Dann ward Ceuta sichtbar, schon außerhalb der eigentlichen Straße von Gibraltar gelegen, doch ihm so nahe, daß in jedem der beiden Punkte Kanonen sich finden sollen, welche den anderen zu erreichen vermögen; einige jener Ungeheuer, wie der Rhein-Reisende auf dem Ehrenbreitstein eines bewundert. Auch Ceuta ist sehr stark; es liegt auf einer Landzunge, deren ganze Breite die die Landseite deckende Befestigungslinie einnimmt, so daß diese in eingehenden Bogen construirt werden konnte. Die Regierung Christina’s begrub in den Kerkern des dortigen Presidio Tausende von Unglücklichen, welche Anhänglichkeit an ihren König zu Verbrechern stempeln mußte.

Vor uns dehnte das Mittelländische Meer sich aus, so reich an Erinnerungen und herrlichen Thaten, umringt von den schönsten Ländern der alten Welt, von den Reichen, die in der höchsten Blüthe der Civilisation und der Macht prangten, als die Völker des Nordens, welche jetzt über den ganzen Erdball hin das Loos der Nationen lenken, auf lange noch in den Banden des finstern Barbarismus lagen. Und was sind sie nun, diese herrlichen Länder, welche die Geschichte als die Wiege alles Erhabenen und Schönen uns malt? Würden die mächtigen Könige Egyptens, die Erbauer der Pyramiden, die Priester, denen Griechenlands Weise ihre geistigen Schätze verdankten, ihr Vaterland wieder erkennen in den öden Gefilden, deren Bewohner eines Mehemed Ali Cultur als Wunder anstaunen müssen? Könnten wohl die Helden der weltumfassenden Roma für ihre Nachkommen die Männer halten, deren schlaffer, knechtischer Geist selbst den Gedanken der Thaten ihrer Vorfahren nicht zu fassen vermöchte? Tunis Dey herrscht da, wo einst Carthago in seiner stolzen Handelsgröße thronte, wo Hannibal, groß als Feldherr und groß im Rathe, seine kühnen Pläne zum Kampfe um die Herrschaft der Welt entwarf; Macedoniens unterdrücktes Volk vergaß längst, daß ein Alexander triumphirend zu den Gränzen des fabelhaften Indiens und bis in die glühenden Wüsten von Afrika es führte. Und was ward aus der pyrenäischen Halbinsel, die eine neue Welt sein nennen durfte, deren Flotten von Osten und von Westen her die unerschöpflichen Reichthümer der heißen Zone ihr, der Gebieterinn, zuführten; deren Herrscher sich rühmte, daß nie in seinen Staaten die Sonne untergehe? Was ward aus Griechenland, dessen Söhne, lange Jahrhunderte unter schmähliches Sclavenjoch gebeugt, durch alle Stürme und Leiden hindurch nur die alte Uneinigkeit zu bewahren wußten? In des großen Constantin Stadt zittert ohnmächtig der Sohn der Sultane, welche zu Wiens Belagerung ihre fanatischen Krieger führten; ein türkischer Pascha gebeut in den Reichen des großen Mithridates, in den Stätten, die durch Hectors und Achilles Thaten verherrlicht sind. Wo der Herr der Welten beseligende Liebe verkündete, da kämpfen wilde Horden um das Recht, die erniedrigten Bewohner bis zum letzten Blutstropfen auszusaugen! —

O, Vergänglichkeit alles Menschlichen! — Und das Meer unter allen Umwälzungen rollt seit Jahrtausenden unverändert seine Wogen.


Der Südwest, welcher uns so kräftig durch die Straße von Gibraltar getrieben und die Hoffnung erregt hatte, in wenigen Tagen Valencia zu erreichen, starb weg, als wir während der Nacht Malaga und Motril passirt hatten; im Angesichte des Cabo de Gata fesselte uns gänzliche Windstille, von den Schiffern mit finsterer Stirn begrüßt. Erstickende Schwüle lähmte Geist und Körper, bleischwer auf uns lastend, die Sonne glühte sengend auf unsern Scheitel herab, und als die ersehnte Nacht endlich kam, brachte auch sie nicht jene erfrischende Kühlung, die sonst sie zu begleiten pflegt. Die Segel schlugen schlaff hin und her an die Masten, durch ihre Bewegung fortwährend uns Unerfahrene täuschend, da wir die Wirkung des Windes in ihr suchten; zugleich schwankte das Schiff tief sich beugend von einer Seite zur andern und erzeugte dadurch rings umher ein leichtes Zittern des Wassers, gegen das die todte Glätte des Meeres, so weit das Auge reichte, desto mehr auffiel.

Gegen Mittag des folgenden Tages ward fern gen Norden ein kleiner schwarzer Punkt sichtbar, der reißend anschwoll und den Horizont überzog; dumpfes Rauschen ertönte aus der Tiefe, aus der Luft, die Oberfläche des Meeres regte sich, hie und da kleine Streifen weißen Schaumes zeigend. Emsig kletterten die Seeleute umher, die verwitterten Züge in starre, drohende Falten geworfen, zogen hier ein Segel ein und banden sorgfältig es fest oder untersuchten mit prüfendem Auge die Taue, während dort die Schiffsjungen alles Überflüssige in den Raum warfen, um das Verdeck, schon durch eine große Zahl von uns überfüllt, etwas freier zu machen. Rasch bedeckte schwarzes Gewölk hoch auf einander gethürmt den ganzen Himmel, immer hohler tönte über uns, wie unten in den Wassern, abgerissen unheilverkündendes Brausen, und das Fahrzeug ward in kurzen, heftigen Stößen hin und her geworfen. Augenblickliche Stille trat ein, unheimlich, ängstlich: in der nächsten Minute brüllte und pfiff der Sturm durch das Tauwerk, welches längst von seiner Last befreit war.

Ein Sturm ist so oft geschildert worden, daß es nur lästige Wiederholung des oft Gehörten wäre, wollte ich unsere körperlichen und geistigen Leiden während der folgenden Tage im Detail geben. Das Schiff flog dahin vor der Wuth der losgelassenen Winde, bald hoch auf einer Woge emporgehoben und weithin das wilde Treiben der Wasser überschauend, bald war es in den Abgrund versenkt, dessen Schaumwände einem Kerker gleich, dicht uns umschlossen und jeden Augenblick über uns zusammenzuschlagen drohten. Nicht mehr bestimmt, so grausen Kampf zu bestehen, krachte das alte Schiff in allen seinen Fugen, als bräche es unter der Last der Massen, die es bestürmten. Wehklagen und Jammer ertönte aus dem Raume, wo jede neue Welle die von der Seekrankheit Geplagten über und durch einander warf, während so viele, welche auf dem Lande oft furchtlos dem Tode getrotzt, nun die Stunde verwünschten, in der sie dem treulosen Elemente sich anvertrauen mußten.

Als wir uns einschifften, hatte ich wohlweislich ein Plätzchen auf dem Verdecke mir ausgewählt, und so lange das Wetter günstig, war mir diese Vorsicht wohl zu Statten gekommen; die frische, zehrende Luft erregte nur meinen Appetit, und die mannigfachen Leidens- und Klagelaute, die besonders von unten herauf schallten, hatten, wie das denn zu geschehen pflegt, mir reichen Stoff zum Lachen geboten. Jetzt ward aber der Zustand der in freier Luft Lagernden mit jedem Augenblicke beschwerlicher. Schon mußten wir lang ausgestreckt neben einem Mastbaume hingekauert mit Händen und Füßen uns anklammern, um nicht fortgeschleudert oder von den Wogen, die häufig über das Verdeck hinfegten, über Bord geschwemmt zu werden. Durchnäßt bis auf das Mark, stets von neuem gerüttelt und gerissen beneidete ich diejenigen meiner Gefährten, welche unter Deck, wenn sie mit dem Kopfe gegen die Schiffswand geschlagen wurden, eben dadurch die tröstliche Gewißheit erhielten, daß diese Wand, so lange sie existirte, die tobenden Wasser von ihnen fern hielt. Ein kleiner dreizehnjähriger Cadett wurde vor den Augen seines Vaters, der umsonst einen herzzerreißenden Hülfeschrei ausstieß, vom Verdeck geschwemmt und augenblicklich in den schäumenden Fluthen begraben; zwei Officiere entgingen wie durch Wunder demselben Geschick, da sie, über Bord gehoben, irgend ein Tau ergreifen konnten und halb zerschlagen zurückgezogen wurden; ein anderer brach sich zweifach den Arm, viele trugen Contusionen davon.

Genug des Unangenehmen, welches der Sturm reichlich uns brachte. Wer etwa mehr davon wissen möchte, wird durch Überlesen einer der vielen grausigen Erzählungen der Art, wie sie in den Schriften zur Belehrung der Kinder sich finden, über und über befriedigt werden; wenn zehnfach übertrieben, sind solche Beschreibungen im Allgemeinen nicht unbezeichnend, und eine lebhafte Phantasie wird das Fehlende leicht ergänzen.