Bald litt die Brigade von Castilien empfindlicheren Schlag. Sie wurde im Monat März, da Forcadell nach Castilien vordrang, mit vorgeschoben und besetzte Cañete, wenige Meilen von Cuenca entfernt. Am 27. April ward sie dort durch Nachlässigkeit des commandirenden Officiers, der, mehrfach von dem Anrücken einer feindlichen Division warnend benachrichtigt, ungläubig gar keine Maßregel nahm, am Mittage überfallen, da die Bataillone außerhalb der Stadt mit Exerciren beschäftigt waren. Sie warfen sich rasch in die mit einer starken Mauer aus der Zeit der Araber umgebene Stadt; der commandirende Oberst aber eilte mit einigen Compagnien und dreißig Reitern dem andringenden Feinde entgegen und wurde nebst 160 Mann gefangen, während die Bataillone den Versuch, die Stadt zu nehmen, fest zurückwiesen, worauf der Feind, da Forcadell nur einige Leguas entfernt stand, nach Cuenca weiterzog.
Auch in Aragon erlitt Cabrera herben Verlust. In der Nacht zum 6. März drang Cabañero, Chef der Division von Aragon, durch Einverständniß mit einigen Einwohnern in die Hauptstadt Zaragoza ein und bemächtigte sich derselben. Da aber die Soldaten plündernd sich zerstreuten, wurden sie von der Garnison und der National-Garde, die in das Castell sich gerettet hatten, in den Straßen angegriffen und unter vielem Blutvergießen aus der Stadt verjagt. Das ganze 6te Bataillon ward abgeschnitten und in der Kirche, welche es zur Vertheidigung besetzte, gezwungen, zu capituliren. Der Verlust der Carlisten stieg auf 1100 Mann. Cabañero aber, da er durch Mangel an Energie und Vernachlässigung der Kriegszucht die Schuld des mißglückten Unternehmens trug, büßte sein Commando ein, worauf er nach den baskischen Provinzen abging, mit Maroto zum Verrath sich einigend. Der Brigadegeneral Don Luis Llagostera y Cadival erhielt den Oberbefehl der Division und Provinz Aragon.
So war die Armee Cabrera’s gegen die Mitte des Jahres 1838 sehr geschwächt, während die feindliche des Centrums unter Oráa eben so bedeutend verstärkt war, da nicht nur mehrere Regimenter aus dem südlichen Spanien sich ihr anschlossen, sondern auch zwei bisher der Nordarmee angehörende Corps zu ihr stießen. Die Expeditions-Division von Don Basilio Garcia war im Mai zu Vejar vernichtet und dieser Führer rettete sich mit dem Überreste derselben, kaum 250 Mann, zu dem Heere Cabrera’s; er zog dadurch auch die schöne in seiner Verfolgung beschäftigte Division Pardiñas, gegen 5000 Mann, nach Aragon, wo sie dem dortigen Heere einverleibt wurde. In derselben Zeit langten etwa 150 Reiter, Alles, was von dem unglücklichen Corps des Grafen Negri noch existirte, fliehend bei Cabrera an und in ihrem Gefolge abermals vier Escadrone bei der ihm gegenüber stehenden Armee.
Dadurch sah sich der carlistische Feldherr genöthigt, die Erweiterung seines Gebietes, welches er trotz aller Anstrengungen Oráa’s durch die Zerstörung der das Land beherrschenden Forts bisher ausgedehnt hatte, für jetzt ganz aufzugeben; ja er war ungeachtet einiger glücklichen Gefechte im Juni ganz auf die Defensive beschränkt, während die Feinde mit Entwickelung aller ihrer Kräfte den Krieg auf den Zustand zurückzuführen suchten, in dem er am Schlusse des vergangenen Jahres sich befand. Dann hofften sie durch kräftiges Verfolgen der errungenen Vortheile und durch kluge Combination des moralischen Übergewichtes, welches sie ihnen geben mußten, mit der physischen Übermacht endlich die vollständige Unterdrückung der carlistischen Parthei vollenden zu können.
Oráa aber war ganz der Mann, um den kühnen Plan kühn und kraftvoll durchzuführen. Er zeichnete sich eben so durch langjährige Erfahrung, wie durch wahres Feldherrntalent aus, an dem es den meisten Generalen beider Partheien so sehr gebrach; er hatte einen raschen, scharfen Überblick, viel Entschlossenheit und Festigkeit; und unter Mina, Cordova und Espartero in den Nordprovinzen, wie seit dem Beginn seines Oberbefehls in Aragon hatte er sich als einen der wenigen Chefs bewährt, die das Glück klug zu benutzen und, immer gleich besonnen, dem Unglücke die beste Seite abzugewinnen wissen.
Oráa hatte einen großen Fehler, einen Fehler, der ihn stürzte: er stand Cabrera gegenüber. —
Das Madrider Gouvernement glaubte nach den Siegen des Frühlings 1838, daß der Zeitpunkt gekommen sei, in dem es durch gleichzeitiges energisches Handeln auf allen Theilen des Kriegstheaters den furchtbaren Aufstand endlich erdrücken könne, der vor wenigen Monaten bis vor die Thore der Hauptstadt seine Heere hatte senden dürfen. Espartero sollte Estella nehmen und Navarra überziehen, um das carlistische Hauptheer, von der Verbindung mit Frankreich, seiner vorzüglichsten Hülfsquelle, abgeschnitten, nach Guipuzcoa und Vizcaya zur Vernichtung zusammenzudrängen; daher begann Espartero seine Spatziergänge nach der Einnahme von Peñacerrada und stand Wochen auf Wochen drohend da. Der Baron de Meer eroberte Solsona in Catalonien, die Hauptveste der dortigen Carlisten, da der alte Graf de España, welcher kaum das Commando derselben übernommen, nur zuchtlose Haufen vorgefunden hatte. Oráa sollte Morella wieder nehmen, in Folge dessen mit Cantavieja des ganzen Hochgebirges sich bemächtigen und dann den Ausrottungskampf gegen die geschwächten, entmuthigten Anhänger seines Königs systematisch betreiben.
Mit außerordentlicher Thätigkeit bereitete Oráa das Unternehmen vor, dessen Schwierigkeit er sich nicht verhehlte. Er vereinigte in Alcañiz einen Belagerungspark, wie ihn die Provinzen noch nicht gesehen, er errichtete eben dort ungeheure Magazine von Lebensmitteln und Kriegsbedürfnissen und begann am 23. Juli in drei Colonnen die concentrische Bewegung, deren Ziel das Felsencastell von Morella war.[63] General Borso di Carminati drang von Castellon de la Plana, Oráa von Teruel und San Miguel von Alcañiz aus in das Gebirge vor; trotz den beobachtend sie cotoyirenden Divisionen von Valencia, Aragon und del Ebro vereinigten sich die drei Führer nach nicht bedeutenden Gefechten und durch sehr gewandtes Manövriren bei Cinctorres und standen, in 22 Bataillonen 20000 Mann Infanterie mit fast 2000 Pferden stark, am 29. Juli im Angesichte der bedroheten Festung, von der ihnen die schwarze Fahne, das Zeichen des Entschlusses, nie sich zu ergeben, Tod verkündend winkte.
Cabrera, da sein Versuch, die Division San Miguel durch einen Hinterhalt auf ihrem Anmarsche zu vernichten, durch die Hitze eines untergeordneten Führers so weit mißlungen war, daß er ihr nur einen Verlust von 300 Mann zufügen konnte, beschloß, die belagernde Armee seinerseits zu belagern, jeden Fuß breit Terrain ihr streitig zu machen, sie täglich, stündlich zu belästigen, zu harceliren und anzugreifen, die Communicationen ihr abzuschneiden und durch strengste Blokade aller Hülfsmittel sie zu berauben.