Am 15. September 1836 vereinigte sich Cabrera nebst Quilez und Miralles bei Utiel mit der Division von Gomez. Bei der Beschreibung jener Expedition sahen wir, wie Cabrera fortwährend mit hoher Auszeichnung kämpfte, wie er nach dem unglücklichen Treffen von Villarrobledo mit der Vorhut in Cordova eindrang und dann bei Baena den General Escalante schlug. Später dankte ihm Gomez die rasche Einnahme von Almaden, worauf Cabrera am 7. November mit einigen Hundert Reitern von ihm sich trennte, da der Zustand der Dinge in Aragon gebieterisch die Rückkehr nach den ihm untergebenen Provinzen forderte.

Cabrera wollte jedoch vorher nach den Nordprovinzen passiren, um mit den Anführern der dortigen Armee über etwanige Operationen und Combinirung derselben sich zu verständigen; auch war er nicht mit den kampflosen Zügen von Gomez’s Division seit der Räumung von Cordova einverstanden gewesen und glaubte, über diesen General gegründete Beschwerden führen zu müssen. Glücklich durchkreuzte er die Mancha und die Provinzen Guadalajara und Soria und gelangte bis nach Rincon, einem Dorfe nahe am Ebro, eine halbe Stunde von dem feindlichen Fort von Calahorra entfernt. Unbekanntschaft mit den Verhältnissen in diesem Theile des Kriegsschauplatzes und Mangel an der nöthigsten Vorsicht wurden ihm verderblich; anstatt den Ebro zu passiren und dadurch im wirklich carlistischen Gebiete — in Navarra — Sicherheit zu suchen, ließ er die erschöpften Truppen im Dorfe auf dem jenseitigen Ufer ruhen und stellte selbst trotz der Warnungen eines vertrauten Officiers — des Capitain Garcia aus Calahorra, der, schwer verwundet, von der Division Gomez mit Cabrera nach den Nordprovinzen zurückgehen wollte — die auf so gefährlichem Punkte unerläßlichen Vorposten nicht aus, da die Leute nach einem Ritte von vierzehn Meilen des Schlafes bedurften.[57] In der Nacht überfiel die Colonne der Rivera unter Iribarren die sorglos Ruhenden; ein Theil der Reiter wurde niedergemacht, ein anderer gefangen, mit dem Reste entfloh Cabrera, der verwundet und halb entkleidet kaum entkommen war, nach der Provinz Soria, um von dort aus Aragon zu erreichen. Doch vorher wurde seine geschwächte Schaar gänzlich zersprengt; er selbst, aus drei Wunden blutend, ohne Pferd und ganz erschöpft, ward mit Mühe durch einen treuen Gefährten, den Oberst Don Rodriguez Cano — la Diosa genannt — gerettet, der den hülflos Daliegenden fortschleppte, auf dem Fuße verfolgt durch unwegsame Wälder ihn geleitete und endlich den von Blutverlust und Anstrengung zum Tode Müden in dem vom Feinde besetzten Städtchen Almazan unter der Pflege eines braven Pfarrers verborgen zurückließ. Cano eilte nach Aragon, kehrte im Fluge mit einer Compagnie Lanciers zurück und führte den noch nicht hergestellten Feldherrn den Seinen zu.

Cabrera fand die Armee, welche er so glänzend verlassen hatte, in dem Zustande der furchtbarsten Auflösung. Umsonst hatte der brave Oberst Arévalo, sein Stellvertreter, Alles gethan, die Fortschritte des Feindes zu hemmen: seine Kriegserfahrung vermochte Nichts, da die untergeordneten Anführer, die einst unabhängigen und jetzt nur durch Cabrera’s Ansehen zusammengehaltenen Guerrilla-Chefs, Mitwirkung und Gehorsam ihm versagten. Sie wurden einzeln von den übermächtigen Massen der Christinos erdrückt, und ihre Truppen zerstreuten sich zum Theil oder verloren doch ganz die Disciplin und das Selbstvertrauen, durch welche Cabrera so Viel mit ihnen vermocht hatte.

So war es denn dem General Don Evarista San Miguel möglich gewesen, selbst Cantavieja, den Haupt- oder vielmehr einzigen Waffenplatz Cabrera’s in dem Centrum des wilden Gebirgsknoten von Unter-Aragon, am 31. October ohne Schwierigkeit zu nehmen, indem er mehr die Elemente und die Unzugänglichkeit des Terrains als den Widerstand der Carlisten zu besiegen hatte. Die Garnison verließ die Stadt, nachdem sie an dem Versuche, die 3000 Christinos nebst dem Brigadier Lopez, welche Gomez gefangen dorthin gesandt hatte, vor ihrem Rückzuge zu ermorden, durch dreihundert Mann von Gomez’s Division verhindert waren, die, zur Bewachung der Gefangenen zurückgelassen, die Ankunft der Feinde in der Stadt erwarteten, um die Wehrlosen nicht der Wuth ihrer Gefährten Preis zu geben. Sie fielen daher in die Hände San Miguel’s. Es wäre ungerecht, wenn ich nicht als ein Beispiel christinoscher Großmuth anführte, daß Espartero jene 300 Mann in Anerkennung ihres edlen Betragens, ohne Auswechselung frei nach Navarra sandte.

Bei seiner Rückkehr sah also Cabrera die Schwierigkeiten unendlich gehäuft und seine Macht in eben dem Maße verringert nicht nur durch die erlittenen Unglücksfälle, sondern auch durch die Trennung von Quilez, der mit seiner Brigade bei Gomez geblieben war. Die erste Sorge des Feldherrn war auf die Wiederherstellung der verlorenen Disciplin gerichtet, wozu freilich der Zauber seiner Gegenwart nebst einigen exemplarischen Strafen hinreichte. Sofort im Anfange des Jahres 1837 eilte er nach der Ebene von Valencia und streifte am 16. Januar bis an die Thore der Hauptstadt; mit reicher Beute zog er sich langsam nach den Gebirgen, als er am 18. Januar bei Torre blanca auf den General Borso di Carminati stieß, der seine Colonne zur Deckung Valencia’s heranführte. Ein hartnäckiger Kampf entspann sich, in dem die Carlisten vergeblich die Stellung des Feindes zu forciren suchten, da die Jäger von Oporto, aus Deutschen bestehend, die unter Don Pedro nach Portugal gekommen und vor kurzem, durch höchste Unerschrockenheit ausgezeichnet, der Tochter Ferdinand’s zu Hülfe gesandt waren, unerschütterlich fest standen. Cabrera ward, an der Spitze seiner Cavallerie chargirend, von neuem im Schenkel verwundet und verlor einige hundert Mann; Borso aber rettete sich während der Nacht durch einen Gewaltmarsch nach Castellon de la Plana.

Der verwundete General beobachtete von Rosell aus die feindliche Division von Valencia, während Forcadell im Februar eine Expedition nach der Mancha machte, wo er ungeheure Vorräthe von Getreide und Vieh zusammenbrachte, mit denen er glücklich nach Aragon zurückkam.

Schon war Cabrera, noch nicht genesen, wieder rastlos thätig. Er drang plötzlich tief nach Valencia hinein und griff am 18. Februar bei Buñol die 5000 Mann starke Colonne des General Cahuet in fester Stellung an, schlug sie gänzlich, nahm über 1900 Mann gefangen und jagte den Rest in vollkommener Auflösung und ohne Waffen, die sie zu leichterer Flucht weggeworfen hatten, nach der Hauptstadt. Sofort eilte er nach Aragon, um General Oráa, der so eben das Commando der Armee des Centrums übernommen, dorthin zu locken, wendete sich blitzschnell wieder nach Süden und stand am 29. März abermals im Angesicht von Valencia, wo er eine Colonne von 1500 Mann ereilte und vernichtete und Murviedro beschoß. Er durchzog, ohne Widerstand zu finden, die reiche südliche Hälfte des Königreiches und erschien am 1. April vor Alicante, während er Forcadell bis nach Orihuela, der Hauptstadt der Provinz, vorschob, deren Garnison bei der Annäherung der Carlisten entfloh. Mit siebenhundert ausgehobenen Pferden und einem ungeheuern Convoy von Lebensmitteln und Kriegsbedarf nebst 2300 Gefangenen kehrte Cabrera nach seiner natürlichen Gebirgsfeste zurück, wo Oberst Cabañero — welcher, ein reicher Gutsbesitzer und Commandeur eines Bataillons Nationalgarde, vor kurzem ein Corps für die Carlisten gebildet hatte, um auch sie später zu verrathen — am 27. April die Festung Cantavieja durch Einverständniß mit den Bürgern wieder genommen und die schwache Garnison, nur 600 Mann, gefangen hatte.

In vier Monaten waren durch die Anwesenheit des Generals alle die zahllosen Verluste ersetzt, die während seiner Entfernung die Armee von Aragon fast vernichteten; er hatte die Angelegenheiten der Carlisten in diesem Theile Spaniens selbst auf eine höhere Stufe gehoben, als sie je vorher gewesen. Aus dem kühnen Guerrilla-Chef war ein Heerführer geworden, dem der erste Feldherr Christina’s — denn Oráa verdient den Namen — entgegengestellt wurde, der schon seine gut organisirten und disciplinirten Truppen auf offenem Felde gegen den Feind führte, und der ungestraft die vorzüglichsten Städte Spanien’s bedrohete, seine reichsten Provinzen sich tributpflichtig machte.

Im Mai zog Cabrera nach Aragon und Catalonien,[58] wo er seine Herrschaft täglich ausdehnte, die feindlichen Forts, mit denen das Land übersäet war — die Christinos hatten jede Stadt, auch die kleinste, befestigt und verloren so, um Alles zu decken, oft auch das, was sie ohne Zersplitterung ihrer Macht hätten bewahren können — eroberte, die Werke derselben zerstörte und dabei fortwährend Zahl und Güte seiner streitbaren Mannschaft vermehrte. Doch umsonst belagerte er wieder das herrliche Gandesa, so oft schon bedrohet, umsonst suchte er der bedeutenden Stadt Alcañiz sich zu bemächtigen, welche er am 23. Mai zur Übergabe aufforderte; die Mittel zur regelmäßigen Belagerung fehlten ihm ganz, und die feindlichen Colonnen eilten stets zu raschem Entsatze herbei. Er zog dann vor Caspe und passirte, Zaragoza bedrohend, den Ebro, wandte sich sofort nach der Gränze von Aragon und Castilien, fing dort einen Convoy auf und stand am 14. Juni schon wieder vor Caspe, dessen Belagerung er eröffnete, um durch seine Einnahme der königlichen Expedition, die am 5. Juni in Catalonien angelangt war, einen bequemen Übergangspunkt über den Ebro zu sichern. Die Annäherung Oráa’s zwang ihn, das Unternehmen auf Caspe aufzugeben, weßhalb er den Übergang bei Cherta, nahe bei Tortosa, vorbereitete, wo er glücklich am 29. Juni bewerkstelligt wurde, von dem zu spät herbeieilenden Feinde nicht mehr gehindert.