So wie Cabrera den Oberbefehl übernahm, machte er im Vertrauen auf seine täglich zunehmende Stärke dem Feinde Vorschläge, die zu milderem Kriegssysteme führen konnten. Er verlangte, in den Vertrag des Lords Elliot, der schon in den Nordprovinzen gültig war, aufgenommen zu werden, und erließ, da diese Forderung mit Spott zurückgewiesen wurde, ein Rundschreiben an sämmtliche Gouverneurs und Colonnen-Anführer der Christinos, in welchem er erklärte, daß er den Wunsch hege, auf menschliche Art den Krieg zu führen, und daß daher Gewaltmaßregeln von seiner Seite nur als Repressalien für die von den Feinden ausgeübten Statt finden würden. Trotz dem fuhren diese fort, alle Gefangenen zu erschießen; Cabrera aber empfahl nochmals in einer General-Ordre seinen Truppen Mäßigung und Schonung der Besiegten. Die Madrider Zeitungen stempelten ihn indessen unverdrossen zum blutdürstigen Ungeheuer, zum Tiger und führten als Beweis die Strenge an, mit der er, seine Armee zu unterhalten und mit allem Nöthigen zu versehen, unvermeidlich und pflichtgemäß gegen nachlässige oder böswillige Alcaldes und sonstige Ortsbehörden verfahren mußte.

Da ließ General Nogueras im Februar 1836 ohne irgend eine Veranlassung die siebenzigjährige blinde Mutter Cabrera’s, seit Monaten in enger Haft, auf dem Marktplatze von Tortosa erschießen, als warnendes Beispiel für alle Rebellen; er ließ die Schwestern desselben öffentlich stäupen und dann aus der Stadt jagen. — Mina, der General-Capitain von Catalonien, hatte auf Anfrage Nogueras’s seine Zustimmung zu der Schandthat gegeben.

Entsetzlich war die Verzweiflung des Sohnes, da er die schuldlose Mutter hingemordet sah, gemordet, um sein Verbrechen zu strafen; Rache, ewige Rache gegen die ruchlosen Mörder war sein erster Schrei. „Mit thränenschweren Augen,“ schreibt er in der General-Ordre aus Valderobles wenige Tage nach der Schandthat, die er seinen treuen Kriegern in Worten namenlosen Schmerzes verkündet, „mit thränenschweren Augen und gebrochenen Herzens erkläre ich die Mörder meiner schuldlosen Mutter für verlustig aller der Vortheile, welche Gesetz und Gewohnheit des Krieges ihnen gewähren könnten; und wie sehr ich auch aus innerster Seele das Blutvergießen verabscheue, wie sehr ich, wo irgend möglich, das Leben meiner Mitmenschen zu retten bemüht war, befehle ich jetzt, dem Rechte und der Pflicht gemäß, daß fortan dem erbarmungslosen Feinde kein Pardon zugestanden werden soll.“ Als Repressalie aber für den Tod, „der Besten der Mütter“ ordnete er an, daß sofort die Gemahlinn des Obersten Fontiveros, Gouverneurs von Chelva, die so eben in die Hände der Carlisten gefallen war, und mit ihr andere drei Frauen erschossen würden, sich vorbehaltend, zu gleichem Zwecke andere dreißig Frauen zu bezeichnen. Für jedes neue Schlachtopfer christinoscher Grausamkeit sollten aber von nun an zehn der Ihrigen als Sühne fallen.

Dann stürzte Cabrera zur Rache, und in wenigen Tagen hatte der verzweifelnde Anführer Fort auf Fort vom Feinde erobert, und Alles, was lebte, fiel unter seinem Schwerdte. Oberst Fontiveros aber, er, der am schwersten gelitten, sprach in einer Bittschrift an seine Herrscherinn den Mann, auf dessen Befehl seine Gattinn gestorben, frei von jeder Schuld und verlangte mit kraftvoller Beredtsamkeit die Bestrafung der Ungeheuer, welche durch den einen gräßlichen Frevel so viel Wehe hervorgerufen hatten.

Und Cabrera? Wenige Monate, nachdem er das Verdammungsurtheil über Alles, was Christina angehörte, ausgesprochen, da kaum die erste, wilde Leidenschaft des unendlichen Schmerzes verraucht war, da hören wir ihn wieder die Sprache der Mäßigung und Menschlichkeit reden, da erläßt er wieder Rundschreiben, ähnlich den früheren, an die feindlichen Befehlshaber und spricht seinen Wunsch aus, dem blutigen Repressalien-Systeme ein Ende zu machen, von ihren Maßregeln es abhängig machend, ob das Leben der Gefangenen geheiligt sei oder nicht. Und bald nachher, da er durch die Wegnahme einiger befestigten Posten in Aragon über 700 Gefangene im Depot hatte,[56] richtete er an den General Palarea ein Schreiben, worin er über abermalige Hinschlachtung der Seinigen sich beschwerte und drohete, im Wiederholungsfalle von jenen Siebenhundert eine verhältnißmäßige Zahl zu erschießen. Am 30. Mai aber nahm er bei Bañon 1200 Mann von der Colonne Valdez gefangen und gab ihnen Allen Pardon, und als er am 29. Juni in Alcoriza eindrang, führte er die Besatzung gleichfalls gefangen fort, nur die Nationalen erschießend. — Diese wie die Voluntarios Realistas waren nach dem Gesetze stets vom Pardon ausgeschlossen: wer kriegen will, trete in die Armee ein. — Von den dreißig Frauen, die ferner für seiner Mutter Tod sterben sollten, ward keine einzige geopfert.

Und das that derselbe Cabrera, der in Wogen menschlichen Blutes sich badete, der mit wollüstigem Vergnügen das Todeszucken seiner Schlachtopfer sah!

Niedrig mißbrauchten die revolutionären Blätter von Madrid das Privilegium, ohne Widerspruch Alles sagen zu können, was Partheigeist ihnen eingeben mochte. Ohne Zweifel sind auch in Aragon viele Thaten geschehen, die außerhalb Spanien unerhört scheinen würden; unter den besondern Verhältnissen des Bürger-, des Guerrilla-Krieges wurden sie zur traurigen Nothwendigkeit, da hohe Strenge allein Erfolg möglich machte, während Repressalien gerecht und durch die Pflicht vorgeschrieben waren. Vor Allem darf nicht übersehen werden, daß die Christinos durch empörende Ausschweifungen und kaltblütige Metzeleien die Rache-Acte hervorriefen, die sie so wohl zu schildern wußten, während die zehnfach blutigen und schändenden Aufreizungen ganz unerwähnt blieben.

Cabrera war strenge, oft hart, weil er nur so durchsetzen konnte, was er als nothwendig und gerecht erkannt: der geringste Mangel an Gehorsam ward beim Bürger und Bauer wie beim Soldaten mit unausbleiblichem Tode bestraft; er kannte das Volk, mit dem er zu schaffen hatte. Vorzüglich litten darunter die Magistrate und Behörden der Distrikte, welche abwechselnd von beiden Armeen besetzt, von beiden abwechselnd ausgebeutet wurden; denn wer nicht auf das genaueste das Befohlene ausgeführt hatte, starb wie der, welcher überführt war, freiwillig dem Feinde Vorschub geleistet zu haben. Daß aber Cabrera mit aller Strenge nur gerecht war, ist wohl am besten durch die Liebe und Verehrung bewiesen, die er beim Volke und beim Heere in so hohem Grade besaß.

Im Gefecht war Cabrera furchtbar: er flog stets an der Spitze der Seinen der Erste zum Kampfe, und wo er erschien, da stürzten die Feinde unter seinem eisernen Arme. So lange er Widerstand fand, kannte er keine Gnade, und nicht selten ertönte durch das Getümmel seine Donnerstimme: „á ellos, carajo, no hay cuartel!“ — Vorwärts, kein Pardon! — Gegen den Feind, der besiegt in seiner Gewalt war, blieb er stets großmüthig, und ich habe mich umsonst bemüht, ein einziges Beispiel von überlegter Grausamkeit mit Ausnahme der natürlichen Rache-Scenen nach dem Tode seiner Mutter, wenn man sie überlegt nennen darf, während seiner thatenreichen Laufbahn aufzufinden.