Die Hoffnung des carlistischen Heerführers, den Feldzug an der Spitze von dreißig disponibeln Bataillonen zu eröffnen, war durch dieses neue Mißgeschick vereitelt. Welche außerordentliche Resultate eine solche Vermehrung seiner Streitmacht hervorbringen mußte, begreift leicht ein Jeder, der die Erfolge zu würdigen weiß, welche er selbst ohne sie während der Campagne des Sommers errang. Sie machten ihn zum unumschränkten Gebieter des ganzen Kriegsschauplatzes und verbürgten, da sechs Generale nach einander seine Fortschritte umsonst zu hemmen gesucht hatten, die Ausführung des herrlichen Planes, durch die Unterwerfung von Castilien und die Einnahme der Hauptstadt den langwierigen Kampf zu enden.
Durch die kleine Festung Montalban am Flusse Martin dominirten die Feinde einen großen Theil des Hügellandes von Unter-Aragon, so oft die carlistischen Truppen auf einem andern Theile des Kriegsschauplatzes standen; zugleich hatten sie in ihr einen willkommenen und gegen das Hochgebirge vorgeschobenen Stützpunkt für ihre Operationen in jenem Königreiche. Diese Vortheile beschloß Cabrera ihnen zu entreißen; sein Adlerauge wählte ein altes, in Ruinen zerfallenes Bergschloß zur Ausführung des Beschlossenen: Segura, drei Leguas westlich von Montalban und in der Mitte des reichen, hügeligen Distriktes, der bis zum Ebro von dem Gebirgsstock von Unter-Aragon sich hinabsenkend, bisher stets den feindlichen Colonnen offen gestanden hatte — Segura sollte befestigt werden.
Viele Schwierigkeiten bot das Unternehmen. Nachdem er die feindliche Hauptarmee unter Oráa tief nach Valencia hinuntergezogen hatte, erschien Cabrera plötzlich in Unter-Aragon, bedrohete Caspe, überschritt den Ebro, lockte die zur Deckung der Provinz zurückgebliebene Division Mir durch geschickte Bewegungen nach Zaragoza, passirte wiederum den Ebro und warf sich mit den Divisionen vom Ebro und von Aragon in Eilmärschen auf den ausersehenen Punkt. Am 7. März dort angelangt, ließ er sofort mit höchstem Eifer die Befestigungsarbeiten beginnen, während ein kleiner Theil der Truppen Montalban blockirte.
Tag und Nacht arbeiteten mehrere Bataillone Rekruten, die Handwerker jeder Art wurden auf zwanzig Meilen in der Runde zusammengeholt, und einige Compagnien Sappeurs, denen Tausende von Bauern untergeben wurden, eilten von Morella herbei. Niemand durfte müßig sein, denn der General selbst legte häufig Hand an und war allenthalben gegenwärtig. So war es möglich, daß das sehr ausgedehnte und vorher nur noch in seinen Trümmern bestehende Castell in wenigen Tagen wieder hergestellt und, da einige Geschütze von Morella zu seiner Bewaffnung gebracht waren, der kräftigsten Vertheidigung fähig sein konnte, wozu die Leitung der so eben von der Nordarmee angelangten Ingenieure viel beitrug.
Durch die Befestigung dieses Platzes hatte sich Cabrera zum Meister des reichsten und fruchtbarsten Theiles von Unter-Aragon gemacht, den Einfluß des feindlichen Montalban paralysirt und die Eroberung desselben erleichternd vorbereitet. Er beherrschte dadurch die Straße von Valencia und Teruel nach Zaragoza und die Verbindung dieser Stadt mit den Festungen der Christinos am unteren Ebro, und er hatte durch die weit in das bisher feindliche Gebiet vorspringende Veste, falls er sie behaupten konnte, einen herrlichen Anhaltspunkt für seine weiteren offensiven Operationen gewonnen.
Die Anführer der Revolutions-Armee verkannten diese Vortheile nicht, welche den Besitz von Segura weit selbst über einen glänzenden Sieg hinausstellten. Van Hahlen kehrte eilig von Valencia zurück, während Mir in Daroca alle disponibeln Truppen des Königreiches an sich zog: Segura — so lautete die bestimmte Ordre des Madrider Cabinets — sollte vor Allem genommen und Cabrera dadurch in seine Schlupfwinkel zurückgeworfen werden. So rückte denn General Ayerbe, zum commandirenden General von Aragon ernannt, am 22. März mit den beiden Divisionen Mir und Parra, in 12 Bataillonen und 9 Escadronen 11000 Mann Infanterie und 1400 Pferde enthaltend, nebst acht leichten Geschützen und dem Belagerungs-Train über Muniesa bis Cortes und la Josa, etwa zwei Stunden von Segura, vor.
Cabrera stellte sich mit acht Bataillonen auf einer Höhe auf, die unmittelbar den Weg berrschte, auf dem die Artillerie vor das Castell gebracht werden mußte; drei hinter einander aufgeworfene Reihen Parapete, hinter denen die Bataillone, zum Theil in Tirailleurs aufgelöset, lagen, verstärkte die Position gegen den so sehr überlegenen Feind.
Am 23. griff Ayerbe an. Während seine sämmtlichen Geschütze die carlistischen Linien beschossen, stand er über eine Stunde lang auf Flintenschuß-Weite ihnen gegenüber, mit Gewandtheit manövrirend und bereit, die leichteste Blöße zu benutzen. Er bedrohete die linke Flanke, schob sich rasch links und warf sich dann, da Cabrera die rechte Flanke verstärkte, stürmisch auf den nun geschwächten linken Flügel. In einem Augenblicke war der Kampf auf der ganzen Linie allgemein geworden.
Die Truppen, welche die erste Reihe der Parapete besetzt hielten,[72] flohen vor dem Andrange des Feindes und warfen sich in Verwirrung auf die zweite, welche gleichfalls aufgegeben werden mußte, nachdem die Tortosiner kraftvoll sie vertheidigt hatten. Umsonst suchte Oberst Palacios durch einen Bajonett-Angriff an der Spitze des 1. Bataillon von Tortosa die verlornen Linien wiederzunehmen: er ward umzingelt und kaum durch einen glänzenden Angriff gerettet, den der General mit der Cavallerie unternahm. Nochmals drangen die Bataillone von Tortosa und die Guiden von Aragon vor. In Massen formirt wiesen die Christinos fest sie zurück und stürzten sich sofort auf die dritte Linie, welche sie nach kurzem Widerstande nahmen und behaupteten.
Die carlistische Armee — wenn man acht Bataillone mit einigen Escadronen so nennen darf — floh in Unordnung auf Armillas zurück, zwei Bataillone aber wurden abgedrängt und warfen sich auf Segura. Ayerbe, anstatt kraftvoll den gänzlich geschlagenen Feind zu verfolgen, blieb bewegungslos auf dem Schlachtfelde stehen und machte dadurch möglich, daß Cabrera — echt guerrilleromäßig — nach einer Stunde seine Bataillone vollkommen geordnet hatte und sie, keinesweges durch die nach allem Anschein entscheidende Niederlage entmuthigt, am Abend wieder zum Kampf führen konnte.