Während meiner Gefangenschaft brachten mich diese meine Empfindungen gegen Cabrera, da ich offen sie auszusprechen pflegte, selbst in häufige und scharfe Collisionen mit manchen Officieren der Armee von Aragon, die auch wohl die Drohung laut werden ließen, im Falle ich ausgewechselt würde, über meine Äußerungen dem General Meldung zu machen.
So darf ich wohl annehmen, daß ich in meinem Urtheile über Cabrera, so fern es die von ihm erzählten, Schauder erregenden Schandthaten betrifft, nicht durch blinde Partheilichkeit und durch den Glanz, welcher für den Carlisten stets die Person des Helden Cabrera umgiebt, geleitet wurde. Sehr widerstrebend, nur wenn vollkommen überzeugt, gebe ich eine Ansicht auf, da ich einmal sie gefaßt habe. Und in der That konnte erst die genaueste Forschung an Ort und Stelle mich zwingen, meine Meinung über den Character Cabrera’s zu ändern; ich glaube aber, sorgfältig und strenge geprüft zu haben, vielleicht um desto strenger, wie das Resultat der Prüfung mehr und mehr das Gegentheil von dem mir aufdrang, was ich mit Sicherheit zu finden erwartet hatte.
Da erkannte ich denn, daß Cabrera immer fest und selbst strenge war, daß er Vieles that, was in einem andern Lande oder in einem andern Kriege verdammungswürdig wäre, daher von so Vielen verdammt ist; daß er aber Alles, was ihm vorgeworfen wird, der Sache, die er vertheidigte, und den Seinen schuldig war. Hätte er weniger gethan, so würde er seine Pflicht verletzt haben, die er, so weit der Soldat es darf, stets mit der Menschlichkeit zu verbinden suchte. Freilich war Cabrera kein schwacher, jämmerlicher Wicht, der, wo er die Wuth der Revolutions-Männer zügeln konnte — sei es, indem er in ihrem Blute diese Wuth erstickte — wehrlos die treuen Unterthanen seines Königs ihr hingäbe. Für die Beurtheilung des von ihm gegen die feindlichen Soldaten und Gefangenen Geschehenen muß der Hauptpunkt immer im Auge behalten werden, daß die strengsten Repressalien stets gerecht, in einem Kampfe aber, wie der auf der pyrenäischen Halbinsel wüthende es war, unumgänglich nothwendig sind und selbst unendlich mehr Blutvergießen verhüten. Die schwächere, als Empörer, weil sie schwächer, gebrandmarkte Parthei würde ohne sie ganz dem Bluthasse ihrer nicht durch Rücksichten irgend einer Art zurückgehaltenen Gegner sich überliefert haben. So bluteten Hunderte, um vielen Tausenden das Leben zu erhalten.
Wenige Monate nach der Ermordung seiner Mutter bemühte sich Cabrera abermals, wie früher erwähnt wurde, menschlichere Art der Kriegführung geltend zu machen. Es gelang ihm dieses endlich so weit, daß, wenn ein förmlicher Vertrag fortwährend von den Feinden abgelehnt wurde, doch der Wehrlose, anstatt wie bis dahin niedergemacht zu werden, nun gefangen wurde, und daß häufig Auswechselung dieser Gefangenen Statt fand, wie sehr auch die Exaltirten in allen Provinzen dagegen schrieen. Und wie hätten die feindlichen Heerführer sich nicht entschließen sollen, Pardon zu geben, da ja Cabrera, noch ehe sie sich dazu verstanden, viele Hunderte von Gefangenen aufgehäuft hatte und dann drohend erklärte, daß sie Alle zur Sühne geopfert würden, wenn nun das Leben seiner Freiwilligen nicht verschont werde!
So erpreßte die Furcht vor der immer zunehmenden Macht Cabrera’s, was seine oft wiederholten gütlichen Vorschläge nie hatten bewirken können. Auch ward diese stillschweigende Übereinkunft während der zweiten Hälfte des Jahres 1837 und im folgenden bis nach der Belagerung von Morella treu beobachtet, und selbst der Hungertod eines Theils der Gefangenen, von dem ich erzählt habe, konnte keine Änderung darin hervorbringen, da Oráa, wohl der Schuld sich bewußt, sich hütete, deshalb als Ankläger aufzutreten oder Maßregeln der Rache dafür zu nehmen. Doch plötzlich sollte diese völkerrechtliche und den Neigungen des carlistischen Feldherrn so entsprechende Behandlung des Feindes aufhören, und an ihre Stelle traten Scenen des Schreckens, wie sie in solcher Ausdehnung gegen Wehrlose noch nicht Statt gefunden hatten. Die Action von Maella bot den Vorwand dazu.
Man erinnert sich, daß die feindliche Cavallerie des linken Flügels anfangs die der Carlisten warf; sie verfolgte auf dem Fuße die fliehenden Escadrone, und wiewohl die Eingeholten, dem Gebrauche gemäß, von den Pferden sprangen und sich dadurch für gefangen erklärten, schlachteten die wüthenden Reiter diese wehrlos Dastehenden mit dem Rufe hin: „hoy no hay cuartel para vosotros!“ — heute giebt es keinen Pardon für Euch! — Etwa vierzig Lanciers von Tortosa wurden so hingemetzelt, nachdem sie sich ergeben hatten. Die christinoschen Dragoner erklärten später, daß ihr General Pardiñas beim Beginn der Action, seine Leute ermunternd, ihnen befohlen habe, nicht mit Gefangenen sich einzulassen, sondern Alles niederzustechen.
Nach dem letzten verzweifelten Angriffe von Pardiñas fiel nun ein großer Theil jener Reiterei, dem Regimente Dragoner des Königs angehörend, in die Gefangenschaft eben der Lanciers von Tortosa, welche sie vorher so gemißhandelt hatten, und die trotz dem das Leben ihnen ließen. Aber Cabrera, der Feldherr, durfte nicht so die Großmuth allein hören, er mußte die Seinen rächen und Ähnlichem vorbeugen. Daher ließ er alle Individuen jenes Regimentes absondern und sofort sie niederschießen, ihnen zeigend, daß sie, indem sie Pardon verweigerten, demselben auch für sich entsagten. 180 Mann erlitten diese Strafe. Sie gehörten, wie gesagt, ohne Ausnahme jenem Regimente des Königs an, wogegen die übrigen Gefangenen, mit der gebräuchlichen Rücksicht behandelt, nach dem Depot des Orcajo abgeführt wurden.
Kaum war dieser Act gerechter und nothwendiger Rache unter den Christinos bekannt geworden, als wilde Gährung der Gemüther sich bemächtigte, die durch die wiederholten Niederlagen des Heeres schon zu grimmigem Zorne entflammt waren. Ohne sich erinnern zu wollen, daß die Erschossenen selbst und ohne Veranlassung den Pardon verweigert hatten, forderte das Volk — der Pöbel wird bei den Christinos das Volk genannt, — forderten vor Allen die blutgierigen National-Garden laut Vergeltung für den Tod jener Schlachtopfer. Die Behörden, selbst nicht ungeneigt dazu oder sich schwach fühlend, wagten nicht, offen dem Drängen sich zu widersetzen. Um jedoch für den Augenblick die Wuth der Schreier abzulenken, und die Überzahl der Gefangenen in Cabrera’s Händen bedenkend, griffen sie zu einem Mittel, ganz der Trabanten der Revolution würdig.
In Zaragoza, und dessen Beispiele folgend in allen größern Städten der Provinz, wurden plötzlich Hunderte von friedlichen Einwohnern, die sorglos ihren Geschäften nachgingen, den jammernden Familien entrissen und eingekerkert: ihr Verbrechen war, royalistischer Gesinnungen verdächtig zu sein. Sie sollten daher für die angebliche Grausamkeit der Carlisten büßen. Cabrera aber, so wie er von der empörenden Maßregel Kunde erhielt, warnte die Behörden und vorzüglich den zweiten Commandirenden in Aragon, General San Miguel, nicht solche Ungerechtigkeit weiter zu treiben; er machte ihn aufmerksam, daß nicht nur in den carlistischen Depots viele tausend Gefangene für das Leben der Eingekerkerten Bürge wären, sondern daß zahllose Liberale in dem Gebiete der Carlisten und allenthalben, wohin ihre Truppen drängen, die Mittel zu schrecklicher Repressalie böten.
Unglücklicher Weise kam in demselben Augenblicke ein Ereigniß dazu, welches die schon drohend angefachte Gluth sofort in Verderben sprühende Flammen auflodern ließ. Nach den spanischen Kriegsgesetzen wird jeder Gefangene, welcher einen Versuch zur Flucht macht, wenn er ergriffen wird, mit dem Tode bestraft. Die carlistischen und christinoschen Behörden hatten unzählige Male solche Strafe über ihre Gefangenen verhängt und mit vollkommenem Rechte, da das Gesetz jedem Militair bekannt, so sie verhängte; auch war es nie der andern Parthei in den Sinn gekommen, deshalb Klage oder Drohung laut werden zu lassen. Ich selbst war wiederholt Augenzeuge solcher gesetzlichen Executionen sowohl als Gefangener, da sie gegen carlistische Soldaten Statt fanden, wie in unsern Reihen gegen Christinos, welche auf dem Versuche zur Flucht entdeckt waren.