XX.

Don Ramon Cabrera, Sohn eines Kaufmanns in Tortosa, Student der Theologie und Inhaber einer kleinen capellania bei seiner Vaterstadt, verließ auf die Nachricht von dem Tode Ferdinands VII. seine Studien, um den Guerrillas sich anzuschließen, welche in den Gebirgen Aragon’s, Valencia’s und Cataloniens für die Rechte Carls V. zu den Waffen griffen. Drei und zwanzig Jahr alt stellte er sich an die Spitze von funfzehn Genossen, meistens seinen Schulcameraden, sämmtlich mit Jagdflinten und Stöcken bewaffnet, und warf sich mit ihnen in die Sierra, welche von dem zum Hochplateau sich erweiternden Gebirgsstocke von Unter-Aragon nach Norden zum Ebro ausläuft und jene Provinz von Catalonien, das Flußgebiet des Guadalupe von dem des Ebro scheidet. Sofort zeichnete Cabrera, feurig und thatendurstig, durch Unerschrockenheit und Ausdauer eben so sehr sich aus, wie durch Scharfsinn und entschlossene Kühnheit in der Ausführung der schwierigsten Unternehmungen.

Es würde ermüdend sein, Schritt vor Schritt den Zügen und Thaten des jungen Helden zu folgen; ich begnüge mich, bis zu der Epoche, in der er an die Spitze aller bis dahin unabhängigen Guerrillas jener Provinzen gestellt wurde, eine allgemeine Übersicht des von ihm Gethanen zu geben.

Miralles — el Serrador, der Holzsäger, nach dem Handwerke genannt, welches er vor seinem Auftreten gegen die Constitution von 1820 hatte — Quilez, Llagostera, Forcadell, Tallada, la Coba und viele unbedeutendere Männer waren die Chefs jener Haufen, über welche alle dem Namen nach Carnicer gebot, ein erfahrener General, der hohen Geist mit kriegerischem Talente verband. Ihm schloß Cabrera sich an und ward anfangs als Factor oder Commissariats-Gehülfe, bald als Lieutenant und Abanderado angestellt, in welcher Eigenschaft das schwierige Geschäft der Rationirung des Bataillons ihm oblag.

Bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet durch Bravour, Intelligenz und Thätigkeit erhielt er schon im Frühlinge 1834 mit dem Grade eines Capitains das Commando einer Jäger-Compagnie, und wie die Wechselfälle eines solchen Guerrilla-Krieges es mit sich brachten, war er bald mit seinem Chef vereinigt, bald kämpfte er lange Zeit unabhängig für sich oder in Combination mit andern Anführern. Sein Ruf verbreitete sich weit, und ihm vorzugsweise strömte fortwährend junge Mannschaft zu, so daß er zwei Compagnien, endlich ein Bataillon bilden konnte, mit dem er während der zweiten Hälfte des Jahres tief nach Aragon hinein und in den südlichen Theil des Königreiches Valencia Streifzüge machte, häufig glückliche Gefechte bestand und feindliche Forts nahm und zerstörte, wobei er durch Gefangene, die gern unter solchem Führer die Waffen nahmen, wie durch freiwillige Rekruten täglich die Zahl seiner Truppen mehrte. Schon hatte er seinen Namen zum Schrecken der Constitutionellen gemacht.

Im Frühjahre 1835 commandirte Cabrera zwei schöne Bataillone und nahm unter Carnicer, der hier alle Guerrillas vereinigt hatte, an der unheilsvollen Schlacht bei Molina Theil, in der er durch persönliche Bravour und die Leitung seiner Truppen wie durch deren feste Haltung, Organisation und Disciplin sich auszeichnete und eine glänzende Ausnahme von der allgemeinen Verwirrung und Entmuthigung machte, dadurch Vieles rettend. Er ward so zum Lieblinge der Soldaten, welche schaarenweise die übrigen Chefs verließen, um ihm sich anzuschließen, ja mehrere dieser Chefs selbst, im Gefühle seiner Überlegenheit, ordneten freiwillig sich ihm unter, so Don Luis Llagostera y Cadival, etwas später auch Don Domingo Forcadell und La Coba. Dadurch konnte Cabrera drei neue, starke Bataillone und einige Escadrone Lanciers bilden und stand im Sommer 1835 als der mächtigste und gefürchtetste Carlisten-Anführer des östlichen Spaniens da. Die Gewandtheit, mit der er die Vortheile des Terrains benutzte, die Raschheit seiner Märsche, sein durch kein Hinderniß abgeschreckter Unternehmungsgeist und das Talent, durch das er selbst aus den einzelnen Niederlagen Vortheile unerwartet zu erobern wußte, flößten den Feinden, die so oft unter seinen furchtbaren Schlägen bluteten, den Glauben ein, daß mehrere Cabrera gegen sie wütheten, und machten ihn zum Abgott der Seinen; zugleich trat aber auch die Eifersucht vieler Mitanführer, die da glaubten, höhere Ansprüche als der Jüngling machen zu dürfen, täglich mehr hindernd und erschwerend hervor.

Da ward Carnicer von den Christinos gefangen und erschossen, und der König ernannte an seiner Statt den Brigade-General Cabrera, der persönlich in den Nordprovinzen sich präsentirt hatte, zum Oberbefehlshaber sämmtlicher Streitkräfte in Unter-Aragon und Valencia. Willig gehorchten sogleich alle Chefs dem königlichen Befehle, den die Weisheit dictirt hatte; nur Miralles, el Serrador, mochte sich nicht beugen. Er hatte an der Spitze seiner Schaar im Königreiche Valencia die kühnsten Thaten verrichtet, die ganze Huerta von Castellon de la Plana, welches er zwei Mal nahm, bis unter die Mauern der Hauptstadt und südlich bis Murcia’s Gränze beherrscht und der Sache der Carlisten wesentliche Dienste geleistet; das Landvolk betete ihn an, und lange reichte sein Name hin, um alle Thore ihm zu öffnen. Diese Rücksichten bewogen Cabrera, mit Schonung gegen den verdienten Mann zu verfahren, bis die stets erneueten Eigenmächtigkeiten desselben und der bestimmte Befehl des Königs ihn zwangen, zur Strenge zu schreiten. Miralles vertauschte die Gefangenschaft, welche er seit der Expedition Gomez’s erlitten, nur mit dem Privatleben, aus dem er bis zum Ende des Krieges nicht heraustreten durfte.

So stand Cabrera im Anfange des Jahres 1836 an der Spitze der Armee von Aragon und Valencia als commandirender General dieser beiden Provinzen. — Die Christinos hatten seit dem Beginn des Kampfes auch dort ihr beliebtes System in Anwendung gebracht: sie fühlten sich die Stärkeren, folglich mußte der Aufstand in Blut und Flammen erstickt werden. Es ward den Carlisten der Pardon gänzlich verweigert, sie wurden erschossen, wo immer sie in die Hände ihrer Feinde fielen, die Verwundeten und Kranken kaltblütig niedergemacht; ihre Güter wurden verwüstet und andern Eigenthümern übergeben, die Weiber und Kinder auf empörende Art gemißhandelt und dann fortgejagt. In den Gebirgsdörfern hauseten die Truppen entsetzlich; alle Einwohner, hieß es, sind Carlisten und müssen vernichtet werden; so ward denn geplündert, geraubt, geschändet und niedergebrannt. Viele Hunderte zwang das Elend, den Carlisten sich anzuschließen.

Diese, so lange sie schwächer waren, vergalten Gleiches mit Gleichem, auch sie machten die besiegten Feinde nieder; aber wie so oft in den baskischen Provinzen, siegte auch hier zu häufig Großmuth über strengrächende Gerechtigkeit, und Tausenden von den in genommenen Forts gefangenen Garnisonen wurden die Waffen gegeben, mit denen sie gewöhnlich ihren früheren Gefährten sich wieder anzuschließen eilten, Dankbarkeit und Treue zugleich mit Füßen tretend.