[53] Ich erfuhr die Einzelnheiten, wie ich sie gebe, übereinstimmend von christinoschen und carlistischen Officieren, welche als Augenzeugen in beiden Heeren gegenwärtig waren.

[54] Maroto zersplitterte, ganz der Kriegsart seiner Vorgänger zuwider, seine Streitkräfte stets absichtlich so, daß er nie den feindlichen Heeren mit verhältnißmäßiger Macht entgegentreten konnte. Damals befanden sich fast funfzig Bataillone in den Nordprovinzen.

XIX.

Endlich waren die tausend und tausend Schwierigkeiten überwunden, welche ewiger Geldmangel der Abreise der auszuwechselnden Gefangenen entgegengesetzt hatte; an einem der letzten Tage Juni’s war Alles zur Einschiffung bereit. Schweren Herzens nahmen wir Abschied von den Cameraden, die düster ernst uns Glück wünschten zur Reise, uns beschworen, dem sieggekränzten Anführer, dessen Armee wir in Zukunft angehören sollten, ihre Lage und Wünsche vorzustellen. In dichtgedrängtem Haufen umstanden sie das Thor des Palisaden-Gitters, die Armen, durch das wir einzeln, so wie unsere Namen verlesen wurden, die Casematten verließen; mein Name, verstümmelt in des Südländers Munde, ertönte — noch ein Händedruck, ein herzliches Lebewohl — schon sah ich die Trauernden nicht mehr; schneller fühlte ich die Brust sich mir heben, da die furchtbaren Räume, in denen so viele Monate in peinlicher Muße mir hingeflossen, auf immer hinter mir sich schlossen. Bald durchzogen wir, kaum durch das gaffende Volk belästigt, die Stadt mit ihren niedlichen, schneeigen Häusern und bewunderten den Hafen, wie er, immer noch mit den Flaggen aller Nationen geschmückt, in sanfter Ruhe sich vor uns ausbreitete. Ihn begränzend erhob sich uns gegenüber die Küste des Festlandes, von sanft aufsteigenden Hügeln überschattet, bis wo die dunkleren Massen der Sierra das reizende Tableau schlossen; Puerto Real und Puerto de Santa Maria, beide wie Cadix auf das anziehendste gebaut, belebten nebst zahllosen Landhäusern die mit Weinbergen und lieblichen Orangengärten abwechselnde Gegend. Noch vor Sonnenuntergang verließen wir die Bucht und flogen, von nicht ungünstigem Winde getrieben dem offenen Meere zu.

Das Schiff auf dem wir uns befanden, war ein alter Küstenfahrer, nicht unbequem, da er, um so viel Waaren wie möglich fassen zu können, geräumig genug eingerichtet war. Vor dem Winde segelte er mit außerordentlicher Leichtigkeit, so daß wir dann alle Fahrzeuge, welche wir zu Gesicht bekamen, zu unserm Ergötzen bald überholten; so wie aber der Wind von der Seite kam, wurde er doppelt schwerfällig und langsam, wie man behauptet, eine gewöhnliche Eigenschaft bei alten Schiffen. Unsere Bedeckung — ich schäme mich fast, ihrer zu erwähnen — bestand aus einem Officier und sechs oder sieben Marine-Soldaten, während neunzig gefangene Officiere an Bord sich befanden. Ich suchte die Gesinnungen derer zu tentiren, welche den meisten Einfluß auf die Übrigen ausübten, erkannte aber sehr bald, daß ihr persönliches Interesse das Gefühl des allgemeinen Besten niederhielt, daß sie für eine große Thorheit gehalten hätten, jetzt, da sie ihrer Befreiung gewiß waren, nach Gibraltar, wie ich andeutete, oder irgend einem andern Punkte sich zu wenden, um vielleicht die Leiden des Exils erdulden zu müssen. Wie wenig ahneten die Armen das Schicksal, welches wenige Monate später sie ereilen sollte! Umsonst stellten die Einzelnen, welche mir sich anschlossen, vor, daß der Feind genöthigt sein würde, noch ein Mal eine gleiche Zahl unserer zurückgebliebenen Leidensgefährten zu lösen; die weit überwiegende Mehrheit beharrte entschieden auf ihrer selbstischen Ansicht. Übrigens erkannte der uns escortirende Officier seine Lage so wohl, daß er sofort die Waffen seiner Leute in einen Kasten einschließen ließ und sich dadurch wehrlos unserm Willen hingab. Er hielt es ohne Zweifel für klüger, uns ganz gewähren zu lassen, als durch Zwang und lästige Vorsichtsmaßregeln uns zu reizen; auch mochte er wohl des Characters seiner Landsleute gewiß sein.

Nachdem während der Nacht Windstille uns gefesselt hatte, trieb nach Sonnenaufgang ein leichter Hauch das Fahrzeug langsam der Küste entlang, deren Schönheit um diese Jahreszeit in der höchsten Pracht entfaltet war. Die Landhäuser der reichen Kaufleute von Cadix bedeckten in mannigfach wechselnder Gestalt den Strand, bis wo die Kette der das Meer cotoyirenden Gebirge wilder sich hob; dort lag Chiclana, wo umsonst die Schaaren der Constitution gegen Angouleme’s Heer Widerstand versuchten. Dann doublirten wir das Vorgebirge, bei dem der erste Seeheld der stolzen Britannia mit seinem Tode den herrlichen Sieg erkaufte, der entscheidend Spaniens und Frankreichs vereinte Flotten vernichtete, und mit der Überlegenheit seines Vaterlandes über die gefährlichen Nebenbuhler die Seeherrschaft desselben auf lange Zeit sicherte. Schon erhoben sich fern am Horizont die bläulichen Hügel Afrika’s und schienen, vor uns Europa berührend, das Vorwärtsdringen dem kühnen Seefahrer schließen zu wollen. Der Wind, jeden Augenblick mehr frischend, näherte uns rasch dem Eingange in die berühmte Straße des Herkules: zur Rechten zog das maurische Tanger meine Aufmerksamkeit an, dann links Tarifa mit seinen niedrigen Festungswerken, geschützt durch eine vorliegende gleichfalls befestigte Insel. Wie in beiden Städten dasselbe Gemisch von arabischen und europäischen Sitten den Beobachter frappirt, boten sie auch beide denselben Anblick der einförmigsten Weiße; jedes Leben schien in ihnen erstorben zu sein.

Von Strömung und Wind gleich begünstigt flogen wir durch die immer mehr sich engende Straße zwischen zwei Welttheilen hin, welche durch einen breiten Strom geschiedene Theile desselben Landes schienen. Zu beiden Seiten erhoben sich wellenförmig die Höhen vom Gestade zu den dunkleren Gebirgen, zu beiden Seiten prangten die Gefilde in demselben lachenden Grün und leuchteten gleiche Häuser und Dörfchen in den Strahlen der Mittagssonne; in Afrika, wie in Europa zeigte das Fernrohr reizende Gärten und weite Haine von Orangen und Citronen, unter denen die schlanke Palme, einer Säule ähnlich, hoch gen Himmel strebte. Da fesselte ein Felsen meine Blicke, zur Linken scharf über die niedrigeren Höhen hervortretend: die Veste lag vor uns, deren Name des stolzen Spaniers Brust im Gefühl vergangener Größe, jetziger Schmach von Zorn und Rachsucht schwellen macht, sein Antlitz in die Gluthfarbe der Scham badet. Majestätisch steigt aus den Wellen die finstere Masse empor, die ihres Vertheidigers erkaufte Nachlässigkeit in die Gewalt der Briten gab, und durch deren Abtretung der Enkel Ludwigs XIV. ihnen die Anerkennung seiner Herrschaft bezahlte; die, durch die Kunst in eine fast unangreifbare Veste umgeschaffen, nun die wichtigste unter den Stationen ist, mit welchen Englands Herrschsucht Europa, ja den Globus, wie mit einer Kette zu umschlingen wußte, um seinem Handel als Stapelplatz, seinen Flotten als Stützpunkt und Zuflucht zu dienen, und die ihm erst dürfte entrissen werden, wenn die hundertfaches Verderben sprühenden Kriegsmänner, welche, bisher unbesiegt, die stolze Insel zur Königinn der Meere erhoben, einem in jugendlicher Kraft blühenden Rivalen unterliegen.