Tag auf Tag verging uns in der schmutzigen Klosterkirche, in die wir bei der Ankunft in Castellon eingeschlossen waren, ohne daß die Auswechselung sich verificiren zu wollen schien; und wiewohl ich mich bemühete, beim gänzlichen Mangel an Büchern durch eine L’Hombre-Parthie, die gewöhnlich vom Sonnenaufgang bis zum Dunkelwerden dauerte, möglichst mich zu zerstreuen, war doch die stets neu erregte, stets wieder getäuschte Erwartung so furchtbar peinlich, daß wir am Ende in einem Zustande von vollkommener Abspannung uns befanden. Doch endlich nach langen vierzehn Tagen kam der Glück bringende Augenblick. Um zwei Uhr Morgens am 1. August 1839 standen wir geordnet vor der Thür der Kirche zum Abmarsch bereit. Drei unserer Cameraden durcheilten unsere Reihen, Thränen im Auge, beschworen uns, für sie zu sprechen, und nahmen mit schmerzlichem Händedruck Abschied, als der ersehnte Befehl zum Aufbruch ertönte: der Graf von Morella hatte sich geweigert, sie auszuwechseln, da sie durch Gold und Fürsprache bewirkt hatten, daß die Christinos sie anstatt anderer drei Officiere von der Armee Cabrera’s nach Valencia sandten, während jene in Verzweiflung in Cadix zurückbleiben mußten.[55]

Schwellenden Herzens verließen wir Castellon de la Plana und zogen den nahen Gebirgen zu, den Gebirgen, die wir als den Unseren gehörig betrachten durften. Nie waren wir so leichten Schrittes gegangen; kaum vermochte die kleine Escorte, welche dem Vertrage gemäß zur Auswechselung uns geleitete, so stürmisch rasch zu folgen. Links, wenige tausend Schritt entfernt, glänzten stolz in der Morgensonne die hohen Mauern von Villafamés, das so oft unsern schwachen Angriffsmitteln widerstanden; schon war die Bresche wieder geschlossen, die wenige Wochen vorher Tortosa’s brave Freiwillige umsonst gestürmt hatten. Mehr und mehr wurde das Terrain gebrochen; der feindliche mit der Auswechselung beauftragte Brigadier blickte erwartungsvoll durch sein Fernrohr umher. Einige Reiter erschienen weithin in dem Grunde der Schlucht; wir erkannten die rothen und weißen Baretts der Carlisten und begrüßten sie mit donnerndem Jubelruf.

Eine halbe Stunde später standen wir in langer Reihe den Officieren gegenüber, die für uns sollten ausgetauscht werden; das lästige Ceremoniel war endlich durchgemacht, ein rauschender Triumphmarsch der Janitscharen-Musik ertönte: wir waren frei! Carlisten und Christinos umarmten sich im Taumel der Freude und wünschten sich Glück; dann schieden wir, um bald im Getümmel des Kampfes uns wiederzufinden.

Ich war frei, war vereint mit den Meinen; ich durfte hoffen, im Blute der Gehaßten so viele Leiden, so viele mit Zähneknirschen empfangene Insulte, so viele hingeopferte Gefährten zu rächen. Ich jubelte im Vorgefühle des seligen Tages, an dem ich die Waffen in der Hand den Schaaren Christina’s mich gegenüber sehen würde, ich athmete, ich schwur Rache, Rache für alle die Unbilde, welche sie höhnend auf uns Wehrlose gehäuft hatten.

Das Volk aus den umliegenden Ortschaften war nebst vielen carlistischen Officieren gekommen, um Zeuge der Auswechselung zu sein, der zweiten, die seit dem Vertrage Statt fand, welcher den beiderseitigen Schlächtereien des Winters ein Ziel setzte. Sie hatten Lebensmittel und den feurigen Wein des Landes mit sich gebracht, und rasch war das Feld bedeckt mit bunten Gruppen, die fröhlich schmausend und trinkend ihr Glück in Gesängen des Krieges und der Liebe kund gaben, bis Guitarre und Castagnetten die Losung zum Tanze gaben, den der Spanier so selten zurückweiset. Erst als die sinkende Sonne zum Aufbruch mahnte, vertheilte sich die Masse in die nächsten Dörfer, in denen Vorbereitungen zu festlichem Empfange getroffen waren. Am folgenden Tage marschirten wir über las Cuevas nach San Mateo, einem freundlichen Städtchen in äußerst fruchtbarer und lieblicher Gegend und daher ausgewählt, damit wir von den Strapazen und Entbehrungen, welche die Gefangenen so hart geduldet hatten, dort ruhend uns erholten, ehe wir in Thätigkeit gesetzt würden.

Unwillig, ferner müssig zu sein — ich hatte nur zu lange in gezwungener Muße mich aufgezehrt — eilte ich zu unserm Commandeur, um einen Paß nach Tales ihn zu bitten, wo der General mit einigen Bataillonen gegen O’Donnell’s Heer operirte.

[55] Ein anderer Officier war niederträchtig genug gewesen, sein Recht auf Auswechselung um Gold einem Andern zu verkaufen. Er wurde mit Mühe von der Todesrache eines dritten Officiers gerettet, dem er zuerst seine Ansprüche abgetreten hatte, um sie dann, da ein Anderer eine höhere Summe ihm bot, heimlich diesem zu überlassen, indem er vor dem feindlichen Chef des Depots unauflösbar den Contract einging. Juan, ein braver, biederer Sohn des Gebirges, kernig an Körper und Geist und Herz, jeder Falschheit unfähig und sie hassend mit der ganzen, herrlichen Gluth seiner Seele, dabei wild und leidenschaftlich ewige Rache athmend, wie unerschütterlich fester Freund — Juan hörte die Schreckenskunde, durch welche die sichere Hoffnung, das höchste Ziel alles seines Strebens so bubenmäßig ihm geraubt und in ungewisse Ferne hinausgerückt war. Wir wurden am Abend in unsere Casematte eingeschlossen. Da zog Juan ein Papier hervor und las den zwei und dreißig, die wir zusammen dort wohnten, die Verpflichtung vor, welche Ruiz gegen ihn eingegangen; zugleich erklärte er, wie dieser Ruiz nun schändlich sein Wort gebrochen. Er nahete darauf dem Bette desselben und sagte ihm ruhig. „Du hast fünf Minuten Zeit, Dich vorzubereiten, dann mußt Du sterben.“ Lautlos starrte der Wicht ihn an und brach in Thränen und Klagen und Flehen aus. Wie die fünf Minuten verflossen, ergriff Juan zwei mächtige Bretter und reichte Ruiz das eine derselben dar mit den Worten: „Waffen haben wir nicht — nimm dieses und wehre Dich gut; denn wehrst Du Dich, so schlage ich Dich todt, und wehrst Du Dich nicht, so schlage ich Dich auch todt.“ Die übrigen Officiere sahen gleichmüthig dem zu, ohne sich zu rühren; auch der Vater von Ruiz, der den Sohn zu solcher Erbärmlichkeit überredet hatte, drückte sich in einen Winkel. Dieser aber, anstatt das dargebotene Brett zu ergreifen, wimmerte feig und jammerte weinend um Hülfe, um Rettung, bis er, als Juan den Schlag zu führen seinen Arm hob, in Todesangst mit weitem Sprunge zwischen Guiguer’s und mein Bett sich warf, unsere Kniee flehend umklammerte und — unter den Betten verschwand. Dem Einflusse meines Freundes gelang es, Juan auf einen Augenblick durch Bitten und durch die Bemerkung zu entwaffnen, daß er sich nicht mit dem Blute eines solchen Wichtes besudeln dürfe; und ehe die Verachtung dem wieder auflodernden Zorne gewichen, war Ruiz dem Chef des Depot übergeben, der ihn auf ein Castell abgesondert bringen ließ. Er entschloß sich dann, für Isabella Parthei zu nehmen, und ward aufgenommen.