Nun zettelten die Sergeanten der Division Pardiñas im Depot zu el Orcajo eine Verschwörung an, um durch Gewalt die unbedeutende Bewachungsmannschaft, zwei Compagnien, zu entwaffnen und nach dem nicht fernen Alcañiz sich zu retten. Die Sergeanten hatten stets in der christinoschen Armee einen ungemessenen Einfluß auf die Soldaten; Bildung, Geist, ihre Stellung und festes Aneinanderschließen gab diesen ihnen, und sie spielten daher stets die Hauptrolle in den tausendfachen Emeuten vom Tumulte in den Casernen bis zur Revolution der Granja, durch welche die Verfassung des Staates umgeworfen wurde.[70] Auch in Orcajo nahm die Masse der Gefangenen den Vorschlag freudig auf. Aber ein Elender fand sich, der seine Freiheit durch Verrath an den Cameraden zu erkaufen hoffte: er zeigte das Complott an. — Sieben und neunzig Sergeanten, stolz ihre Schuld eingestehend und rühmend, wurden dem Kriegsrechte gemäß erschossen. Cabrera aber begnadigte die verführten Soldaten und ließ den Angeber vor dem Eingange des Depots aufhängen.

Da brach die Wuth der Christinos alle Schranken. Sie schleppten sämmtliche gefangene Unterofficiere aus den verschiedenen Festungen zusammen, ergänzten ihre Zahl aus den Soldaten bis auf sieben und neunzig und erschossen sie. Cabrera in hohem Unwillen drohte mit Repressalien. — Sofort ließ van Hahlen, der gerade Oráa den Heerbefehl abgenommen hatte, allenthalben die royalistischer Meinungen Verdächtigen einkerkern und drohete, auch sie hinzurichten. Cabrera befahl, nochmals sieben und neunzig Mann zu füsiliren und verhieß strengste Rache für jeden neuen Mord, für jede neue Gewaltthat. — Van Hahlen erklärte den Pardon für aufgehoben.

Augenblicklich stand tobend der Pöbel in Valencia auf und ließ in den letzten Tagen des Octobers einen Theil der dortigen Gefangenen, Militairs und Privatleute, hinrichten; Alicante, Murcia, Zaragoza, dann alle größeren Städte folgten dem Beispiele: die Kriegsgefangenen und wegen politischer Vergehen Arretirten wurden mit Zustimmung der Behörden erschossen oder gegen ihren Willen niedergemetzelt, und die überall errichteten Repressalien-Juntas opferten zahllose Unglückliche, da für jedes von den Carlisten getödtete Individuum eine jede Junta nun auch einen Carlisten tödten wollte. Da befahl Cabrera, im Gefühle seiner Pflicht gegen die Ermordeten und gegen seine Soldaten, daß hinfort kein Pardon mehr gegeben werde: gegen die treulosen Mörder Kampf auf Leben und Tod!

Den ganzen Winter hindurch wüthete das schreckliche System der Rache. Forcadell nahm Villamaleja und erschoß 55 Gefangene; in Valencia fielen fünf und funfzig, in Teruel neun, in Zaragoza acht Carlisten — die einzigen noch vorhandenen, — in jeder kleinern Stadt verhältnißmäßig. Borso di Carminati schlug am 2. December bei Chiva den General Llagostera und nahm ihm 200 Gefangene ab, denen er mit seinem Ehrenworte das Leben zusagte, da sie sich weigerten, die Waffen zu strecken. Van Hahlen erschien und füsilirte sie trotz der Protestation Borso’s, der erzürnt seine Entlassung forderte. Cabrera natürlich füsilirte wieder eben so viele Christinos.

Doch verfolgen wir nicht so widerlich empörende Auftritte weiter in ihre Einzelheiten. Die immer wiederholten Aufstände des Volkes in Valencia und Zaragoza, die selbst mehreren Chefs der Liberalen das Leben kosteten,[71] zogen eben so viele Schlächtereien der Gefangenen und Royalisten nach sich, und als er einst gar keine von denselben in seiner Gewalt hatte, ließ van Hahlen seinem eigenen Berichte gemäß die Eltern und Verwandten der carlistischen Soldaten hervorschleppen und erschießen, die Schandthat erneuernd, welche einst Cabrera’s blinde Mutter für die Schuld und den Haß büßen machte, welche der kühne Sohn auf sich geladen hatte. Wie schonend aber dieser General bei aller strengen Wiedervergeltung, die er stets übte, zu Werke ging, geht aus dem Umstande hervor, daß bei der Abschließung des Vertrages von Lézera am 3. April 1839 noch über dreitausend Kriegsgefangene in den carlistischen Depots sich befanden, und daß er nur Soldaten, mit den Waffen in der Hand gefangen, opferte, ohne trotz aller jener Proceduren der Christinos ein einziges Mal die friedlichen Bewohner des Landes seinen Zorn fühlen zu lassen.

Übrigens muß zu van Hahlen’s Ehre hinzugefügt werden, daß er sich eben so bereitwillig zeigte, die Vorschläge anzunehmen, welche Cabrera auf besondern Befehl seines Monarchen im Frühjahr aufs neue für die Abschaffung der Repressalien und feste Annahme der völkerrechtlichen Kriegsgebräuche für beide Theile machte, wie er in der Durchführung des Repressalien-Systems energisch und rücksichtslos sich bewies. So ward denn jene Convention von Lézera abgeschlossen, welche den höchsten Unwillen der Revolutions-Männer gegen van Hahlen erregte und mehr noch als das unglückliche Resultat der militairischen Operationen seine Absetzung verursachte. In der That gewährte sie den Carlisten viele Vortheile, deren vorzüglichster in dem Artikel bestand, daß die zum ersten Male Desertirten, im Falle sie wieder eingefangen würden, als Kriegsgefangene sollten betrachtet werden. Denn theils bestand ein nicht unbedeutender Theil der carlistischen Armee aus solchen Deserteuren, die, gewaltsam ausgehoben, die erste Gelegenheit benutzt hatten, um, von der Gemeinschaft mit den verhaßten Negros sich losreißend, den Vertheidigern ihres Königs und ihrer Religion sich anzuschließen. Noch mehr aber reizte sie die christinoschen Soldaten zur Desertion, die ja durch solche Clausel straflos und erlaubt wurde, während der carlistische Feldherr wohl vertrauen durfte, daß seine Freiwilligen ohne Furcht und ohne Zwang treu an ihm fest hielten. In einigen Garnisonen mußten die feindlichen Chefs nun ihre Leute strenge bewachen lassen, und doch gingen während der ersten Wochen nach dem Vertrage mehrere hundert Soldaten zu den Carlisten über.

Nur zwei Personen hatte Cabrera von den Wohlthaten ausgenommen, welche jener Vertrag zusicherte; eigenhändig fügte er die Worte hinzu: „Ich will keinen Pardon und Nogueras, der Mörder meiner Mutter, erhält keinen Pardon.“

[66] Die folgende Action war eine der entscheidendsten und merkwürdigsten des Krieges, da die Truppenzahl etwa gleich, das Terrain beiden Theilen gleich günstig und dennoch der Ausgang des Kampfes für die eine Division so völlig vernichtend war. Daher erregte sie zu jener Zeit auch viel Aufsehen und Geschrei, weshalb ich sie näher detailliren werde. — Die Notizen sammelte ich im Winter 1839 auf dem Schlachtfelde selbst von Bauern und später von vielen Officieren, welche dort mit fochten. Ich muß gestehen, daß die Darstellung der Bauern oft klarer war, als die von Manchem dieser Officiere. — Die Bauern als bagageros waren übrigens Augenzeugen.

[67] Pardiñas ertheilte beim Beginn des Kampfes, des Sieges gewiß, die Ordre, keinen Pardon zu geben.