Am dritten Tage hatte der Himmel sich aufgeklärt, das Meer umspülte wieder sanft plätschernd unser Fahrzeug, Delphine folgten ihm spielend und kündigten die Dauer des guten Wetters an; der Schiffer aber erklärte zum großen Erstaunen Vieler unter den Reisegefährten, die später nicht wenig prahlten, durch einen Sturm so weit vom Vaterlande fortgetrieben zu sein, daß wir nahe bei der Insel Sardinien uns befänden. Das Feuer, so lange schon nicht angezündet, wurde wieder angefacht, und ausgehungert wie wir durch dreitägiges Fasten es waren, — ich hatte in der That kaum ein Bischen ganz aus über einander wimmelnden Würmern bestehenden Schiffszwieback gegessen — überwachten wir mit dem Auge der höchsten Ungeduld die Zubereitung des Mahles. Nie fühlte ich so entsetzlichen Hunger; ich segnete die Seekrankheit, durch welche die Hälfte von uns unfähig gemacht war, am kärglichen Essen Theil zu nehmen. Ein halbgünstiger Wind trieb das alte Schiff vor sich her, und nach wenigen Tagen entdeckten wir wieder Spaniens blaue Gebirge fern über dem Wasserspiegel. Die Küste des Königreiches Granada lag vor uns. Bald tauchten die weißen Gipfel der Sierra nevada am Horizonte empor, selbst in dieser Jahreszeit mit Schnee bedeckt, während die Ufer, so weit das Fernrohr sie enthüllte, überall das Bild der reichsten Fruchtbarkeit darboten. Wir cotoyirten das liebliche Königreich Murcia, in dem Cartagena’s hohes Castell im Glanze der Morgensonne aus dem dunkeln Gebirgsrahmen leuchtete, der seine Weiße noch blendender hervorhob, dann doublirten wir das Cabo de Palos, begrüßten Alicante, reich an aromatischem Weine, dem Lieblinge der spanischen Damen, und bogen am Abend des 11. Juli in den Busen von Valencia ein, das hohe, ihn begrenzende Cabo San Martin umschiffend.

Die Scene war prachtvoll, erhebend schön. Vor uns breitete die Bay sich aus, zitternd in kaum fühlbarer Bewegung, zauberhaft wiederstrahlend in dem schwankenden Lichte der Mondscheinnacht, wie nur des Südens Himmel, rein und hell, so wunderbar lieblich sie schafft, und umkränzt von dem dunkeln Streifen der amphitheatralisch sich erhebenden Gebirge. Tief im Grunde funkelte einsam auflodernd das Feuer auf Valencia’s Leuchtthurme, während zur Linken, uns näher, zahllose Lichter aus Denia, Gandia und so vielen das Gestade schmückenden Dörfern, bald langsam verlöschend, das thätige Treiben der Menschen verriethen. Die finstern Massen der Handelsschiffe, wie sie theils dem offenen Meere zuglitten, theils nach Valencia’s Hafen sich wandten, die Produkte des in ewigem Frühlinge blühenden Königreiches für die Erzeugnisse fremden Gewerbfleißes einzutauschen, schwanden in ungewissen Umrissen in der Dunkelheit hin, schwarzen Ungeheuern gleich, die mit glänzend weißen Flügeln im zweifelhaften Lichte des Mondes über die Silberfläche hinflogen. Zwischen ihnen schwebten anmuthig wie leichte Sylphen die Fischerboote, mit ihrem einfachen Segel bedeckt, und die Stimme der Fischer, bis ihr Klang in der dunkeln Ferne hinstarb, ertönte schauerlich ernst durch die Nacht, wie sie im Wechselgesange den Schutzheiligen ehrten, der so oft aus den tobenden Fluthen sie gerettet hatte, oder die Schönheit und Gnade der jungfräulichen Himmelsköniginn priesen.

Am folgenden Tage lagen wir dem Grao gegenüber vor Anker. Die Ordre zur Ausschiffung erfolgte bald, so daß wir um Mittag die kleine Hafenstadt durchzogen, um nach Valencia gebracht zu werden, wohin eine drei Viertel Stunden lange, mit schattigen Bäumen besetzte Straße führt, umgeben von eleganten Landhäusern und Gärten. Da die Behörden nicht wagten, durch die von unzähligen niedrigen Thürmen überragte Stadt uns zu führen, zogen wir rings um die Mauer, die, aus den Zeiten der Araber stammend, jetzt ausgebessert und mit Schießscharten versehen war, ohne doch einem ernstlichen Angriffe irgend Widerstand entgegensetzen zu können. Endlich fanden wir uns in einen der alten Thürme eingeschlossen, welche zur Flankirung der Mauern bestimmt waren und nun häufig als Gefängnisse dienen; es war eben derselbe Thurm, aus dem wenige Monate früher unsere unglücklichen Cameraden, um der Wuth der Revolutions-Männer zu genügen, wehrlos zur Schlachtbank geschleppt waren.

Auch uns war dieses Loos nicht fern. Aufgereizt und bezahlt, wie immer, durch die Selbstlinge, denen jedes Mittel für ihre Zwecke recht ist, versammelten sich die National-Garde und der Pöbel Valencia’s, wilde Drohungen ausstoßend und für die Nacht Wiederholung der so oft erneuten Mordscenen verheißend. Die Behörden fühlten sich zu schwach, um mit Gewalt den Aufstand niederzuhalten; so wurden wir denn, anstatt, wie bestimmt, am folgenden Morgen zu marschiren, plötzlich Mittags aus unserm Thurme gezogen und eiligst mit starker Bedeckung nach Murviedro abgeführt, natürlich von den zusammenlaufenden Liberalen möglichst insultirt und beschimpft.


Herrlich dehnt zwischen dem Meere und dem Gebirge, zwei bis vier Meilen breit und etwa zwanzig lang, die Ebene sich aus, die unter dem Namen der Huerta — des Fruchtgartens — von Valencia bekannt ist, so sorgfältig bebaut und so bis zum kleinsten Fleckchen benutzt, wie die am reichsten cultivirte Landschaft in Deutschlands Auen es zu sein vermag. Die Nähe des Meeres verbreitet auch in den glühendsten Monaten des Sommers wohlthätige Kühlung und befruchtende Feuchtigkeit über diesen begünstigten Landstrich, die hohen Berge, welche schützend ihn umgeben, halten die rauhen Winde der kalten Jahreszeit fern. Dazu hat die Sorgfalt des Landmannes durch Cisternen und Canäle, die in unendlicher Menge die Felder durchkreuzen, regelmäßige Bewässerung des Bodens geschaffen, seine Saaten gegen die dörrende Hitze der Sonne schützend.

Und diese Sorgfalt, so selten in Spanien, dem Lande der Trägheit, ist nicht unbelohnt geblieben. Die strotzenden Felder, die reichen Gärten zeugen von der Fruchtbarkeit des Landes, die reinlichen Dörfer, welche, dicht an einander gedrängt, in unglaublicher Menge diese gesegneten Auen schmücken und mit ihren weißen Kirchthürmen freundlich sich zu begrüßen scheinen, verkünden die Wohlhabenheit der Bewohner und zeigen, was Natur vermag, wenn des Menschen ausdauernder Fleiß ihr zu Hülfe kommt. Wäre die ganze Halbinsel wie diese Huerta bebaut, so würde sie leicht die fünffache Zahl ihrer jetzigen Bewohner ernähren. Zugleich vermannigfacht das Klima ausnehmend die Produkte, so daß der erstaunte Fremde Alles dort bewundert, was im Gebiete der Pflanzenwelt Natur reichstes und liebliches in allen Zonen und Welttheilen hervorbrachte.

Asiens Zuckerrohr gedeihet neben der hoch aufstrebenden Palme von Afrika; Arabien lieh seinen Kaffeebaum, wie Indien die wohlthätige Pflanze der Baumwolle zur Bereicherung dieses weiten Gartens, und selbst die Königinn der Früchte, die köstliche Ananas, vertauschte gern mit Valencia’s Ebene die waldbedeckten Flächen Amerika’s. Auch in den Gegenden, deren übermäßige Nässe jede Cultur zu verspotten scheint, belohnt der nährende Reis die Mühe der Armen, welche, bleich und hinfällig eine Beute der stets herrschenden Fieber, den Gefahren trotzen mögen, die jene Sumpfgründe täglich ihrem Bebauer drohen.

Gegen Abend erreichten wir Murviedro, gekrönt auf hohem, unzugänglich scheinendem Felsen von dem Castell, das als eines der festesten in Spanien angesehen ist; Murviedro, das alte Sagunt, so reich an geschichtlichen Erinnerungen und auf immer berühmt durch seine heldenmüthige Vertheidigung gegen den afrikanischen Feldherrn, der durch die Belagerung dieser Stadt den ersten Schritt that zu dem herrlichen Zuge, in dem er seine Schaaren bis vor die Thore der stolzen Roma führte. Noch jetzt sind einige Trümmer jener alten Veste und noch mehr des carthagischen Lagers sichtbar. Wir blieben in Murviedro bis zum folgenden Mittage, worauf wir über Nules den Marsch auf Castellon de la Plana fortsetzten. Das Land, wenn schon von Hügeln durchschnitten, die hin und wieder schrofferen Character annahmen, trug fortwährend den Stempel der Fruchtbarkeit und hoher Wohlhabenheit; doch hatte der Krieg, der Zerstörer jedes Glückes, hier häufige Spuren seiner Wuth zurückgelassen.

Die Bewohner des Königreiches Valencia, mehr gewandt als kräftig, lebhaft, schlau, oft hinterlistig, und aufbrausend, frappiren den Fremden sofort durch ihre National-Kleidung, in der sie, durch die stets gleich milde Sonne begünstigt, den Gebräuchen ihrer Voreltern treu geblieben sind. Wahrscheinlich ist ihr jetziger Anzug noch eben derselbe, in dem vor Jahrtausenden die Urvölker Spanien’s die phönizischen und ägyptischen Handelsflotten empfingen, und dem Klima angemessen ist er zugleich nicht unmalerisch. Ein weißes leinenes Hemd bedeckt den Oberkörper, und die weiten gleichfalls weißen Beinkleider gehen kaum bis zum Knie hinab und sind durch eine breite schwarze oder scharlachfarbige Schärpe um den Leib festgehalten; das Unterbein schützen knappe weiße Strümpfe von Wolle, die bis zum Knöchel hinabreichen, während ihr Schuhzeug in den aus Flachs oder Hanf geflochtenen Sandalen besteht, an den Fuß mit rothen oder blauen Bändern zierlich befestigt. Ein schwarzsammetnes Westchen mit vielen Reihen kleiner silberner Knöpfe vollendet den Anzug, wobei eine Scharlachmütze, weit über die Schultern hinabfallend, den dunkeln Lockenkopf deckt. So ziehen sie, mit lauter, klangreicher Stimme ihre Volkslieder singend, neben den kleinen Maulthieren und Eseln einher, die ihre einzigen Transportmittel bilden; ich erinnere mich nicht, mit Ausnahme der größten Städte, irgendwo einen Karren oder ein sonstiges Fuhrwerk je gesehen zu haben. Die Sprache der Valencianer ist ein Gemisch der französischen, italienischen und spanischen mit einzelnen arabischen Formen, dem Dialekt der Catalonier nahe verwandt, doch etwas mehr dem Castilianischen sich zuneigend; es ist demjenigen, der jene drei Sprachen besitzt, leicht, sich ihnen verständlich zu machen, was der Bewohner Castiliens sehr schwierig findet.