Von jetzt an kamen auf langehin für die Brüxer trübe Tage. Einigemale noch waren sie bedroht von den Kelchnern, mehrere furchtbare Feuersbrünste, Orkane, andere Elementarereignisse, und endlich die Pest (1582 und 1680) verwüsteten die arme Stadt. Dazu kam noch, dass die Stadt von Georg von Poděbrad nach einem verheerenden Brande (1455) eingenommen und besetzt ward, während die Burg sächsische Besatzung hatte, und die fortwährenden Friedensbrüche immer nur der Stadt Schaden brachten. – 1595 kauften die Brüxer von Rudolf II. die Burg sammt den zugehörenden Gütern um 81.060 fl. rhein., und übernahmen damit die Verpflichtung, die Besatzung des Schlosses zu erhalten. Allein die Ehre, Burgherren zu sein, kam den Bürgern theuer zu stehen. Die Burg zog stets jeden Feind an, und die Stadt hatte mit zu leiden unter den Belagerungen. Dreimal ward die Burg von den Schweden belagert, und zwar 1639, 1645 und 1646. Das letztemal mussten die Brüxer wegen Wassernoth, wegen der geringen Zahl der Vertheidiger, 200 Bürger gegenüber einem Heere von 30.000 Schweden unter General Wrangel, und wegen des schlechten Zustandes der Befestigungswerke das Schloss nach dreitägiger Belagerung am 16. Jänner übergeben. Solch' schwere Wunden hatte der dreissigjährige Krieg der Stadt geschlagen, dass sie, als die schwedische Besatzung zu Ende des Krieges 1648 abzog, keinen einzigen ansässigen Bürger mehr hatte. So ward es erklärlich, dass Ferdinand III., den inständigen Bitten der Bewohner nachgebend, 1651 die Demolirung der Burg bewilligte. Wenige in der letzten Zeit blossgelegte Mauerreste sind noch die Ueberbleibsel dieser Landesgrenzveste.
Nunmehr genoss die Stadt, abgerechnet einige Ueberfälle seitens der Sachsen und Preussen, die wenig Nachtheil brachten, ziemliche Ruhe; ihr Wohlstand hob sich, besonders da sie zu Beginn des 18. Jahrhundertes viele Güter durch günstige Käufe von den umliegenden Adeligen an sich brachte. So ist sie heute unter den reichsten Städten Böhmens in erste Reihe mit zu setzen.
Im Jahre 1813 beherbergte Brüx, das eine Zeit der Mittelpunkt des Lagers war, die drei alliirten Monarchen. Wenige Jahre darauf sollte Brüx fast ganz untergehen. Am 21. April 1820 verzehrte eine Feuersbrunst alle öffentlichen Gebäude bis auf die Stadtkirche und das Stadthaus. Der Schaden belief sich nach damaligen Werthverhältnissen auf 700.000 fl. W. W. Der abgebrannten Stadt ward durch ein staatliches Anlehen und die Unterstützung der Umwohner Hilfe. Die Folge der vielen Brände und besonders dieses ist, dass die Stadt, regelmässig gebaut, ein freundliches Aussehen hat, und mit wenigen Ausnahmen keine alten Gebäude besitzt.
Zu diesen gehören Rathhaus und Stadtkirche, beide noch bemerkenswerth auch durch ihre Bauart. Das Jahr der Entstehung des ersteren Gebäudes ist nicht bekannt; es gehört überdies in seiner heutigen Gestalt mehreren Perioden an. Der Thurm ist jedenfalls ein Baudenkmal des 14. Jahrhundertes, und nicht viel jünger ist der an selben anstossende Vorbau, während das übrige Gebäude das Gepräge des 16. Jahrhundertes trägt. Es war jedenfalls früher zweistöckig, und ist nach dem Brande von 1515, der auch das Rathhaus schwer schädigte, unausgebaut geblieben. Die Stylrichtung ist die nachgothische. Die Vorderfront wird durch mächtige Wölbungen und vorstehende Pfeiler, 7 an der Zahl, getragen. Der mittlere trägt den kaiserl. Adler, je zwei zu beiden Seiten tragen vier, die Elemente symbolisirende Statuen, die beiden äussersten aber Wappenträger mit dem böhmischen Löwen und dem Stadtwappen. Die Felder zwischen den Fenstern, wie auch die Brustwände unter den Fenstern sind bemalt mit allegorischen Figuren, das Gesimse mit Schlachtendarstellungen. Dem projectirten Bau eines Kreisgerichtsgebäudes wird das Rathhaus zum Opfer fallen. Höchstens der Thurm dürfte erhalten bleiben.
Der Bau der Dekanalkirche wurde 1517, nachdem im Jahre 1515 die alte Pfarrkirche mit einem grossen Theile der Stadt in Flammen aufgegangen war, begonnen, und war in wenigen Jahren vollendet. Feierlich eingeweiht wurde sie aber erst am 22. Mai 1594 durch den Prager Erzbischof Zbyněk von Duba und Lipa, nachdem sie bereits durch den Brand von 1578 grossen Schaden im Innern und auch am äusseren Bau erlitten. Der Erbauer der Kirche ist Beneš von Laun, Hofbaumeister des Königs Wladislav. Die Brüxer Stadtkirche ist sein letztes und Meister-Werk. Der Baustyl ist die spätere, sogenannte Wladislav'sche Gothik, wie sie bereits in den romanischen Styl überzugehen beginnt. Die innere Länge beträgt 73, die Breite 37 und die Höhe 24m. Sie bildet ein langes Viereck, nur das Presbyterium endet in ein Sechseck. Das Aeussere ist mächtig und imposant durch seine ungeheure Breite, zu der die zwei Anbauten, die auf beiden Seiten eine Art Kreuzschiff oder Kreuzkuppel bilden, und im Innern oben Gallerien, unten Kapellen fassen, viel beitragen. Eine Beeinträchtigung erleidet der imposante Bau nur durch das unverhältnissmässige, niedere Kirchendach. Das 1578 abgebrannte, kupfergedeckte Dach hatte sicher diesen Mangel nicht. Das Innere der Kirche weist ein Gewölbe mit drei gothischen Kuppeln auf, eine Eigenthümlichkeit des Meisters Beneš. Die Gürtel und Rippen derselben laufen aus schwachen, schlanken Säulen, 16 an der Zahl, aus, und haben eine künstlerische Verwebung. Merkwürdig sind auch die Stützen der Kirche, welche kuppelähnliche Räume bilden, in denen Kapellräume sich befinden. – Der Hochaltar, im Style der Renaissance, also durchaus der Bauart des Hauses nicht entsprechend, wurde erst 1773 aufgestellt. Der Altartisch sammt dem auf ihm ruhenden Säulenbau ist von natürlichem Marmor, die freistehende Rückwand eine Imitation. Rings an den Brüstungen der Gallerie befinden sich in Stein gehauene biblische Darstellungen, im Geiste des 13. Jahrhundertes gehalten. Gleich hier müssen wir der einfachen und der Doppelwendeltreppe erwähnen, die zu den Emporien führend, und ohne alle Stütze gebaut, von jedem Sachverständigen als Meisterwerke der Baukunst gerühmt werden.
Von Gemälden nennen wir vor allem die in einer Seitenkapelle nahe dem Hochaltar befindlichen, auf Holz gemalten Bilder der hl. Katharina und Barbara. Es sind dies zwei Flügel eines leider verloren gegangenen Bilderschreines, die unbeachtet im Depositorium der Kirche lagen, bis Gubernialrath Janko auf sie aufmerksam machte. Kandler verfertigte 1837 die erste Zeichnung. Sct. Barbara ist von geringerer Schönheit, aber eigenthümlich in der Auffassung und grossartiger im Faltenwurf, der an die schönsten Gewandmotive Dürers erinnert; Sct. Katharina zeigt die altdeutsche Auffassung jungfräulicher Schönheit, wie sie der Kölner Schule eigen ist und in Holbein's hl. Frauen den eigentlichen Typus gefunden. Beide Flügel sind Werke deutscher Kunst aus dem 16. Jahrhunderte. – Ausserdem sind noch in den Seitenkapellen eine ziemliche Anzahl von Ueberresten solcher Bilderschreine angebracht, die nicht ohne Werth sind. Von Altarbildern sind als Meisterwerke bekannt: Der hl. Josef, Anbetung der drei Weisen, Tod des hl. Franziskus. Von Schnitzwerk bewundern wir die beiden Altäre der Kreuzigung und der Auferstehung; erstere besonders entzückt bei eingehender Betrachtung durch Plastik und Figurenreichthum. In diesen beiden Kapellen erregen noch unsere Aufmerksamkeit die kunstvoll geschnitzten, alterthümlichen Bänke. – Der Thurm soll nach Meinung aller Sachverständigen älter als die Kirche sein. Von seiner Gallerie aus geniesst man eine schöne Aussicht weit hinaus über die Stadt und ihr Weichbild in's Erzgebirge.
Unweit der Kirche befindet sich der Glockenthurm für die beiden grossen Glocken, welche ein harmonisches, wundervolles Geläute geben.
Sonstige Denkwürdigkeiten finden wir noch in der Piaristenkirche, jetzt der Stadt gehörig. Der Hochaltar enthält ein herrliches Altarbild von Raab: eine freie Nachbildung der in der Dresdner Gallerie befindlichen hl. Nacht von Corregio. Auch die Bilder der beiden vorderen Seitenaltäre, der hl. Johann von Nepomuk, von Amalia Gräfin von Waldstein, und der hl. Josef von Calasanz von Vogel sind werthvoll. Sehenswerth sind noch: das Gymnasial- und Bürgerschulgebäude, beide mit reichhaltigen Lehrmittelsammlungen ausgestattet, ersteres am 3. Platz, letzteres in der Schulgasse.
Spaziergänge:
Gestatten wir uns noch eine kleine Ausschau in die allernächste Umgegend der Stadt, so werden wir auf das südlich etwa 15 Minuten entfernte Saras und das dahinter gelegene Resselgebirge aufmerksam gemacht. Das Wort »*Saras« leitet der Chronist aus dem Böhmischen ab und bezeichnet damit einen Ort hinter dem Damme (za hrázem), indem nach Balbinus Saras gegen den unweit (jedenfalls östlich) befindlichen Teich durch einen Damm geschützt gewesen sei. Die Gründung von Saras vollzog sich bereits vor nahezu 600 Jahren, als König Wenzel II. unter'm 21. November 1283 das Kloster Saras stiftete und dasselbe reich dotirt den Jungfrauen vom Orden der hl. Maria Magdalena verlieh. Wenn auch die Ordensfrauen der strengen Disciplin anhingen, so kamen sie doch genügsam in Verkehr mit den Stadtbewohnern und wurden hoch in Ehren gehalten, denn »die Bürger gaben ihre Töchter dahin, damit sie in jungfräulicher Arbeit, Gottesfurcht und guten Sitten unterwiesen würden.« 1421 wurde das Kloster von den Husiten niedergebrannt, die zurückgebliebenen sieben Nonnen vor dem Altare der Klosterkirche niedergemacht. Zwar erstand das Kloster wieder, aber die bewegten Zeitläufte und besonders die Bitten der Bürger bewogen die Ordensfrauen zur Uebersiedelung in die Stadt im Jahre 1515. Die Saraser Kirche selbst blieb geöffnet, da sie lange schon den Ruf einer berühmten Wallfahrtskirche genoss. 1782 wurde das Kloster von Kaiser Josef II. aufgehoben, 1786 auch die Saraser Kirche geschlossen. Kirche und Kloster in der Stadt wurden den Vätern der frommen Schulen eingeräumt, die den Ordensfrauen gehörigen Höfe Saras, Oberpriesen und Seidowitz kaufte drei Jahre später die Stadt von der königlichen Kammer. – Die dort eingerichtete Restauration mit grossem Garten, die annehmliche Lage, gesunde, frische Luft, und der gut gehaltene Promenadenweg machen Saras zu einem beliebten Ausflugsorte der Brüxer.