Früher sagte ich, wie ununterbrochen thätig Cabrera während der Vereinigung mit dem Corps des Königs war, wie er unwillig vor Madrid zurückwich, dann am 18. September Guadalajara unter den Augen Espartero’s besetzte und zwei Tage später, von der Expeditions-Armee sich trennend, mit seiner Division den Rückzug nach den ihm untergebenen Provinzen antrat.

Oráa warf sich auf die abgesondert marschirende Infanterie und holte sie mit seiner Cavallerie bei Arcos de la Frontera, nahe bei Cuenca, in einer Ebene am Fuße der Gebirge ein. Die zehn Elite-Compagnien der Brigaden von Tortosa und Mora stellten sich dem Feinde entgegen und hielten, in Massen formirt, seinen Choc auf, bis die Division das Gebirge erreicht hatte; so ihre Gefährten rettend sahen sie sich umzingelt und wurden, als die Infanterie der Christinos ankam, sich zu ergeben gezwungen. Nie hatte Cabrera so empfindlichen Verlust gelitten, der aus dem Fehler entsprang, welchen er durch Detachirung der ganzen Cavallerie unter Forcadell machte, während er mit seiner Infanterie nicht in einem Terrain blieb, das gegen Angriff der feindlichen Reiterei ihn gesichert hätte. —

Oráa beschloß Cantavieja wiederzunehmen. Er vereinigte in Valencia einen bedeutenden Belagerungs-Train und führte ihn im Anfange Novembers über San Mateo auf Morella. Cabrera erwartete den Feind auf dem südlichen steilen Abhange der Sierra Buey zwischen Ares del Mestre und Cati und wies dessen wiederholte Versuche zur Forcirung des Durchganges kraftvoll zurück; Oráa zog sich, seinen Plan aufgebend, nach Valencia zurück. — Er hatte für die Belagerung von Cantavieja allein von der Stadt Zaragoza 30000 Piaster außerordentlicher Kriegssteuer erhoben, denn das Land mußte beiden Heeren Alles liefern.

Cabrera flog, die Entfernung der christinoschen Divisionen benutzend, nach dem Hügellande Unter-Cataloniens und belagerte von neuem Gandesa, in dessen Mauern er drei Mal umsonst Bresche geöffnet hatte. Auch jetzt zog General San Miguel, einer der fähigsten Anführer der Feinde, von Zaragoza zum Entsatze. Cabrera warf sich ihm entgegen, griff nur halb so stark wie der Feind bei Corvera ihn an und nöthigte ihn zum Weichen, konnte aber nicht verhindern, daß San Miguel ohne weiteren Verlust durch geschicktes Manövriren die bedrohete Stadt erreichte. Bei seinem Abmarsche führte er jedoch die Garnison mit sich fort, da er die Unmöglichkeit längeren Widerstandes erkannte, und ließ so am Schlusse des Feldzuges die Carlisten in unbestrittenem Besitze des südlich vom Ebro gelegenen Theiles von Catalonien, der durch seine Fruchtbarkeit und den Geist der Einwohner von hoher Wichtigkeit war und die Verbindung mit der royalistischen Armee von Catalonien sicherte. — Gandesa hatte eilf Belagerungen Cabrera’s erlitten.


Der Winter von 1837 zu 38 war Zeuge einer Scene voll des unendlichsten Jammers und Elendes, einer Scene, die an herzzerreißendem Schrecken Alles überragt, was sonst der Bürgerkrieg Entsetzliches mag hervorgebracht haben.

Da die Operationen im Verein mit der königlichen Expedition und später zur Vertheidigung Cantavieja’s bis in den Spätherbst sich ausgedehnt hatten, war es dem carlistischen Feldherrn unmöglich gewesen, wie in andern Jahren aus den umliegenden Provinzen Lebensmittel nach dem Gebirge zu führen, so daß dort bald der empfindlichste Mangel sich fühlbar machte. Alle Magazine waren leer, alle Vorräthe erschöpft; das Volk lebte von wenigen Kartoffeln, dem Einzigen, was nebst etwas Hafer in diesen unfruchtbaren Districten gewonnen wird, die Bataillone blieben drei und vier Tage lang ohne Lebensmittel und waren während ganzer Monate auf halbe und Viertel-Rationen beschränkt.

Tausende von Gefangenen waren in den Depots der Carlisten aufgehäuft, der Mehrzahl nach von der glorreichen Action vom Villar de los Navarros herrührend, wo der König das Corps des General Buerens vernichtete. Cabrera erkannte die Unmöglichkeit, unter den obwaltenden Umständen solche Zahl den Winter hindurch zu ernähren. Er setzte daher dem feindlichen Obergeneral Oráa auseinander, wie gänzlicher Mangel an allem Nöthigen, unter dem seine eigenen Truppen schwer litten, ihm nicht erlaubten, die Gefangenen zu versorgen; wie auch bei dem Willen, es zu thun, die Unmöglichkeit unbesiegbar bleibe, da alle Magazine geleert seien. Er erbot sich, alle diese Gefangenen gegen einen bloßen Empfangschein auszuliefern, unter der Bedingung, daß Oráa, so wie Carlisten in seine Hände fielen, bis zur Completirung jener Zahl als ausgewechselt sie zurückgebe. Für den Fall aber, daß Oráa dieses nicht eingehen wollte, forderte er ihn auf, das zur Beköstigung der Gefangenen Nothwendige zu liefern, bis Cabrera in der bessern Jahrszeit im Stande sei, es zurückzugeben. Würde weder der eine noch der andere Vorschlag angenommen, so müßten alle jene Unglücklichen unfehlbar Hungers sterben.

Der christinosche General antwortete, daß, wer sich dem Feinde ergebe, sein wohl verdientes Schicksal tragen möge, was es auch mit sich bringe.

Furchtbar war das Loos der Krieger, die so von den eigenen Gefährten hingeopfert wurden. Als die Mittel der Bewohner, welche Wochen lang spärlich sie unterhielten, endlich ganz erschöpft waren, als sie Alles, was auf Augenblicke die entsetzliche Qual lindern konnte, bis auf das Leder ihrer Schuhe zernagt und verschlungen hatten, da sanken Hunderte in tödtlicher Entkräftung hin, und — — die Überlebenden zehrten gierig von dem Fleische ihrer gestorbenen Cameraden.