Auch Oráa wählte die Höhe der Querola zur Aufpflanzung seiner Batterien, weshalb er der Hermite von San Pedro Martyr auf einem weithin die Gegend beherrschenden Berggipfel sich zu bemächtigen eilte. Er nahm sie am 2. August trotz der kräftigen Gegenwehr der Armee Cabrera’s, die er unter großem Verluste in zweitägigem, unausgesetztem Kämpfen von Schlucht zu Schlucht, von Felsen zu Felsen bis dahin zurückdrängte. Kaum hatten die Christinos die Höhe inne, als Cabrera einen neuen, wilden Angriff an der Spitze einiger Escadrone machte. Aber wieder durch das Infanterie-Feuer geworfen und von weit überlegenen Reitermassen chargirt, entging der kühne General nur durch persönliche Bravour — er tödtete eigenhändig mehrere Cuirassiere —, durch die Ergebenheit seiner Truppen und durch sein Glück dem Tode oder der Gefangenschaft. Zwei Pferde wurden ihm unter dem Leibe erschossen; und Oráa rühmte sich in seinem Berichte, den weißen Mantel und die Voyna des gefürchteten Rebellen, beide von Lanzenstichen und Kugeln durchbohrt, erbeutet zu haben.
Cabrera sah sich endlich genöthigt, da die wiederholten Versuche an der Festigkeit des Feindes scheiterten, den Besitz der Höhe ihm zu überlassen, worauf Oráa den General San Miguel zur Eröffnung der Communication mit Alcañiz, wie zur Escortirung des Belagerungsgeschützes und der dringend nöthigen Lebensmittel entsendete.
Ich will nicht die einzelnen Bewegungen und Angriffe verfolgen, durch die Cabrera während der ganzen Dauer der Belagerung das feindliche Heer auf das äußerste erschöpfte, seine Arbeiten erschwerte und verzögerte, die Verbindung mit seinen Festungen ihm unterbrach und endlich durch Auffangung mehrerer Convoys den drückendsten Mangel im Lager der Christinos veranlaßte, welcher endlich eben so sehr wie der unerwartete, heroische Widerstand der Besatzung und die erlittenen schweren Verluste den feindlichen Führer zum Rückzuge vermochte. Es reicht hin zu sagen, daß Cabrera nie unthätig war, daß er Tag und Nacht den Feind harcelirte und in ermüdendem Allarm hielt, und daß er, während seine Truppen ruhten, nach der Festung eilte, dort anzuordnen, zu ermuntern und selbst für die rasche Ersetzung alles Mangelnden zu sorgen.
Denn Morella wurde während der Belagerung nie ganz eingeschlossen: Oráa war viel zu vorsichtig, als daß er einem Cabrera gegenüber und in solchem Terrain sein Heer in verschiedene Einschließungs-Corps hätte theilen sollen; er hielt seine Divisionen dem Punkte gegenüber vereinigt, den er angreifen wollte, und befestigte sich so viel nur möglich in den genommenen Stellungen. So blieb der Besatzung die Verbindung mit der Armee und mit dem acht Leguas entfernten Cantavieja stets offen, und selbst nachdem Oráa am 12. das Meson de Beltran, ein auf der Hauptstraße nach el Orcajo und Cantavieja liegendes Wirthshaus,[64] besetzt und befestigt hatte, auch dort gegen alle Angriffe sich hielt, konnte er nicht verhindern, daß täglich von letzterer Festung auf Gebirgspfaden das nöthige Pulver der Stadt und den Divisionen zugeführt wurde. Diese litten am Ende so großen Mangel daran, daß sie von jedem Tage das während der letzten vier und zwanzig Stunden fertig gewordene und in der Nacht ausgetheilte Pulver verbrauchten, um das Gefecht abzubrechen, so wie sie davon entblößt waren. Die Garnison aber, die anfangs sehr verschwenderisch mit der Munition umgegangen war, mußte ihren nur noch sehr kleinen Vorrath auf die äußersten Fälle aufsparen.
Wiewohl die nach Alcañiz führenden Wege auf jede Art unfahrbar gemacht waren, rückte doch der große Convoy am 7. August bis la Pobleta de Monroyo, drei Leguas von Morella, vor, da ganze Divisionen unausgesetzt an der Herstellung des Zerstörten arbeiteten. Am folgenden Tage griff Cabrera die Escorte Division San Miguel auf dem Marsche an und zwang sie, nach la Pobleta zurückzukehren, konnte aber den vereinten Anstrengungen derselben und der Colonne Borso’s, der ihr zur Hülfe entgegenzog, nicht widerstehen. Nachdem sie auch am 9. fortwährendes Scharmützel bestanden hatten, gelang es den beiden Colonnen, am 10. mit dem Belagerungsgeschütz und dem Convoy das Lager hinter San Pedro Martyr zu erreichen. Oráa trieb alsbald die Truppen der Garnison, welche bisher die nahen Höhen außerhalb der Mauern behaupteten, in die Festung und begann den Batterie-Bau auf der Abdachung der Querola; schon am 13. waren die Geschütze — acht Kanonen und drei Mörser — aufgefahren, und am 14. Morgens eröffneten sie ihr Feuer gegen die Mauern der Stadt.
Der General Graf Negri, welcher in den Gefechten gegen die anrückenden Divisionen sich besonders hervorthat, hatte das Commando der Festung und der Truppen in ihr übernommen, während Oberst O’Callaghan als Gouverneur unter ihm befehligte. Jener theilte die Stadt in Distrikte, welche alle an das Castell gelehnt und in der Eile möglichst befestigt, noch innerhalb der Stadt die hartnäckigste Vertheidigung gegen den Feind erlaubten, falls er die Bresche erstürmen sollte; er verwandelte die hinter der Angriffsfront liegenden Häuser in Forts und traf jede Vorsichtsmaßregel zur Verhütung von Feuer oder sonstigem Unglücke. Zugleich befahl er, die Thüren aller Häuser zu öffnen, da ein Bombardement erwartet werden mußte, was bei der Abwesenheit der entflohenen Einwohner zu mannigfachen Unordnungen führte, denen jedoch rasch gesteuert wurde. Der Geist der Garnison, der Elite des Heeres, war trefflich; ihr hatten sich etwa dreihundert voluntarios realistas aus den Bürgern von Morella angeschlossen, die während der ganzen Belagerung mit hoher Auszeichnung fochten. Die übrigen Einwohner waren fast sämmtlich ausgewandert, das Schlimmste befürchtend. Alles, was geblieben war, drängte sich in die Cathedrale, das einzige bombenfeste Gebäude der Stadt, zusammen, auf den Knieen von der hohen Schutzherrinn Rettung erflehend; eben diese Kirche mußte denn auch als Munitions-Magazin, Hospital und als Ruheplatz für die nicht zum Dienste berufene Mannschaft dienen.
Die feindliche Artillerie beschoß die Mauer nicht auf die sonst beim Bresche-Legen übliche Art: sie begann ihr Zerstörungswerk mit dem obern Theile derselben und flachte sie nach und nach ab, wobei ihre Schwäche und Hinfälligkeit die Wirkung der Geschosse so begünstigte, daß schon nach einstündigem Feuer eine bedeutende Öffnung gebildet war. Da brachte das Feuer des Castells die Kanonen der Belagerer zum Schweigen, und erst am folgenden Morgen konnten diese die Bresche vervollständigen, nachdem sie während der Nacht die Batterie ausgebessert und die demontirten Geschütze ersetzt hatten. Die Mörser und Haubitzen aber bewarfen die Stadt ununterbrochen und richteten in ihr, wie im Castell, große Verwüstungen an; auch verursachten einige in dem letzteren durch Unvorsichtigkeit auffliegende Munitionskasten empfindlichen Verlust, eine Anzahl Artilleristen mit drei Officieren tödtend und verwundend. In der Stadt wurden viele Häuser eingestürzt, und mehrfach brach Feuer aus, welches erst nach langer Anstrengung der Realisten und Freiwilligen gelöscht werden konnte.
In der Nacht vom 14. zum 15. August und am folgenden Tage ließ Graf Negri auf einem kleinen, freien Raum hinter der Bresche eine starke Brustwehr von Erde als Abschnitt errichten und mit friesischen Reitern besetzen; auf die nun ganz offene und über vierzig Schritt breite Bresche und unmittelbar hinter ihr wurden ungeheure Massen trockenen Holzes und zur Entzündung präparirter Stoffe aufgehäuft. Diese Arbeit kostete vielen Sappeurs das Leben, da sie unter dem fortwährend lebhaften Feuer der Christinos bewerkstelligt werden mußte.
Mit Vertrauen sahen die braven Krieger dem Sturm entgegen, den sie mit Gewißheit für die kommende Nacht erwarteten.