In Galicien aber und in der Mancha waren die Truppen der Königinn stets den royalistischen Guerrillas überlegen; sie hatten also gar keinen Grund, ihre Neigungen zu verleugnen, und konnten ohne Furcht und ohne Rücksicht ihr Schreckens-System auf den höchsten Grad treiben. Da wurde ein jeder Gefangene und jeder carlistisch Gesinnte erschossen, ihre Angehörigen mit Schimpf vertrieben, die der Anführer nach langen Qualen ohne Gnade hingemordet; da starben die neun und dreißig Verwandten des Haupt-Chefs in der Mancha, D. Vicente Rojero — Palillos —, getödtet ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, die Frauen bis zum letzten Augenblicke zur Befriedigung viehischer Lust benutzt — das ungeborne Kind ward der zum Tode geschändeten Mutter, der Enkelin Palillos’s, aus dem Leibe gerissen und füselirt, um keine Spur von Leben zurückzulassen;[19] gefangene Chefs wurden in Galicien geviertheilt, die zuckenden Glieder als Trophäen über die Stadtthore ausgesteckt. Und wenn da Palillos, nur noch der Rache lebend, das furchtbare: „es sterbe alles Lebende“ aussprach, wenn jene Unglückliche, zum Tode getroffen in Allem, was dem Menschen theuer, was ihm heilig ist, in der Raserei der Verzweiflung nur Vernichtung athmeten und mit Wollust die Gehaßten hinopferten; — dann wurden sie der Welt als fluchwürdige Ungeheuer dargestellt, aller Schonung und allen Mitleides unwürdig!


So weit die kämpfenden Heere. Und das Volk? Es wäre eben so ermüdend als widerlich, hier in detaillirte Beschreibung aller der tausendfach wiederholten Excesse mich einzulassen, die in fast allen Theilen, allen Hauptstädten der Monarchie gegen Carlisten ausgeübt wurden, weshalb ich mich begnüge, diese Gräuel im Umrisse anzudeuten.

Zuerst wandte sich die Wuth des Volkes gegen die Mönche: in Madrid erstürmten wilde Haufen die Klöster, ermordeten viele seiner Bewohner, verjagten die übrigen, welche bei jedem Schritte neue Mißhandlungen zu leiden hatten; die Regierung wollte oder mußte schweigen. Zaragoza, Barcelona, Valencia, fast alle Hauptstädte der Provinzen und viele andere Orte folgten dem Beispiele der Residenz: die Mönche wurden niedergemetzelt oder im Falle hohen Glückes ins Weite gejagt, Hungers zu sterben oder den carlistischen Guerrillas sich anzuschließen, denn die erbärmliche Unterstützung, die die Regierung ihnen zusagte, wurde Jahre lang nicht gezahlt. Dann wurden die herrlichen Klostergebäude geplündert, oft zerstört, die reichen Denkmale der Kunst und Wissenschaft, die in ihnen aufgehäuft waren, barbarisch vernichtet, die Kirchengüter um Spottpreis hingegeben, die Kostbarkeiten verschwanden unter den Händen der Behörden, denen Niemand Rechenschaft abforderte, die heiligen Gefäße wurden zum niedrigsten Gebrauche mit Spott herabgewürdigt. Wer Schmerz, wer Bedauern auszudrücken wagte, war ein Feind des Volkes und litt als solcher.

Als General Guergué im Jahre 1835 nach Catalonien gezogen war, fiel der ausgezeichnete Oberst der Cavallerie O’Donnell mit einigen hundert Mann in die Gewalt der Feinde; der Elliot’sche Vertrag sicherte ihm das Leben, und er ward mit vielen andern Gefangenen in die Citadelle von Barcelona eingeschlossen. Am 4. und 5. Januar 1836 erhob sich das Volk der Stadt und forderte den Tod der Gefangenen. Die Behörden zogen sich nach einigen Vorstellungen zurück und beschlossen, sich ganz passiv zu verhalten. Das Volk erstürmte ohne Blutvergießen die feste Citadelle, deren Gouverneur ohne Vertheidigung die Thore zu schließen sich begnügte, die Gefangenen wurden hervorgeschleppt, schrecklich mißhandelt und ermordet. O’Donnell mit 107 seiner Gefährten erlitt solches Geschick. Das Volk überhäufte mit Schimpf den Leichnam, schleifte ihn durch die Straßen, verschlang ihn endlich zum Theil, nachdem es ihn geröstet hatte. — Der commandirende General Mina gab auf Anfrage der Regierung als Veranlassung der Schauderthat die Ermordung aller Gefangenen im carlistischen Fort Nuestra Señora del Hort an; die Königinn Wittwe übersandte der National-Garde von Barcelona, die hauptsächlich jene Scene veranlaßt und ausgeführt, eine Ehrenfahne. Am 24. Januar nahm General Mina das Fort del Hort; sämmtliche christinosche Gefangene, deren Tod die Ursache jener Ereignisse gewesen, wurden unversehrt gefunden: Mina ließ die ganze Garnison erschießen!

Andere Städte eilten auf die Nachricht der Ereignisse in Barcelona jubelnd zur Nachahmung; durch ganz Catalonien hallte der Todesschrei, floß Blut, nur in Tarragona gelang es, die Gefangenen durch rasche Einschiffung zu retten. In Zaragoza wurden zur Beruhigung des Volkes zwei carlistische Officiere zum Tode verurtheilt und erdrosselt, bald vier andere, die deportirt werden sollten, auf Verlangen des Pöbels, welcher mit drohendem Geschrei den Gerichts-Saal umtobte, gleichfalls verurtheilt und ermordet; die Richter, welche nicht für den Tod gestimmt hatten, entkamen kaum durch die Flucht. In Cartagena brach der Aufstand im Mai aus, und einige zwanzig Carlisten fielen als Opfer; die Behörden blieben ruhige Zuschauer.

Im Anfange Juni’s ward Brigadier Torres, der Nordarmee angehörend, bei Huesca gefangen und nebst einem Oberst und zehn Officieren in Jaca erschossen, weil — Cabrera die Officiere der geschlagenen Colonne Valdez habe erschießen lassen. Die Christinos hatten die Ausdehnung des Pardons auf die Heere von Aragon verweigert; jetzt benutzten sie die Folgen ihrer Weigerung als Vorwand für den Bruch des Zugestandenen. Carl V. aber hatte auf die Kunde der Ermordung O’Donnell’s eine Proclamation erlassen, durch die er die Seinen aufforderte, fern von ähnlichen Ausschweifungen, stets dem gegebenen Worte treu die Gefangenen mit Großmuth zu behandeln und ihm die Sorge zu überlassen, welche Maßregeln die Wiederholung solcher schändenden Grausamkeiten verhüten möchten. Es ist in dem ganzen Kriege nicht ein Beispiel zu finden, daß das Volk, wo die carlistischen Behörden herrschten, seiner Wuth habe ungezügelt sich hingeben können. Die Stellvertreter der Königinn gaben entweder dem wilden Drängen des Volkes nach, oder stellten sich gar an dessen Spitze oder — — wurden ermordet. Wie selten finden wir in den tausendfach wiederholten Aufständen, daß die Behörden mit Kraft ihnen entgegenzutreten und die Ruhe zu erhalten wußten!

Denn tausendfach wurden solche Scenen wiederholt, tausendfach floß bis zum Schlusse des Krieges in allen Theilen Spanien’s das Blut wehrloser Carlisten oder carlistisch Gesinnter, und wenn ich diese Thatsachen nicht weiter anführe, ist der Abscheu der Grund, der sie zu detailliren mir unmöglich macht. Sie sind so vielfach besprochen, durch die öffentlichen Blätter zu ihrer Zeit so verbreitet, daß mein Schweigen darüber wohl keiner Mißdeutung fähig ist. Dagegen fordere ich jeden Christino, jeden der revolutionären Regierung Spanien’s Anhängenden auf, zu forschen, wo je von den Carlisten, so wie ihre Feinde sie nicht gezwungen, ähnliche Grausamkeiten begangen sind, wo sie nicht auf das Treuste den eingegangenen Verpflichtungen nachgekommen sind, wo sie — so oft vergebens — nicht die Hand zuerst zum menschlichen Kriegführen geboten haben. Wohl mag ich freudig das Resultat des Forschens erwarten. Ja, wie oft — und wieder fast immer vergebens — haben sie, während ihre Gegner am blutigsten gegen sie wütheten — sie durch herrliche Beispiele der Großmuth und Milde zu edlerem Verfahren zu zwingen gesucht, nicht ahnend, daß der Mensch auch dagegen kalt und fühllos bleiben könne!

Doch muß ich, ehe ich schließe, auf eine frühere Bemerkung zurückweisen: ich leugne nicht, daß von einzelnen Individuen, Carlisten oder unter deren Namen, verabscheuungswürdige Thaten begangen sind; sie können auf das Ganze oder zu seiner Beurtheilung keinen Einfluß üben. Dazu kann nur die Tendenz der Parthei, ihres Königs und ihrer Führer dienen; diese Tendenz habe ich gezeigt und der der christinoschen Parthei und ihrer Führer[20] jeder Art gegenübergestellt, so weit sie den gerade zu behandelnden Gegenstand betrifft. Übrigens werde ich selbst Gelegenheit haben, einzelner, von Einzelnen ausgeübter Grausamkeiten und Erbärmlichkeiten zu erwähnen, protestire aber ganz gegen die Art, mit der solche benutzt sind, um das Urtheil derer, die nicht aus persönlichem Anschauen schließen können, falsch zu leiten, so wie gegen die Urtheile, welche auf solche nicht nur einseitige, sondern auch ganz entstellte Darstellungen gegründet sind.

[17] Alles buchstäblich. So führte auch Zumalacarregui, da er in Vitoria eingedrungen, eine Anzahl Gefangene fort; unterweges erfuhr er, daß Einige der Seinigen, die in den Händen der Garnison geblieben, erschossen seien, was natürlich den sofortigen Tod der Christinos zur Folge hatte.