen, auch deren Väter und Brüder, friedliche Landleute, ja entfernte Verwandte, Frauen und Kinder wurden von den feindlichen Colonnen in fühlloser Wuth hingeopfert. Bald fanden sie nur noch die verlassenen Dörfer vor, da jedes menschliche Wesen bei ihrer Annäherung in die unzugänglichsten Gebirge entfloh; zur Strafe plünderten sie dann die Wohnungen, brannten beim Abmarsch sie nieder und verkündeten wieder Tod einem Jeden, der seinen Wohnsitz verlasse.
Zumalacarregui aber erfocht Sieg auf Sieg, er schlug die feindlichen Divisionen, eroberte Fort auf Fort, reinigte nach und nach die baskischen Provinzen und Navarra und machte selbst Einfälle jenseit des Ebro nach Castilien; es ist leicht zu erachten, daß während der langen Sieges-Periode viele Tausende in seine Hände fallen mußten. Der Befehl, keinen Pardon zu geben, existirte fortwährend, denn die Feinde hatten keinesweges mildere Saiten aufgezogen. So sanken Tausende — unter ihnen General O’Doyle, O’Donnel, dessen zwei Brüder in den Reihen der Royalisten mit Auszeichnung fochten, und andere hohe Officiere — unter dem rächenden Arm der Carlisten, Opfer der Grausamkeit ihrer eigenen Feldherren. Aber dennoch siegte oft Menschlichkeit und Großmuth über die Gebote der Klugheit; dennoch rief Zumalacarregui in den glorreichen Tagen, da er die Divisionen O’Doyle und Osma vernichtete, seinen Freiwilligen, die die Fliehenden niedermachten, zu, vom Blutbade abzulassen, da er so Entsetzliches nicht sehen könne — und achthundert der Feinde wurden gefangen fortgeführt und durften in die Bataillone der Sieger eintreten; dennoch entsandte er die im Hospital von los Arcos gefundenen Officiere und Soldaten und selbst die Garnison, welche im Fort verzweifelten Widerstand geleistet, frei nach Logroño, während einige Meilen von dort Mina mehrere verwundete Carlisten, die er in der Pflege von Bauern in der Nähe von Pamplona entdeckte, hervorschleppen und erschießen, diese Bauern erschießen, einen Jeden, der Bedauern ausdrückte, erschießen und dann die Häuser, in denen die Verwundeten verborgen gewesen, niederbrennen ließ.[17]
Unzähligen Gefangenen gab der carlistische Feldherr die Waffen, so selbst sein strenges Rache-Gesetz umgehend, da doch längst die Erfahrung ihn belehrt, daß die Mehrzahl, des entbehrungreichen Lebens der Carlisten bald überdrüssig, bei erster Gelegenheit zu ihren früheren Cameraden zurückkehrte. Andere entließ er, da sie geschworen, nicht mehr gegen die Sache des Königs zu fechten; und wenige Tage später standen sie wieder ihm gegenüber, da die Generale der Revolution, nicht gesonnen, solches Versprechen zu achten, die Verschonten zu einer andern Division zu versetzen sich begnügten, um ihre Wiedererkennung im Falle eines zweiten Unglücks zu erschweren.
Und welchen Eindruck machte so edles Verfahren auf die Christinos? Da sie nicht ein einziges Beispiel der Milde alle dem entgegensetzen können, müssen sie nicht vielmehr zugestehen, daß, so oft Zumalacarregui sein Repressalien-Gebot in der ganzen Strenge ausführte, eine neue blutige That ihrerseits vollgültigen Grund dazu gegeben, ihn zur Unterdrückung seiner Gefühle und Neigungen gezwungen hatte?
Lord Elliot erschien auf dem Kriegsschauplatze, um durch die Vermittelung der britischen Regierung, der Verbündeten Christina’s, den Vertrag in’s Leben zu rufen, der den Kriegsgefangenen Leben und Auswechselung sicherte. Die Carlisten empfingen freudig seine Anträge; die Christinos zögerten und widerstrebten, und als ihr Oberfeldherr dem Dringen des britischen Bevollmächtigten nachzugeben wagte, da erhoben die wilden Exaltados ihr Geschrei gegen ihn, als Schwächling, ja als Verräther ihn stempelnd. Zumalacarregui im Auftrage seines Monarchen nahm unbedingt die vorgeschlagenen Artikel an; die Christinos beschränkten den Vertrag auf die Armeen der Nord-Provinzen, während in Galicien, Catalonien, Aragon, Valencia und der Mancha, wo zahlreiche Carlisten-Corps sich gebildet, der Krieg wüthete. Umsonst forderte Zumalacarregui, die Wohlthaten des Vertrages auf die ganze Halbinsel ausgedehnt zu sehen. In den Nord-Provinzen fühlten die Christinos sich schwächer und mußten befürchten, daß das Gewicht der erbarmenlosen Kriegführung ferner, wie so lange schon, auf sie zurückfallen werde: da gaben sie nach. In den andern Provinzen aber hielten sie sich für die Stärkeren, dort, hofften sie, sollte die Wagschale des Blutes ganz zu ihren Gunsten sich senken; sie hüteten sich wohl, durch Zulassung des allgemeinen Vertrages die Hände sich binden zu lassen.
Carl V., wohl zu sehr der Stimme der Menschlichkeit allein Gehör gebend, nahm dennoch den so verstümmelten Vertrag an und gab dadurch das einzige Mittel aus der Hand, durch das er, wo er überlegen war, die Gewaltthaten der Revolutionäre gegen die Schwächeren hätte zügeln mögen. Erst spät, als sie auch dort die Macht der Carlisten schwer über die ihrige sich erheben sahen, willigten die Feinde ein, für die Armeen von Aragon und Catalonien ähnliche Übereinkünfte zu treffen; freudig boten die Carlisten die Hand dazu. Der Sieg entschied sich für die Christinos. Da beeilten sie sich — Espartero im Frühjahr 1840 —, die lästigen Banden abzuschütteln, welche nur die Noth ihnen aufgezwängt, und der Oberfeldherr verkündete in einer in allen Städten und Dörfern angehefteten Generalordre,[18] daß fortan den Rebellen, die Widerstand leisteten, kein Pardon gegeben werde.