„Zuerst suchte ich der Liebe und der unbedingten Ergebenheit meiner Freiwilligen mich zu versichern. Ich litt selbst an Allem Noth; aber für das Wenige, was ich besaß, ließ ich Lebensmittel und Wein und Sandalen kommen und vertheilte Alles unter die armen, ausgehungerten Burschen. Dann gaben auch der Commandant und García das Ihrige dazu her, wir erborgten das Geld unserer Cameraden und verkauften endlich unsere Kleidungsstücke, bis wir Alle gar Nichts mehr hatten. Die armen Burschen erkannten mit der kindlichsten Dankbarkeit unsere Fürsorge und waren für uns zu Allem bereit. Zugleich führte ich sie bei den häufigen Kämpfen mit dem ausfallenden Feinde immer selbst an, schonte ihrer, wo ich konnte, und wählte für mich den gefährlichsten Posten: so gewann ich das Vertrauen meiner Leute, und sie folgten mir freudig, wohin ich sie auch führen mochte.“
„Indessen waren heimlich Leitern angefertigt, ungeheuer hoch und an den Enden gepolstert, um jedes Geräusch beim Ansetzen zu vermeiden; trotz aller Vorsicht ward Etwas davon bekannt, und die Bauern sprachen Viel über die Leitern. Ich fürchtete, daß die Christinos es auf irgend eine Art erfahren könnten, und beschloß deshalb, in der ersten stürmischen Nacht den Angriff zu wagen; aber da erschrak wieder der Commandant, er wandte unentschlossen seine Verantwortlichkeit ein und verschob die Unternehmung trotz unserer Bitten von einem Tage zum andern. Als er nun am 23. Juni auf einige Tage Urlaub nahm, wollten García und ich nicht länger zaudern: wir theilten unseren Plan dem Interims-Commandeur mit, der endlich, als er wieder und wieder die Felsmasse betrachtet hatte, mit Thränen seine Zustimmung gab. Ich durfte achtzig Freiwillige selbst mir auswählen; dazu rief ich einen Artilleristen, der wenige Tage vorher aus der Festung zu uns desertirt war und sich nun, weil er genau das Castell kannte, zum Führer anbot.“
„Der 25. Januar war furchtbar stürmisch; so sollte denn in der Nacht der Versuch gemacht werden. Am Abend versammelte ich die achtzig Mann in der Masada des Commandanten und sagte ihnen, was ich beabsichtigte, und wie ich das feste Vertrauen hege, daß unsere Beschützerinn, die erhabene Jungfrau der Schmerzen, ihren himmlischen Beistand zu dem Werke nicht versagen werde, da wir es ja für das Recht und für die Religion unternahmen. Ich forderte, nachdem ich ihnen die ganze Gefahr aus einander gesetzt hatte, daß ein Jeder, der nicht den Muth fühle, mit Freudigkeit mir zu folgen, jetzt zurücktrete; aber Alle antworteten, daß sie mit mir sterben wollten. Dann sah ich die Waffen nach und gab die nöthigen Instructionen, worauf wir Alle beichteten und das heilige Sakrament nahmen, um uns zum Tode zu weihen; ich ließ endlich die Freiwilligen tüchtig speisen und befahl ihnen, nachdem ich nochmals den Segen der heiligen Jungfrau erfleht hatte, sich niederzulegen und bis zu der Stunde der Ausführung zu ruhen.“
„Ich trat in das Zimmer des Commandanten und besprach noch ein Mal Alles mit ihm und García, die Beide bleich waren und zitterten, weil sie zurückbleiben sollten; auch verabredeten wir, daß ich im Falle des Gelingens ein hohes Feuer auf dem Platze des Castells anzünden solle, wenn es aber unglücklich abliefe, würden sie am folgenden Tage unsere Leichen fordern und sie in geweiheter Erde christlich beisetzen. Dann umarmte ich beide, die mich immer noch nicht lassen wollten, rief meine Burschen und trat an ihrer Spitze den Marsch an, während von den beiden Officieren, die mich begleiteten, der Eine in der Mitte des Zuges ging, der Andere ihn schloß.“
„Die Nacht war entsetzlich; ein furchtbarer Schneesturm mit Schlossen zwang uns, oft still zu stehen, auch bedeckte Fuß hoher Schnee die Felsenabsätze, über die wir hinkletterten, so daß wir nur sehr langsam vorwärts kamen. Seufzend gedachte ich der zerrissenen Bekleidung und der nackten Füße der armen Burschen: was mußten sie nicht leiden! Aber Niemand klagte. Erst gegen ein Uhr konnten wir von der Mauer des Kirchhofes, hinter der wir einen Augenblick Athem geschöpft hatten, nach dem Fuße der Felsenmasse, die dunkel über uns sich aufthürmte, schleichen, was wir, so viel die Leitern erlaubten, einzeln thaten, um nicht die Aufmerksamkeit der feindlichen Schildwachen zu erwecken. Glücklich waren wir endlich Alle angekommen und richteten die Leiter auf. Ich hatte eine Stelle gewählt, auf der in der Mitte der Wand ein schmaler, sehr abschüssiger Absatz sich befand, da ich sonst nicht mit den Leitern bis oben hätte hinkommen können.[59] Dort stiegen wir einzeln hinauf, wobei die Leitern, deren ich zwei an einander gebunden hatte, entsetzlich unter unserer Last sich bogen, weil wir sie, um sie leicht handthieren zu können, sehr schwach machen mußten. Auch wären sie hundert Mal gebrochen, wenn sie nicht beinah von unten bis oben an den Felsen sich gelehnt hätten.“
„So wie die Hälfte von uns auf dem Vorsprunge stand, fingen wir an, die mit ungeheurer Mühe heraufgeschleppte Leiter in die Höhe zu ziehen; grausig war die Arbeit, wie wir so über siebenzig Fuß hohem Abgrunde schwebten — jeder Fehltritt sicherer Tod —, eben so hoch über uns die senkrechte Felsenwand und oben der Feind. Lange gelang es uns nicht, die Leiter auf dem abschüssigen Felsenabsatze zu fixiren, den der unaufhörlich fallende Schnee glatt machte. Endlich stand sie aufrecht da, natürlich fast ganz senkrecht und von den drei riesenhaften Gastadores[60], die ich deshalb mitgebracht hatte, gestützt, da sie sonst unter uns sofort wieder hinabgeglitten wäre.“
„Leise flüsterte ich den dicht gedrängten Freiwilligen einige Worte der Aufmunterung zu und folgte rasch dem Führer zum Sturm, worauf die Andern in der durch das Loos bestimmten Ordnung sich anschlossen. Auf der obersten Stufe angelangt fehlten dem Führer noch vier Fuß bis zu der Höhe des Felsen. Das war furchtbar, denn fiel bei dem Versuche hinaufzuklettern Einer, steif durch die Kälte, wie Alle waren, so riß er im Sturze die Übrigen mit sich hinab; und die Leiter schwankte und bog sich entsetzlich unter der Last. Aber die gnadenreiche Himmelsköniginn wachte über uns. Der Führer schwang sich hinauf — schon stand ich ihm zur Seite. Da sah uns die zwanzig Schritt entfernt in ihr Häuschen gedrückte Schildwache; sie sprang heraus und rief mit vom Entsetzen hinsterbender Stimme: „cabo de guardia, los facciosos!“ Der Schuß des Führers streckte sie todt nieder.“
„Mit lautem viva el Rey stürzte ich auf die Wache, die, 30 Mann stark, in dem Gebäude sich verbarrikadirte und ein heftiges Feuer begann. Jeder Augenblick war kostbar, denn schon tönten von der Stadt her die Trommeln und Hörner, und bald klangen die Glocken wild durch den hundertfachen Lärm; nahmen wir nicht rasch die Wache, so mußte die Hülfe dasein, und Alles war verloren. Aber wieder begünstigte uns unsere Schutzheilige. Die Freiwilligen, wie sie oben anlangten, stürzten herbei und feuerten auf Thür und Fenster des Wachhauses, da ich umsonst zwei Mal den Eingang zu forciren suchte. Ich befahl dann, rasch zu schießen und ließ alle Welt laut „viva el Rey, viva Cabrera! acá Castilla! acá Tortosa! Aragon para siempre!“ durch einander rufen, als wären alle diese Truppen unter Cabrera’s Anführung dort oben. Die Wache, durch das Geschrei getäuscht, brach plötzlich aus dem Gebäude hervor, um sich durchzuschlagen; auch gelang es Einigen zu entkommen, zwölf Mann wurden gefangen, die andern getödtet.“
„Ich recognoscirte nun rasch die Seite des Castells, welche die Stadt beherrscht, und sah schon die Garnison auf dem Platze aufmarschirt. Daher vertheilte ich meine Leute längs den Schießscharten der Ringmauer, öffnete mit Hülfe von drei gefangenen Artilleristen die Magazine und ließ eine große Zahl von geladenen Bomben und Granaten herausholen. Zugleich befahl ich den Artilleristen, mit allen Kanonen unaufhörlich zu feuern, um nur den Feind einzuschüchtern.“
„Dieser rückte sofort zum Sturm heran. Eine dunkele Colonne drang langsam und geschlossen auf dem gewöhnlichen Wege gegen das Thor vor, während plötzlich ein anderer starker Haufen über die Felsen zu klimmen und so uns zu überraschen suchte. Da ließ ich alle Granaten und Bomben anzünden und über die Felsen mitten unter die Massen der Stürmenden hinabrollen, so daß die ganze Felsenwand mit spielend hinunterhüpfenden Flammen bedeckt schien. Aber die Christinos rückten dennoch muthig vor und gelangten bis zu der ersten Biegung des Weges. Erst als dort das Gewehrfeuer aus tödtlicher Nähe sie niederschmetterte und fortwährend Bomben und Granaten auf sie regneten, wandten sich beide Colonnen zur Flucht und stürzten in nie gesehener Verwirrung in die Stadt zurück. — Morella war unser.“