Die dritte Division erlag dem Verhängnisse, welches seit dem Augenblicke des Ebro-Überganges im December 1837 über ihr waltete. Durch unvorhergesehene Hindernisse aufgehalten, folgten ihr erst im Anfange März die acht Bataillone Castilianer, welche mit ihr bei Amurrio die Revue vor Sr. Majestät passirt hatten; das Commando derselben nebst vier Escadronen und zwei Berggeschützen ward dem Generallieutenant Grafen Negri anvertraut. Ein prachtvolles Corps, ganz Ergebenheit für die Sache der Legitimität und Ausdauer und Disciplin — und wie ging es unter! — Graf Negri ist ausgezeichnet durch Geburt und Bildung, unerschütterlich loyal, persönlich brav; aber General war er nie und am wenigsten der schwierigen Aufgabe gewachsen, die bei solcher Expedition ihm zu Theil wurde. Welche herrliche, unersetzbare Kräfte wurden in diesen Zügen nutzlos vergeudet!
Ich werde das Schicksal dieser Expedition nicht in seinen Details verfolgen: sie sind, wie mehrfach schon geschildert, aus Fehlern und Elend, Strapatzen und bewundernswürdiger Ausdauer, aus einzelnen lichten Punkten und namenlosem Unglücke zusammengesetzt. Ein kurzer Umriß des Geschehenen wird genügen. Bei seinem Auszuge aus den Provinzen wies Negri den General Latre, der seinem Marsche sich zu widersetzen eilte, mit Verlust zurück und schlug ihn bald nachher in dem Gebirge von Santander, wobei Latre selbst verwundet wurde. Er durchzog dann ganz Alt-Castilien und besetzte Segovia, welches dieses Mal von den Truppen und Behörden geräumt war; der Zweck dieser Besetzung ist stets dunkel geblieben, wenn man nicht die Absicht, doch auch in eine bedeutende Stadt einzuziehen, als Beweggrund annimmt, denn die Verhältnisse waren sehr verschieden von denen, welche die Expedition Zariategui’s veranlaßt hatten. Nach wenigen Tagen schon war Negri genöthigt, Segovia zu verlassen; auf dem Fuße von den feindlichen Colonnen verfolgt, warf er sich in die Gebirge und erreichte sie kaum, nachdem er alle seine Jäger-Compagnien eingebüßt, da sie, den Rückzug der Division deckend, von Infanterie und Cavallerie mit unendlicher Überzahl angegriffen, umringt und in Masse formirt nach hartnäckigem Kampfe gefangen oder niedergemacht wurden. Da begann das entsetzliche Elend. Ohne Lebensmittel, ohne Schuhwerk verlor das Corps Zeit und Kraft in nutzlosen Hin- und Herzügen durch die Gebirge von Soria und Burgos, der Regen fiel Tag und Nacht in Strömen, den Truppen ward nicht Ruhe noch Rast gegönnt; sie verlangten nur zu schlagen und Negri hieß sie marschiren. Die Castilianer sanken erschöpft zusammen und rafften sich wieder auf und murrten nicht; ihr Pulver war längst durch unaufhörliche, Alles durchdringende Regengüsse verdorben, sie waren waffenlos, vertheidigungslos — und ergeben folgten sie ihrem Führer; seit mehreren Tagen marschirten sie ohne Rationen, von Allem entblößt — und ihre einzige Bitte war, daß sie gegen den Feind geführt würden, mit dem Bajonnette das Mangelnde sich zu erringen. Negri hieß sie marschiren, ohne Rast, ohne Aufhören marschiren.
Espartero war mit seiner mobilen Colonne nach Burgos gezogen und erwartete dort ruhig den Augenblick, der das kräftig verfolgte Expeditions-Corps in seinen Bereich bringen und Gelegenheit zum Vernichtungsschlage ihm geben werde. Am 27. April zogen die Colonnen Negri’s wenige Meilen von Burgos entfernt durch die Sierra, verzweiflungsvoll, den Tod im Herzen; da ertönte der Ruf, Espartero sei nur noch eine Stunde hinter dem Corps zurück: er war von Burgos aufgebrochen, es abzuschneiden und übernahm, zu spät gekommen, mit Lebhaftigkeit die Verfolgung. Unbewegt hörten die Truppen die Schreckenskunde. Umsonst suchte Negri den Marsch zu beschleunigen, einen hohen Paß zu erreichen, der leicht vertheidigt ferneren Rückzug sicherte. Die Soldaten schlichen, schon für Alles gleichgültig, den Weg hinan, sie hatten mehrere Nächte hindurch keine Ruhe, seit acht und vierzig Stunden keinen Bissen Brod gehabt, der Regen machte jede Bewegung doppelt lästig. Bald waren die Truppen Espartero’s, die frisch und kraftvoll Burgos verlassen, im Angesichte des Nachtrabes, sie hatten den Weg mit Sterbenden und in Schwäche Hingesunkenen bedeckt gefunden.
Da wollte Negri, der so lange ängstlich den Kampf vermieden hatte, doch rühmlich untergehen; er ordnete seine Divisionen in Bataillons-Colonnen zur Schlachtordnung, und die braven Castilianer fühlten sich neu belebt, da sie endlich stehen und fechten sollten. Rasch dringt Espartero an der Spitze seiner Cavallerie-Massen heran, er stutzt, da er auf der kleinen Ebene, das Gebirge im Rücken, die acht dichten Haufen bewegungslos, drohend dastehen sieht, während die beiden Escadrone die Flanken zu decken scheinen. Doch schnell entscheidet er sich zur Charge und stürzt auf die ersten Bataillone, die fest den Sturm erwarten und, da die Reiter wenige Schritt entfernt, auf der Führer Stimme Feuer geben. — — Die Gewehre sinken aus den erschlafften Händen: nicht Ein Schuß war erfolgt, da alles Pulver untauglich geworden. In wenigen Minuten war das unblutige Werk vollbracht. Graf Negri mit den beiden Escadronen und einigen berittenen Officieren entfloh unverfolgt und gelangte nach Aragon; die acht Bataillone, die treuen, ergebenen Castilianer — fielen wehrlos in des übermüthigen Siegers Hand, der auch die Geschütze und Bagage erbeutete.
So ward jenes herrliche Corps von Castilien vernichtet, welches nach der königlichen Expedition die Hoffnungen der Carlisten von neuem anregen durfte; seine beiden Theile sanken gleich brav, gleich nutzlos hingeopfert. Aber die Division, welche unter Don Basilio auszog, war glücklicher, da ihr gegeben war, bis zum Untergange heldenmüthig gegen die Übermacht zu ringen, da sie kämpfend, tödtend fiel, im Unterliegen auch des Feindes Bewunderung davon tragend.
Während Guergué so zwölf Bataillone und vier Escadrone plan- und hülflos untergehen ließ, war er in den Nordprovinzen vollkommen unthätig und genoß der Muße, die Espartero reichlich ihm ließ, indem auch dieser, nachdem er die im vorhergehenden Feldzuge erschlaffte Disciplin wiederhergestellt und strenges Gericht über die Schuldigen gehalten, bis zum Frühlinge mit Spatziermärschen von einem Theile seiner Linien nach dem andern sich begnügte. So beschäftigte sich denn Guergué, während er den alten Pfarrer Merino mit den indessen neugebildeten Bataillonen von Castilien nach dieser Provinz entsendete,[44] mit der Reorganisation der traurig herabgekommenen Armee, was ihm jedoch so wenig gelang, daß, natürliche Folgen der Unthätigkeit, Mangel an Disciplin und Unzufriedenheit täglich überhand nahmen.
Nach der Vernichtung der Expedition Negri’s ward jedoch Espartero so lebhaft von Madrid aus zu kräftigerem Handeln gedrängt, und das Geschrei der Liberalen erhob sich so laut und drohend gegen ihn, daß er seinen Entschluß verkündete, die Festung Peñacerrada in Alava, welche Uranga im August 1837 erobert hatte, wiederzunehmen, und demnach umfassende Vorbereitungen traf. Da diese Veste den Carlisten die reichen Gefilde der Rioja alavesa unterwarf, Castilien ihnen öffnete und die Verbindung zwischen Alava und Navarra dem Feinde nur auf weitem Umwege über Miranda de Ebro möglich machte, eilte Guergué zum Schutze derselben herbei; er gab ihr eine auserlesene Garnison und mehrte, so viel die Umstände zuließen, die Befestigungen. Da jedoch in dem Heere die Hauptstütze und Sicherheit des Platzes gegen einen regelmäßigen Angriff beruhen mußte, errichtete er ein befestigtes Lager über einer Brücke auf dem Wege, den allein der von Vittoria heranziehende Feind benutzen konnte.
Um die Mitte Juni’s verließ Espartero diese Stadt mit 20000 Mann, von einem zahlreichen Belagerungs-Train begleitet; mit fast 14000 Mann stellte Guergué sich ihm gegenüber. Aber, o Staunen! er ließ das ganz unangreifbare, den Zugang beherrschende Lager unbesetzt, ja er vernichtete nicht einmal die Brücken, wodurch der Transport der Artillerie unendlich erschwert wäre; dagegen nahm er eine Stellung zur Seite der Festung in den Gebirgen. Espartero zog daher bequem heran, da er kein Hinderniß und die Wege im besten Zustande fand, bemächtigte sich mit Leichtigkeit eines kleinen dominirenden Forts, für Infanterie-Feuer eingerichtet, etablirte seine Batterien und begann mit Nachdruck die Beschießung der Stadt, die übrigens auf Befehl des Generals — der keine längere Belagerung erwartete oder, da ja die Verbindung mit der Armee, so lange sie ihre Stellung inne hatte, offen blieb, nicht mehr Munition aussetzen wollte — nur auf drei Tage mit Schießbedarf versehen war.
Am 27. Juli nach zweitägigem, ununterbrochenem Feuer war die Bresche im Begriff practicabel zu werden, auch empfand die Garnison schon Mangel an Munition, weshalb Guergué, durch einen Adjudanten stündlich von der Lage der Dinge unterrichtet, den Angriff auf die feindliche Armee beschloß, welche den Sturm für die kommende Nacht vorbereitete. Der Kampf wogte hin und her, aber um Mittag hatte die carlistische Armee den Feind auf allen Seiten zurückgedrängt. Die Besatzung der Stadt jubelte, und Guergué hielt selbst den Sieg für entschieden, wiewohl Espartero stets in vollkommener Ordnung einen Flintenschuß entfernt stand; daher befahl er den Bataillonen, während der glühenden Hitze zu ruhen und ihre Rationen rasch zuzubereiten, während ein einziges Bataillon von Navarra dem Feinde gegenüber zur Beobachtung stehen blieb; am Nachmittage sollte der Angriff fortgesetzt, der schon unzweifelhafte Sieg vollendet werden. Espartero benutzte diese Sorglosigkeit, vereinigte seine ganze Cavallerie, stellte sich selbst an die Spitze der Husaren,[45] warf im glänzenden Choc das Bataillon von Navarra über den Haufen und stürzte auf die kaum von ihren Kochtöpfen verwirrt sich aufraffenden Carlisten. Die Husaren von Arlaban suchten den Sturm aufzuhalten und chargirten mehrmals mit Glanz, wurden aber nach hartnäckigem Widerstande ganz zusammengehauen; in einer halben Stunde war die so eben noch siegreiche Armee zerstreut und floh in wilder Auflösung.