Bald jedoch verdarb die Schwäche des Generals, der unglückliche Gang der Ereignisse und die Abneigung der Cabecillas, was die Kraft kaum erreicht hatte und nur Kraft erhalten konnte. Orejita war der einzige unter den Chefs der Mancha, welcher wahrhaft das Beste der Sache im Auge hatte und daher mit Eifer die Pläne des Generals adoptirte; bald ward er auf einem Zuge durch den südlichen Theil der Sierra Morena von überlegener Zahl überrascht, sein noch nicht ganz ausgebildetes Bataillon von der feindlichen Cavallerie niedergeritten und vernichtet, er selbst mit fast allen seinen Officieren getödtet. Jara und Palillos dagegen beugten sich nur gezwungen augenblicklich unter die Zucht, die Don Basilio etablirt hatte; ein Jeder suchte den Andern zu verdrängen und bei dem General herabzusetzen, da sie, Beide das Commando in Anspruch nehmend, die höchste Eifersucht und selbst Haß gegen einander hegten, der verschiedene Male blutige Streitigkeiten unter ihren Truppen erzeugt hatte. Beider Streben aber war auf Unabhängigkeit und auf Abschütteln der lästigen Controle gerichtet, die seit der Ankunft der Expeditions-Division auf jeder ihrer Bewegungen lastete.
Die Lage Don Basilio’s war in der That schwierig; anstatt aber mit nie rastender Thätigkeit und Energie lediglich dem ihm vorgesteckten Ziele nachzugehen, anstatt auf jede Art die beiden Anführer zur Einigkeit und zum Befördern der einzigen, endlichen Sieg verheißenden Kriegsart zu bewegen, gab er bald dem Einem, bald dem Andern Gehör, begünstigte den gerade Gegenwärtigen und regte dadurch die Leidenschaften immer mehr auf. Vielleicht mochte er glauben, durch Intrigue und Schlauheit leichter sie zu bändigen, als mit Gewalt, da daraus wohl offene Widersetzlichkeit ihrer Schaaren gegen ihn und folglich gänzliches Fehlschlagen des Zweckes seiner Expedition hervorgehen konnte. Nach und nach gewann Jara, der listig und fein ihm zu schmeicheln wußte, sein Vertrauen und nahm ihn gegen den geraden, derben Palillos durch vielfache Verleumdungen ein, bis dieser, über die wiederholt erlittenen Zurücksetzungen erbittert, zur großen Freude seiner Reiter ganz von Don Basilio sich trennte. Da machte der General unkluger Weise die Spaltung auf immer unheilbar, indem er laut drohete, Palillos zu erschießen, wenn er seiner habhaft würde. Palillos sprach die gleiche Drohung gegen den General aus und that entschieden feindselige Schritte gegen die Division, fing auch sein altes Plünderungswesen von neuem an. Don Basilio ließ mehrere Reiter, die er zerstreut getroffen, füsiliren; Palillos drohte Repressalien auszuüben: offener Krieg war im Begriffe auszubrechen. Da erkannte Don Basilio, daß der Zweck des Zuges ganz verfehlt und nun unerreichbar sei, daß längeres Verweilen in der Mancha der Sache nur noch schaden könne. Er entschloß sich schweren Herzens, das Unmögliche aufzugeben und die Rettung der Trümmer seines braven Corps zu versuchen. Es sollte nur in der Vernichtung das Ende seiner Leiden finden.
Am 26. März hatte die Miniatur-Division in Valdepeñas auf der großen Heerstraße von Madrid nach Sevilla und Cadix ein glorreiches Gefecht bestanden, da sie vom General Flinter, seit seiner Auswechselung nach Gomez Expedition commandirender General der Mancha, mit 5000 Mann am Mittage angegriffen wurde; die Christinos hatten alle Zugänge der Stadt besetzt und mehrere Gefangene in den Häusern gemacht, ehe — unglaubliche Nachlässigkeit des Generals! — die Nachricht ihrer Annäherung bekannt wurde. Dennoch brachen, als endlich der Generalmarsch sie aufschreckte, die Bataillone compagnieweise, wie sie einquartiert waren, durch die Feinde sich Bahn, formirten sich auf dem Felde in Sturm-Colonnen und kehrten sofort zum Angriffe zurück. Bis zur Mitte der Stadt drangen sie mit aufgepflanztem Bajonnett vor, so den größten Theil der Gefährten rettend, welche, da sie vorher das freie Feld nicht hatten erreichen können, aus den Fenstern der Häuser die Feinde niederschossen. Nur dreißig Mann Infanterie und fast die ganze Escadron der Legitimität, welche vom Feinde in ihrem Quartier überrascht war, fielen in die Hände der Christinos, wogegen die Division auf dem Rückzuge, den sie unverfolgt bewerkstelligte, vierzig Gefangene fortführte.
Mehrere Wochen hindurch wurde das Corps in höchst aufreibenden und schwächenden Märschen umhergeschleppt, während Don Basilio noch immer die Ausführung seiner Pläne in Bezug auf die Cabecillas hoffte. Täglich fanden Gefechte mit den überlegenen Feinden Statt, stets rühmlich, und die Truppen, schon auf 1300 Mann geschmolzen, zeichneten sich fortwährend durch herrliche Standhaftigkeit und Muth aus, die leider ihr Führer nicht so kräftig benutzte, wie die Lage der Dinge unumgänglich erheischte. Er scheute sich, mit dem Feinde zusammenzutreffen, da Erfolg doch nur durch entschlossenes Angreifen auch der größten Schwierigkeiten unter solchen Verhältnissen möglich wurde. Da kam die Trauerkunde von dem Tode Orejita’s; der Bruch mit Palillos entschied sich; bald langte Jara an — ohne Corps: seine Brigade war durch eigene Schuld in ungünstigster Stellung angegriffen, zersprengt, vernichtet. Jara ward sofort verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt. Don Basilio aber, nun ganz auf sich beschränkt, wandte sich mit den 1100 Mann, die ihm blieben, von vier feindlichen Divisionen gedrängt und selbst von Palillos angefeindet, nach Estremadura und drang in die Provinz Salamanca ein, von wo er wohl mit dem in Alt-Castilien operirenden Corps des Grafen Negri in Verbindung zu treten hoffte.
In der Nacht vom 3. zum 4. Mai ruhte Don Basilio in Vejar, keines Angriffes gewärtig, da der Feind am Morgen jenes Tages siebenzehn Meilen entfernt war; Pardiñas aber, der am nächsten ihn verfolgte, marschirte die ganze Nacht hindurch und war, von Einwohnern von Vejar geführt, der Stadt nahe, als die Diana die Carlisten zum Weitermarsch rief. Bei dem Klange der Trommeln und Hörner stutzten die Truppen, da sie ihre Annäherung verrathen glaubten; der junge feurige General stellte sich, ein Gewehr in der Hand, an die Spitze seiner Grenadiere und forderte sie auf, ihm zu folgen. Die carlistischen Bataillone marschirten dem Sammelplatze zu, als das Feuer von den Eingängen der Stadt her die Nähe der Gefahr ihnen verkündete, da die Christinos von ihren Guiden über Felder und Gärten mit Vermeidung der ausgestellten Vorposten bis innerhalb der Mauern geleitet waren.
Ein entsetzlicher Kampf entspann sich in den Straßen. Mit fünffacher Übermacht stürmten die Christinos, ihrem kühnen General folgend, gegen den Marktplatz; die Carlisten stürzten mit dem Bajonnett ihnen entgegen, trotz der Überraschung der gewohnten Bravour treu. Aber von allen Seiten gedrängt sahen sie ihre Reihen schnell gelichtet und wichen kämpfend; schon betrat Pardiñas den Marktplatz, als er den Oberst Fulgocio, in Ferdinand’s Garde einst sein Camerad, zu Pferde vor einigen hundert Mann, den Überresten seiner Brigade, halten sah, zu festem Widerstand sie ermunternd. „Ergieb Dich, Fulgocio, ergieb Dich!“ rief Pardiñas ihm zu; doch der heldenmüthige Fulgocio, edel wie wenige Spanier, antwortete laut: „Während mein Schwerdt mich schützt, ergebe ich mich nicht!“ und sank von Kugeln durchbohrt zur Erde. Seine kleine Schaar ward nach verzweifeltem Ringen gebrochen und niedergestreckt, da sie Pardon nicht gab noch forderte; alle ihre Anführer waren vor ihr gefallen. Zweihundert Mann, die in das Stadthaus sich eingeschlossen, ergaben sich, als sie ihre letzte Patrone verschossen hatten.
Don Basilio war wie durch Wunder aus einem Fenster seines Logis und über mehrere Dächer hinweg entkommen, da schon die Thüren des Hauses vom Feinde besetzt waren. Mit 250 Mann, dem Reste des Corps, welches durch seine Sorglosigkeit in Märschen und Überfällen — doch stets glorreich kämpfend — vernichtet ward, gelang es ihm, nach Aragon durchzudringen und der Armee Cabrera’s sich anzuschließen. Alle die besten Chefs und Officiere der Division, unter ihnen der General Marquis von Santa Olalla, Chef des Generalstabes, ein Brigade- und drei Bataillons-Commandeure waren gefallen; Wenige, darunter Oberstlieutenant Alcalde vom Generalstabe und der Commandeur des Bataillons von Valencia, Beide verwundet, fielen in die Hände der Christinos. Auch Jara, der kein gutes Loos erwarten mochte, hatte freiwillig als Gefangener sich ausgeliefert.
Unter den Todten befand sich mein Chef und Freund, der Commandeur des 7. Bataillons von Castilien, Oberstlieutenant Sabi, fast in jedem Gefechte verwundet und immer gleich unerschrocken. Mit noch offener Wunde verließ er die Nordprovinzen, um im Anfange der Action von Sotoca wiederum von einer Kugel getroffen zu werden. Dann fiel er bei Valdepeñas in die Gewalt der Christinos, die Brust bis zum Rücken durchbohrt; gegen einen dort gefangenen Escadrons-Chef ausgewechselt, so wie er transportirt werden konnte, fiel er an der Spitze von 140 Mann, der kleinen Schaar, die von seinem Bataillon ihm geblieben, als er, wiewohl noch schwach und ohne Commando, gegen den anstürmenden Feind sie begleitete. So viele treue Gefährten sanken da in die frühe Gruft! Von allen Officieren meines Bataillons retteten sich nur zwei nach Aragon; der eine von ihnen ward dort bei der Belagerung von Morella getödtet, mir lieb wie ein Bruder. Glücklich, glücklich preise ich sie: sie ruhen in dem Schooße der Heimath, sie kennen nicht, wie ihre trauernden Gefährten, den bittern, erdrückenden Schmerz, verrathen, verkauft dem Monarchen, für dessen Rechte sie ihr Blut vergossen, in die kalte Fremde folgen zu müssen, ihren König gefangen schmachten zu sehen und das Vaterland unter dem Joche revolutionairer Anarchie seufzend zu wissen. Sie errangen sich herrliches, beneidenswerthes Loos!
Seitdem General Guergué nach der Rückkehr des Königs aus Castilien das Commando der Armee übernommen, war sein Streben darauf gerichtet, so bald wie möglich den Krieg wieder nach den Provinzen südlich vom Ebro zu spielen, wozu er, der Navarrese, das Corps von Castilien benutzte. Drei große Fehler beging er dabei: er entsendete die Expeditionen in der Jahreszeit, die alles Ungemach ihnen häufen mußten; er entsendete sie isolirt, ohne ihnen doch die nöthige Stärke zu geben, um für sich mit Kraft auftreten zu können; und er gab ihnen Führer, die wenig geeignet waren, solche Nachtheile aufzuwiegen.