Nachdem dreißig Artilleristen Zariategui’s, die nach Vergrabung ihrer beiden Geschütze sich retten konnten, und sechszig Pferde, Versprengte von allen carlistischen Corps, sich ihr angeschlossen hatten, richtete sich die kleine Brigade in forcirten Märschen nach Aragon, befreiete unterweges eine Guerrilla von 300 Mann, die, von einigen christinoschen Compagnien in einer alten Burg eingeschlossen, aus Mangel sich zu ergeben im Begriff waren, und langte im Anfange Decembers glücklich bei Cantavieja an. Cabrera befand sich gerade in der Ebene von Valencia, wohin er dem nach der verunglückten Demonstration auf Cantavieja sich zurückziehenden Oráa folgte; er befahl der nun in zwei Bataillone, ein jedes zu 450 Mann, organisirten Brigade, die Blokade der feindlichen Festung Morella zu übernehmen.
Morella im Königreiche Valencia liegt mitten in dem Hochgebirge, welches der Schauplatz der Thaten Cabrera’s, der Sitz der carlistischen Macht im östlichen Spanien und die Basis war, auf die jener Feldherr seine Operationen nach Aragon, Valencia und Catalonien stützte. Nur acht Leguas von Cantavieja entfernt und mit starker Garnison versehen, gewährte die Festung den feindlichen Generalen bei allen Offensiv-Operationen einen willkommenen Anhaltspunkt, war den Carlisten — im wahren Centrum ihres Gebietes liegend — nicht selten sehr hinderlich und konnte bei größerem Unglücke leicht verhängnißvoll entscheidend werden, während ihre Festigkeit bei der Schwäche der feindlichen Angriffsmittel gegen jede Tentative sie zu sichern schien.
Auf einem isolirten Felsberge ragt ein ungeheurer, 140 bis 200 Fuß hoch senkrecht sich erhebender Granitblock empor. Auf diesem Blocke oder besser Kegel, der etwa 500 Fuß im Durchmesser hat, ist das gefürchtete, von den Bewohnern der Umgegend mit stummer Ehrfurcht angestaunte, Castell von Morella erbaut, und zu seinem Fuße auf dem höchsten Abhange des Berges dehnt sich im Halbkreise die Stadt aus, durch starke von Thürmen flankirte Mauern und vorliegende Felsabschüsse geschützt. Die Werke waren mit zahlreicher Artillerie garnirt und wurden durch eine ausgesuchte Besatzung von 900 Mann unter dem Obersten Don Bruno Velasco y Portillo vertheidigt, einem trotzigen Wütherich, dem Schrecken des Landes.
So war die Festung, deren Blokade die beiden Bataillone von Burgos und von Valladolid unternahmen. Sie postirten sich in Cinctorres und el Orcajo, zwei Meilen entfernt und die Wege nach Cantavieja beherrschend, und detachirten den Oberstlieutenant Don Martin Gracia mit 200 Mann, um die Stadt eng einzuschließen. Er vertheilte seine Mannschaft in Posten von zwanzig bis dreißig Mann, welche die rings um die Festung liegenden massiven Masadas — Bauernhöfe, große Scheunen — besetzten und durch geeignete Maßregeln die strengste Blokade etablirten.
Ich will nicht den Ereignissen derselben in ihren Details folgen; Ungeheures litten die wackern Castilianer. In elende Lumpen gehüllt, ohne sie auch nur wechseln zu können, waren sie fortwährend der rauhen Kälte, dem eisigen Schnee des Hochgebirges ausgesetzt; in der ganz verwüsteten Landschaft — da bei dem Mangel jenes Winters die Magazine nichts lieferten — konnten die nöthigen Lebensmittel nicht aufgetrieben werden, und Wochen lang waren die Armen auf wenig Brod und wenige Bohnen beschränkt; die Mehrzahl ging bald barfuß, da weder Schuhe noch Sandalen zum Ersatze der abgerissenen sich fanden. Dazu machte die vier Mal so starke Garnison fast täglich Ausfälle mit einigen leichten Geschützen, theils die Masadas, das einzige Obdach der Carlisten, zu zerstören, theils mit der Absicht, das fehlende Brennholz sich zu verschaffen. Selten gelang das Eine oder das Andere, da die Castilianer, rasch dem bedroheten Punkt — es war nur ein Thor der Festung offen — zu Hülfe fliegend, mit fabelhaft scheinender Unerschrockenheit immer kraftvoll den Andrang empfingen, oft die Übermacht in wilder Flucht bis zum Fuße der Mauern jagten, da das gebrochene Terrain das Feuer der Festung den Tirailleurs ganz unschädlich machte.
Und die braven Burschen murrten nicht. Lauter unbärtige Jünglinge sahen sie mit Liebe und Vertrauen auf die erprobten Führer, welche sie jedes Ungemach mit ihnen theilen und im Kampfe stets die ersten der Gefahr sich aussetzen sahen. Der herrliche Character der Alt-Castilianer, ihre biedere Treuherzigkeit, ihre Ausdauer und die aufopferndste Anhänglichkeit und Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten verleugneten sich auch hier nicht.
Sei es mir vergönnt, nun die Worte wiederzugeben, mit denen der Oberstlieutenant Don Pablo Alió, als ich im Januar 1840 zu Morella ihn kennen gelernt, in der einfachen Bescheidenheit, die den enthusiastisch braven, tief religiösen Mann so liebenswürdig machte, die Heldenthat mir beschrieb, durch die er das furchtbare Felsen-Castell der Herrschaft seines Königs eroberte, eine Heldenthat, wie die Geschichte ihrer nicht viele rühmen mag.
„Seit mehreren Wochen schon standen wir der Festung gegenüber, ohne die Hoffnung zu erlangen, daß wir je unser sie nennen würden; im Gegentheil wurde unsere Lage täglich schrecklicher, und es war vorauszusehen, daß wir bald die Blokade würden aufgeben müssen. Indessen hatte ich seit dem Augenblicke unserer Ankunft überlegt, ob es denn nicht möglich sei, durch einen Handstreich etwas gegen sie auszurichten. Aber nahmen wir auch die Stadt, so war uns wenig geholfen, da das Feuer des Castells uns sofort wieder vertrieben hätte; und dieses... Wer könnte jene furchtbar senkrechten Felswände erklimmen, deren Anblick Schwindel erregt! — Dennoch faßte der Gedanke täglich festere Wurzel in meiner Brust, bis ich endlich den Entschluß unserm Commandeur Gracia und dem Blokade-Adjudanten García mittheilte. Sie erschraken im ersten Augenblicke, aber bald stimmten sie mir bei: das Castell sollte mit Gottes Hülfe erstiegen werden.“