Durch seine Lage über dem Guadalaviar und neben der Quelle dieses Flusses, des Xucar und des Tajo ward el Turia täglich von größerer Wichtigkeit, da durch dessen Besitz das Ausbreiten der Herrschaft nach dem südlichen Valencia und Murcia sowohl, wie in die Ebenen Castilien’s und gegen die Hauptstadt erleichtert wurde, indem es als Basis und Anhaltspunct diente. Cabrera aber, der die feindliche Armee ganz demoralisirt, die seinige an Zahl und Güte täglich zunehmen sah, wandte schon seine Blicke gen Westen, das glorreiche Ende des Krieges dort zu suchen. Daher trug er Sorge, durch die Befestigung von el Turia die Grundlage zu der Ausführung seiner großartigen Pläne zu legen, während er Cañete nach Castilien eben so kühn vorschob und mit eben den glänzenden Vortheilen in Betreff Cuenca’s und der Mancha, wie er kurz vorher das Felsencastell Segura in dem feindlichen Theile von Aragon drohend errichtet hatte.
Das Hauptcorps der Christinos war indessen in Aragon beschäftigt und festgehalten, ohne jenen Zug Cabrera’s und die Befestigung der von ihm designirten Orte verhindern zu können, da Llagostera die Belagerung von Montalban unternommen hatte. Unter dem Oberbefehle desselben leitete sie der Oberst Baron von Rahden, während die Division von Aragon zu ihrer Deckung aufgestellt war.[75] Es war vorauszusehen, daß der Feind trotz dem Mangel an Einheit im Commando, welcher seit dem Rücktritte van Hahlen’s alle seine Maßregeln lähmte, das Äußerste thun werde, um die Festung zu retten, die ihm besonders für die nur aufgeschobene Unternehmung auf Segura vom höchsten Interesse war und stets bedeutende Streitkräfte der Carlisten festhalten mußte.
In der That hatten die Belagerer kaum der Stadt sich bemächtigt und noch nicht die Batterien gegen die Werke des eigentlichen Forts errichtet, als General Ayerbe in der Nacht zum 2. Mai sie überraschte und in die Stadt einzog. Er verließ sie jedoch alsbald und ward auf seinem Rückmarsche kraftvoll vom Obersten Polo verfolgt, der an demselben Tage mit seiner Brigade von der Expedition nach Castilien zurückgekehrt war und sich nun der Division wieder anschloß. Eine Stunde nachher war die Blokade schon von neuem etablirt.
In der Mitte Mai’s wurde die Belagerung mit Nachdruck aufgenommen; die Artillerie war von Morella angelangt und die Beschießung begann. Sogleich eilte General Amor, mit Ayerbe vereinigt, an der Spitze von funfzehn Bataillonen und zehn Escadronen von Teruel, wo er zur Beobachtung Cabrera’s sich aufgestellt hatte, der Festung zu Hülfe, schob sich zwischen die Colonnen von Llagostera und Valmaseda, welche Eifersucht trennte, warf diesen am 18. zurück und griff am 19. Mai die Division Llagostera’s bei Utrillas an. Die Christinos schlugen sich brav, durchbrachen die carlistische Linie und nahmen Utrillas, als Oberst Palacios, mit der Brigade von Tortosa vom General entsendet, nach forcirtem Marsche von sechs Leguas auf dem Kampfplatze anlangte, das Vordringen des Feindes endete und selbst durch einen glänzenden Angriff mit dem Bajonett Utrillas wieder nahm. Amor brach alsbald das Gefecht ab und zog sich auf Montalban zurück, von wo die schwere Artillerie in das Gebirge gebracht war.
Kaum hatte er die Stadt nach Ablösung der Garnison verlassen, als die Geschütze wieder in den unversehrt gefundenen Batterien aufgestellt wurden und die Beschießung fortsetzten. Am 22. war Bresche geöffnet, wiewohl kaum practicabel, und der Sturm ward versucht; er scheiterte gänzlich an der Festigkeit der Garnison.
Cabrera langte zugleich von seinem Zuge nach Castilien an und übernahm selbst das Commando der in Aragon vereinigten Truppen, von denen Oberst Polo von neuem mit seiner Brigade nach der Provinz Guadalajara detachirt war. Am 24. Mai zog Ayerbe mit vierzehn Bataillonen zum Entsatze heran. Cabrera erwartete ihn bei dem Dorfe Armillos, wo er auf einem niedrigen Höhenzuge eine vortheilhafte Stellung einnahm, die jedoch für seine Streitkräfte — neun Bataillone und sieben Escadrone — zu ausgedehnt war. So gelang es Ayerbe, nach blutigem Kampfe zugleich das Centrum zum Weichen zu bringen und durch die Besetzung des Dorfes Martin den linken Flügel der Carlisten zu bedrohen, weshalb Cabrera, die Straße nach Montalban offen lassend, eine halbe Stunde weit mit geschlossenen Massen sich zurückzog, ohne daß der Feind einen einzigen Gefangenen gemacht hätte.
Ayerbe stellte die zerstörten Werke her und zog sich dann, nachdem er die Garnison verstärkt hatte, am 29. Mai über Muniesa auf Daroca. An demselben Tage waren die Batterien wieder errichtet und spielten mit erneuter Kraft gegen die Mauern der Veste.
Da Cabrera nun in Person die Belagerung leitete, wurden alle Mittel aufgeboten, um das Endresultat zu beschleunigen; denn bisher hatte der Eifer des nun schwer verwundeten Obersten von Rahden vergeblich gegen die Sorglosigkeit und oft gegen den Unverstand Llagostera’s[76] angekämpft. Der größte Theil der Werke, durch Minen oder durch die Wirkung der Geschütze vernichtet, lag bald in Trümmern. Aber Sturm auf Sturm ward mit großem Verluste zurückgeschlagen; die Belagerten kämpften mit heroischem Muthe. Eine neue ungeheure Mine — ungeheuer in Rücksicht auf die Hülfsmittel der Carlisten: sie enthielt 1800 Pfund Pulver — ward unter ihrem letzten Réduit, der festen auf hohem Felsen gegründeten Kirche, angelegt, um den Thurm zu sprengen. Da ertönte am 8. Juni die Nachricht, daß Ayerbe eilends nahe.
Cabrera befahl, die durch den Capitain vom Genie-Corps Verdeja ausgeführte Mine zu sprengen, wiewohl ihm erklärt ward, daß noch einige Fuß zur vollkommenen Erlangung der gewünschten Wirkung fehlten. Ungeheure Massen Felsen und Schutt erhoben sich gen Himmel, der Thurm wankte und — fiel nicht, wie Cabrera noch immer gehofft hatte; ein furchtbarer Fluch verkündete die getäuschte Erwartung. Aber der über der Mine stehende Eckpfeiler des Gebäudes stürzte ein und bot eine schmale Öffnung zum Sturm dar; rasche Benutzung des Augenblickes hätte den Erfolg sichern können, aber es ward wohl eine halbe Stunde verloren, um die den Weg bedeckenden Schutthaufen zu entfernen. Die Besatzung, welche bei der Explosion entsetzt in das Innere der Kirche entflohen war, hatte ihre Posten wieder eingenommen: auch dieser sechste Sturm ward mit außerordentlicher Standhaftigkeit abgewiesen.