Kaum war die Belagerung eröffnet, zu der ein Theil der in Morella genommenen Artillerie herangezogen war, als Oráa mit weit überlegener Macht von Castellon de la Plana zum Entsatze eilte und, nachdem die Carlisten durch entschlossenen Widerstand bei Alcora die Zeit zur Zurückziehung ihrer schweren Geschütze gewonnen — in den unwegsamen Sierras stets der schwierigste Punkt —, nach Lucena durchdrang. Cabrera aber flog auf der kürzesten Linie nach dem nun entblößten Aragon und nahm nach kurzer verzweifelter Gegenwehr das bedeutende Calanda im Flußgebiete des Guadalupe mit Sturm, worauf Andorra capitulirte. Er berannte sofort Alcañiz, ward aber zur Aushebung der Belagerung gezwungen, da General San Miguel von Zaragoza aus der bedroheten Stadt zu Hülfe zog. Er eilte von da, die Division von Aragon zurücklassend, nach el Turia, dem Landstriche zu beiden Seiten des Guadalaviar, wo Aragon, Castilien und Valencia sich berühren, welcher durch Tallada’s Vernichtung ganz von Truppen entblößt war.

Tallada war schon frühe als Guerrilla-Chef aufgetreten und von Tage zu Tage in den Provinzen del Turia und Cuenca mächtiger geworden, wiewohl er selten entschiedenen Sieg über feindliche Colonnen davon getragen hatte. Er war gewandter in der Kunst, den Kampf, wenn nicht alle Chancen ihm günstig, zu vermeiden, als in der des Schlagens, dabei überraschte er Freund und Feind häufig durch Märsche und durch Expeditionen bis tief in die Mancha und das Königreich Murcia, welche den Stempel der höchsten Kühnheit trugen, da er doch alle Verhältnisse so genau berechnet hatte, daß er seiner Sache sicher war. Seit er unter Cabrera’s Befehl stand, organisirte er seine Colonne trefflich und bildete fünf schöne Bataillone und drei Escadronen Lanciers, ein Ganzes von fast viertausend Mann. Er war indessen grausam gegen die Christinos, eigennützig und drückte schwer die von ihm heimgesuchten Districte.

Ich erwähnte früher, wie Tallada auf seinem Zuge durch die Provinz Cuenca im Januar 1838 einige Compagnien der königlichen Garde, die in einer Capelle sich eingeschlossen hatten, gefangen nahm, Leben und Eigenthum ihnen zusagend; und wie er wenige Stunden nachher die Officiere derselben gegen sein Wort meuchlings erschießen und ihre Leichen in einen Fluß werfen ließ, um der bedeutenden Geldsummen sich zu bemächtigen, welche zwei von ihnen mit sich führten. — Seine eigenen Officiere tadelten laut diesen Act niedriger Wortbrüchigkeit; sie prophezeiten selbst, daß solches Verbrechen Unheil nach sich ziehen müßte, und daß gewiß schweres Unglück auf diesem Zuge die Division treffen würde. Tallada aber verlor seit dem Augenblicke die Klarheit des Geistes, den Überblick und die Bravour, welche vorher ihn auszeichneten; er wurde düster und schwankend in seinen Anordnungen.

Bald vereinigte er sich mit dem Corps Don Basilio Garcia’s, störte durch seine Eifersucht wesentlich den Erfolg der Expedition, veranlaßte das unglückliche Gefecht bei Ubeda und trennte sich endlich in Murcia von jenem General, um nach el Turia zurückzukehren.

Die furchtbaren Regen, welche schon in der letzten Zeit seiner Vereinigung mit Don Basilio verderblich gewirkt hatten, fuhren fort auf dem eiligen Rückmarsche ihn unendlich zu belästigen, auf dem die Division an Allem Mangel litt und, durch furchtbare Fatiguen erschöpft, vom General Pardiñas lebhaft verfolgt wurde. Doch gelang es ihr, am 26. Februar den Xucar, hoch durch die Regengüsse angeschwollen und von feindlichen Colonnen beobachtet, um den Übergang zu verhindern, ohne Zusammentreffen zu erreichen und auf einer Nothbrücke zu passiren. Die Division war gerettet, da der Feind, wenn die Brücke zerstört wurde, sie unmöglich einholen konnte; so blieb sie denn in dem nahen Castriel zur ersehnten Nachtruhe. Aber am Abend waren kaum zwei Drittel der Truppen versammelt, indem Erschöpfung und die grundlosen Wege viele Hunderte gehindert hatten, dem lang gedehnten Zuge zu folgen. Da befahl Tallada, die Brücke nicht abzubrechen, damit die Nachzügler während der Nacht der Division sich anschließen könnten.

Um vier Uhr Morgens am 27. Februar überfiel Pardiñas mit einigen Compagnien Avantgarde nach furchtbar forcirtem Marsche den offenen Ort. Wähnend, daß die National-Gardisten der Umgegend sich genähert hätten, um die Colonne durch ihr Schießen zu allarmiren, ließ der Brigadier die Truppen ruhig in den Quartieren bleiben, mit der Ordre, aus den Fenstern der auf das Feld sehenden Häuser auf die Feinde zu schießen, falls sie zu lästig würden. So konnte Pardiñas, rasch verstärkt, die Eingänge der Straßen und selbst den Marktplatz ohne Widerstand besetzen. Als die Carlisten endlich aus den Häusern stürzten, fanden sie die ganze Stadt in der Gewalt des Feindes, dessen Patrouillen mit den sich formirenden Compagnien vermischt waren. Ungeheure Verwirrung herrschte. Die meisten Soldaten wurden gefangen, so wie sie auf die Straße traten, viele entflohen drei, vier Mal, um eben so oft einem andern Trupp in die Hände zu fallen; ganze Compagnien abgeschnitten ergaben sich.

Nur etwa 400 Mann entkamen und erreichten Chelva im Turia. Brigadier Tallada selbst, anfangs entflohen und allein umherirrend, ward am andern Tage von National-Gardisten aufgefangen und, der Einzige der Division, als Repressalie für den Mord jener Garde-Officiere füsilirt. Da Cabrera dieses als eine Verletzung der (stillschweigends eingegangenen) Übereinkunft über Nichterschießung der Gefangenen ansah und demnach zu rächen drohte, sandten die Christinos ihm die Actenstücke, welche sie über den Tod der Ihrigen aufgenommen hatten, worauf der General sich für völlig befriedigt und die Erschießung Tallada’s für gerechte Strafe einer Schandthat erklärte.

Diesem ersten Schlage folgten rasch andere, nicht minder verderblich. Bei der Nachricht von der Vernichtung der Division Tallada war die Brigade von Castilien, jene kleine, herrliche Brigade, die so eben durch die Eroberung von Morella unvergängliche Ehre sich gewonnen hatte, kaum 900 Mann stark, nach dem Turia beordert, die entblößte Provinz zu decken, während Oberst Arnau, ein Jugendgefährte Cabrera’s, mit dem Commando derselben und der Organisirung der neu zu errichtenden Division beauftragt wurde. Arnau, nur durch Bravour ausgezeichnet,[62] war nicht zum unabhängigen Anführer geschaffen oder ausgebildet, weßhalb ihn Cabrera, durch brüderliche Freundschaft ihm verknüpft, später stets in seiner unmittelbaren Nähe behielt. Damals hatte er noch nie unabhängig commandirt.

Bei la Yesa erhielt Arnau die Nachricht, daß eine feindliche Colonne nahe. Er wandte sich zu den Bataillons-Commandeuren und fragte sie, was die Burschen sagten, ob sie schlagen wollten? Auf die Antwort: „gewiß gern“ beschloß er: „nun, so schlagen wir.“ Er befahl zu essen und zu ruhen; der Feind aber war eine halbe Stunde entfernt. Einer der Commandeure fragte ihn, ob es nicht besser sei, eine Stellung zu nehmen, worauf Arnau mit dem Ausrufe: „carajo, que tontadas!“ — Dummheiten! — doch aufbrechen ließ und nach einigem Suchen die Cavallerie endlich auf eine Höhe postirte, von der sie vorwärts und rückwärts einzeln über die Felsenwege defiliren mußte, das eine Bataillon in Masse formirt in einer mit Unterholz bedeckten Schlucht, das andere in Tirailleurs aufgelöset auf einer lichten Ebene aufstellte. Das Resultat war vorauszusehen. Tambour battant kam der Feind im Sturmschritt heran und zerstreute in einem Augenblick die ganze Brigade, ehe noch Arnau das Wie und das Warum begriffen hatte. Sie verdankte ihre Rettung der Unentschlossenheit der Christinos, die mit dem leichten Siege sich begnügten, ohne einen Schritt zur Verfolgung zu thun, so daß auch die Cavallerie ohne Verlust ihren halsbrechenden Rückzug bewerkstelligen konnte.

Übrigens vollführte Arnau seinen Auftrag der Organisation der neuen Division ausgezeichnet gut und brachte sie auf einen hohen Grad der Kriegszucht und Disciplin. Er hatte Ordre erhalten, jedes fernere Zusammentreffen zu vermeiden, und übergab das Commando der ausgebildeten Division sofort dem kriegserfahrenen Obersten Arévalo; er kehrte zu dem Stabe Cabrera’s zurück und ward nicht wieder zu selbstständigem Auftrage von Interesse gebraucht.