„Da sank ich mit Thränen im Auge auf die Knie und mit mir alle die braven Burschen, und laut dankte ich der gnadenreichen Jungfrau der Schmerzen, daß sie so herrlichen Sieg uns gegeben habe. — Dann befahl ich, ein großes Feuer anzuzünden, um den Gefährten das Zeichen zu geben.“
So weit der wackere Alió. In zehrender Unruhe horchte sein Commandeur und der Adjudant García auf das leiseste Geräusch, ob es Nachricht bringe von den kühnen Genossen. Aber Stunde auf Stunde verging in lautloser Stille, nichts Gutes verkündend; — und plötzlich ertönte wildes Gewehrfeuer, bald von dem Krachen der Geschütze übertäubt, das immer heftiger in die Nacht hinausschallte; der furchtbare Felsen schien ein rings Flammen sprühender Vulkan, Tod und Verderben ausspeiend. Sie zweifelten nicht mehr: ihre braven Gefährten waren entdeckt und lagen schon begraben unter dem immer dichter fallenden Schnee; im stummen Schmerze starrten sie bewegungslos das majestätische, Unheil verheißende Schauspiel an. — Da trat geräuschloses Schweigen an die Stelle des Tumultes, jedes Leben schien erstorben; einen Augenblick später erhob sich hoch über die dunkle Felsenmasse eine hell aufleuchtende Flamme — das Glück verkündende Zeichen des Sieges!
In stürmischer Freude umarmten sich die beiden Männer und eilten, ihre Truppen, die sie, auf Alles vorbereitet, vereinigt gehalten hatten, dem fliehenden Feinde entgegenzuschicken.
Mit Erstaunen hatten die Bewohner weit in der Runde dem ungewohnten Lärmen von der gefürchteten Veste her gehorcht: sie glaubten, daß die Garnison unter einander sich bekämpfe, und waren erfreut, daß Zwietracht die gehaßten Negros wechselseitig sich opfern mache. Bewunderung machte selbst den Jubel auf einen Augenblick verstummen, als sie am Morgen die unglaubliche Kunde vernahmen. — Der Gouverneur Portillo floh mit der Garnison auf der Straße, welche nach el Orcajo führt, und dann rechts durch das Gebirge auf Alcañiz, aber über 150 Mann, die in den Schrecken jener Nacht sich zerstreut hatten, wurden von den Streifparthieen und selbst vom Landvolke aufgefangen und eingebracht. Dagegen traf Portillo auf der Brücke, die zwischen Morella und dem Orcajo die Ufer des Bergantes verbindet, eine von letzterer Stadt entsendete Patrouille des Bataillons von Valladolid und nahm achtzehn Mann von derselben gefangen.
Am folgenden Morgen ging die Sonne zum ersten Male seit Wochen an unbewölktem Horizonte auf, mit ihren Strahlen die unabsehbare Schneefläche in blendenden Glanz hüllend; der Himmel schien sein finsteres Sturmgewand nur beibehalten zu haben, um den Carlisten die Gelegenheit zu der kühnen That nicht zu rauben. Als Alió dann mit einem Detachement seiner Braven in die Stadt hinabstieg, in deren Straßen jetzt Todtenstille herrschte, fand er auf dem Platze vierzig Mann unter einem Sergeanten aufmarschirt, die, zurückgeblieben, um fortan unter dem carlistischen Banner zu fechten, mit lautem viva Carlos Quinto! ihn begrüßten. Er arretirte sie indessen, da dieser Entschluß in solchem Augenblicke sehr verdächtig schien.
Die Einwohner der Stadt, welche besorgt den Tag erwartet hatten, sahen freudig erstaunt, daß nicht die geringste Unordnung ausgeübt wurde: kein Freiwilliger betrat irgend ein Haus, wiewohl sie Alle ganz abgerissen und ohne Wäsche waren, bis Alió ihnen befahl, in die blau bezeichneten Häuser der dem revolutionairen Gouvernement günstig Gesinnten[61] zu gehen, und ein Jeder ein Hemd und ein Paar Beinkleider sich geben zu lassen. Und die treuherzigen Castilianer, sie, die eben stürmend die unnehmbar geachtete Veste erobert, sie naheten demüthig den zitternden Bürgern und baten sie beschämt, ein Hemd ihnen zu geben, weil sie so ganz entblößt seien; und freudig eilten sie zu ihrem Officier, mit kindlichem Vertrauen den erlangten Schatz ihm zu zeigen.
Freilich muß ich hinzufügen, daß auch unter den Carlisten solche Mäßigung wohl recht selten sich gefunden hat. Die jungen Castilianer, noch nicht durch langes Kriegen verhärtet und noch nicht gestählt gegen den Eindruck des fremden Jammers durch den immerwährenden Anblick von Leid und Elend und Gräuel, wußten wohl, dem geliebten Anführer in jede Gefahr folgend, das Schwerste auszuführen, aber den wehrlosen Bürger zu berauben wußten sie nicht. Sie gedachten noch des greisen Vaters, der Lieben, die daheim ja auch friedlich und wehrlos dem Übermuthe der Gewalt Preis gegeben waren; wie sollten sie da nicht mild und schonend sich zeigen!
Die Freudenbotschaft von der Escalade von Morella fand den General in Benicarló, dessen Fort er, nach der Reinigung von Unter-Catalonien wieder nach Valencia geeilt, so eben zur Übergabe genöthigt hatte. Er langte wenige Tage später in der Festung an und belohnte reich den Heldenmuth der kleinen Schaar. Lieutenant Alió trat als Capitain zu der Brigade von Tortosa, der Garde des Heeres, über, in der ich später als Oberstlieutenant ihn kannte.