Nach halbstündigem Ausruhen wandten sich die Christinos endlich gegen das Castell, recognoscirten es und bewarfen es mit einigen Haubitzen; ja sie besetzten während der Nacht das unmittelbar unter den Werken liegende Städtchen. Die Besatzung erwartete natürlich, am folgenden Morgen die Batterieen errichtet zu sehen, wiewohl sie umsonst irgend ein Geräusch der Arbeit zu erhorchen strebten, um sie durch ihre Geschütze zu erschweren. Aber Ayerbe hatte seine Artillerie am Abend zurück gesendet; er selbst trat gegen Morgen still den Rückzug auf Muniesa und von da nach Daroca an, auf dem Fuße von Cabrera verfolgt, der während der Nacht ein zur Erhaltung der Communication einige Stunden rückwärts aufgestelltes Corps angegriffen, es zersprengt und 800 Gefangene ihm abgenommen hatte.
Nun verkündeten die Christinos, daß, da Ayerbe die Recognoscirung[73] des Castells mit so großem Erfolge ausgeführt habe, der Obergeneral van Hahlen zu der Eroberung desselben schreiten werde. Dieser rückte denn auch in den ersten Tagen des April’s sehr bedächtig über Muniesa heran und gelangte, da Cabrera eine Aufstellung rückwärts von Segura genommen hatte, ohne Hinderniß am 6. April vor das Castell; er führte 18 Bataillone und 12 Escadrone mit acht leichten und zwölf Belagerungsgeschützen heran. Am folgenden Tage recognoscirte er wiederum genau die Werke und — — zog sich aus Zaragoza zurück, ohne einen Schuß gegen die Veste oder die Armee gethan zu haben.
Der Grund so merkwürdigen Verfahrens ist nie klar geworden, wenn man nicht etwa den Mangel an Vertrauen, welchen man seit der Belagerung von Morella in jeder Bewegung der revolutionairen Generale wahrnimmt, als solchen betrachten will. Die Christinos wütheten, da sie die Einnahme von Segura als ganz unzweifelhaft anzusehen sich gewöhnt hatten. Van Hahlen, der wenige Tage vorher den ominösen Vertrag von Lézera unterzeichnet hatte, verlor sofort das Commando, welches dem General Nogueras, dem Mörder der Mutter Cabrera’s, übertragen wurde. Bei der Nachricht von seiner Ernennung ward er vom kalten Fieber befallen[74] und legte alsbald unter dem Vorwande der Krankheit den Heerbefehl nieder, ohne während desselben je die Feinde aufgesucht zu haben, worauf General Amor interimistisch an die Spitze der Armee des Centrums trat.
Brigadier Valmaseda, nach der Erschießung der fünf Generale durch Maroto zu gleichem Tode verurtheilt, langte um jene Zeit mit den beiden Escadronen, die er gebildet und auf der Flucht mit sich geführt hatte, bei der Armee des Grafen von Morella an und trat unter die Befehle desselben. Leicht erlangte dieser von Seiner Majestät die Begnadigung des wilden, aber unerschütterlich treuen Reiterchefs, dessen Escadrone fortan als die besten des ganzen Heeres sich erwiesen. Valmaseda wurde für den Augenblick nach Aragon bestimmt, wo er mit der Division dieses Königreiches operirte.
Kaum sah Cabrera mit dem Rückzuge von Van Hahlen das Unternehmen des Feindes gegen Segura gescheitert, als er mit den Brigaden Mora und Tortosa in Eilmärschen nach dem Königreiche Valencia zog, während er die Division von Aragon unter Llagostera zur Blokade von Caspe, Alcañiz und Montalban und zur Beobachtung des Hauptcorps der Christinos zurückließ, von dem er bei den Zwistigkeiten der verschiedenen Anführer bis zur definitiven Ernennung eines Generals en Chef keine kraftvolle Operation befürchtete. Er vereinigte sich mit der Division Forcadell und rückte vor Villafamés, dessen Besitz zum Herrn der reichen Ebene Valencia ihn machen sollte.
Das schwere Geschütz, von Morella herbeigezogen, öffnete bald Bresche, die aber wegen Mangels an Munition sowohl, als weil gegen die Ansicht des Chefs des Geniewesens, Oberst Barons von Rahden, eine ganz unpassende Stelle für sie ausersehen war, nicht practicabel gemacht werden konnte. Dennoch befahl der General den Sturm, welchen einige Compagnien von Mora, von einem Detachement Sappeurs geführt, mit hoher Bravour ausführten. Sie erkletterten unter mörderischem Feuer den Felsen, auf dem die Mauer gegründet ist, und klimmten hinabgestürzt wieder und wieder gleich Katzen die noch zur Hälfte aufrecht stehende Mauer hinan; mehrere Freiwillige wurden selbst oben auf der Bresche getödtet. Aber der Widerstand war des Angriffes würdig; die Stürmenden flohen.
Da führte Oberst Palacios das erste Bataillon seiner Brigade von Tortosa zum Sturm. Unerschütterlich erklimmte es die Bresche, dann konnte es nicht weiter gelangen. Mit schwerem Verluste standen die braven Tortosiner unbeweglich unter dem feindlichen Feuer, weder vorgehend noch weichend, bis Cabrera befahl, das Signal zum Rückzuge zu geben. Augenzeugen versichern, daß er bei dem Anblicke seiner hingeschlachteten Lieblinge Thränen vergossen habe, verzweiflungsvoll ausrufend: „Meine armen Burschen sterben, ohne Widerstand leisten zu können!“
Da der fortwährende Mangel an Munition für die Geschütze den Erfolg ungewiß machte und jedenfalls ihn sehr weit hinausschob, zog sich Cabrera bei der Annäherung des Generals Aspiroz von Castellon her zurück, die Belagerung aufhebend.
Schon während derselben war Oberst Don Juan Muñoz y Polo mit drei Bataillonen und zwei Escadronen von Aragon zu einer Expedition nach Castilien entsendet und bis tief in die Provinz Guadalajara vorgedrungen. Jetzt richtete sich Cabrera selbst an der Spitze von nur sechs Bataillonen und 600 Pferden dorthin, die Division von Valencia zur Sicherung der Communication in el Turia und der Provinz Cuenca zurücklassend; er erhob bis in das Innere der Mancha Contributionen und Rekruten und kehrte dann, ohne daß der Feind sich ihm irgend widersetzt hätte, über Cañete nach el Turia zurück. Er ordnete die Befestigung jener Stadt an, die nur acht Stunden von Cuenca entfernt ist, so wie die von el Collado, einem die ganze Provinz beherrschenden Felsberge, Alpuente und Vejis in el Turia, wo Brigadier Arévalo an Arnau’s Statt das Commando übernommen hatte.