Auch die Kriege unter Maria Theresia gingen an Leitmeritz nicht spurlos vorüber. Im Jahre 1741 hausten polnische und sächsische, 1742 französische Truppen in der Stadt, und im Jahre 1757 nach der Schlacht bei Kolin wohnte Friedrich II. selbst durch eine Woche in der bischöflichen Residenz. Am 1. Oktober 1756 tobte der Kampf in der unmittelbaren Nähe der Stadt, indem an diesem Tage die Schlacht bei Lobositz geschlagen wurde.

Im Jahre 1780 wurde unter Kaiser Josef II., der siebenmal Leitmeritz besuchte, die Festung Theresienstadt gegründet. Die Napoleonischen Kriege berührten die Stadt nicht unmittelbar, und so konnte sich im letzten Jahrhundert die Stadt ruhig entwickeln.

Sehenswürdigkeiten. Leitmeritz, welches in die eigentliche Stadt und mehrere Vorstädte zerfällt, die freilich mit einander unmittelbar zusammenhängen, macht auf den Besucher den Eindruck einer Stadt, die schon in früheren Jahrhunderten von einiger Bedeutung gewesen sein muss. Der Ringplatz oder der Stadtplatz bildet den Mittelpunkt der Stadt und ist von grosser Ausdehnung; seine Länge beträgt 235, die Breite 126 Schritte. Die Häuser sind meist neuerer Bauart; doch hie und da schaut noch ein Giebel hervor, dem man es ansieht, dass er schon manches Menschengeschlecht, manches Jahrhundert an sich vorüberwandeln sah. Die Laubengänge sind meist schon verbaut. Wir wollen nun die hervorragendsten Bauwerke hier anführen:

1. Das alte Rathhaus, an der Ostseite des Stadtplatzes gelegen, beherbergt jetzt das k. k. Kreisgericht in seinen Räumen.

2. Das Gemeindehaus, ebenfalls am Stadtplatze, enthält die Kanzleien des Bürgermeisteramtes, der Sparkasse und im Parterre die Gasthauslocalitäten »zum schwarzen Adler«. Im Hofe befindet sich das Stadttheater. Im Bürgermeisteramte wird das hochinteressante und historisch äusserst werthvolle *Cantional aufbewahrt, eine Sammlung lateinischer Kirchengesänge aus der Zeit der husitischen Herrschaft in Leitmeritz und zum gottesdienstlichen Gebrauche bestimmt. Das gewaltige, in Leder gebundene und mit kunstvollen Messingbeschlägen gezierte Buch umfasst 465 Pergamentblätter, ist 29 Zoll hoch, 19 Zoll breit und wiegt 110 Pfund. Das Buch ist über und über mit herrlichen Initialen und prachtvollen Miniaturen bedeckt, viele Buchstaben und Noten sind mit reinem Golde auf das Pergament aufgetragen. Dies reichgeschmückte Cantional gehört zu dem Bedeutendsten, was die Kunst dieser Art in Böhmen geleistet.

3. Die *Dekanalkirche zu Allerheiligen nächst dem Stadtplatz. Eine besondere Erwähnung verdient das in der Kirche beim Seitengange stehende zinnerne Taufbecken aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, eines der schönsten Werke dieser Art in Böhmen. Unmittelbar an der Kirche erhebt sich der mächtige Stadtthurm, 53m hoch. Sein Inneres birgt ein wahres Meisterwerk der Holzbaukunst, den gewaltigen Glockenstuhl, der vom Grund des Bodens ganz frei ohne jede Verbindung mit der Mauer aus Eichenholz hergestellt ist. Er trägt 7 Glocken, von denen die grösste 81 Centner, die nächste 47 Centner wiegt. Von der Gallerie des Thurmes aus bietet sich eine herrliche *Aussicht über die Stadt und ihre Umgebung dar.

4. Das *Kelchhaus am Stadtplatz, erbaut von dem reichen utraquistischen Bürger Johann Mraz von Mileschowka und um 1584 vollendet. Von dem kelchartigen Thurme, dem utraquistischen Symbole, der seitdem ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt geblieben ist, geniesst man ebenfalls eine weite *Rundsicht. Nach dem dreissigjährigen Kriege wurde das Kelchhaus als Proviantmagazin benützt, daher noch der heutige Name desselben, Provianthaus. Gegenwärtig ist in demselben – allerdings nicht besonders zweckmässig – die städtische Mädchen-Volks- und Bürgerschule untergebracht. In einem Parterrelocale befindet sich auch das *Gewerbemuseum, das recht interessante Gegenstände aufweist.

5. Die Schulpaläste, nämlich die Communal-Oberrealschule und das k. k. Obergymnasium in den Anlagen, haben wir schon weiter oben besprochen.

6. Der Dom. Die Bauten des Domes erheben sich auf einem Hügel, zu dem man durch die Domgasse von der Stadt aus gelangt. Nach Erhebung zum Bisthume legte der erste Bischof Maximilian Rudolf von Schleinitz den Grundstein zur gegenwärtigen *Cathedrale, welche von dem zweiten Bischof Franz Grafen von Sternberg 1681 eingeweiht wurde. Die Domkirche ist im nüchternen Baustyle des 17. Jahrhunderts aufgeführt. Mit einem gedeckten Gang ist mit dem Dom die bischöfliche Residenz verbunden. Dieselbe enthält ausser einer ziemlich umfangreichen Bibliothek auch eine Sammlung *werthvoller Gemälde, die vom gegenwärtigen hochw. Bischof Dr. Ludwig Anton Frind zum Theil restaurirt worden sind. Ferner erheben sich auf dem geräumigen Domplatze das Consistorialgebäude, kenntlich durch das an demselben angebrachte Wappen des Bischofs M. A. von Lachsen usw.; endlich die aneinander gereihten Wohnungen der einzelnen Domherren. Die Lage der bischöflichen Residenz gewährt eine weite und ungemein reizende *Aussicht auf den ganzen Lauf der Elbe von Raudnitz bis Lobositz, wo sie sich nordwärts in's Gebirge wendet, sowie auf den grössten Theil der Stadt und der jenseits derselben und am linken Ufer der Elbe sich ausbreitenden Fluren zwischen dem Mittelgebirge und der Eger.

7. *Elbschlossbrauerei. In der That wie ein stolzes Elbschloss thront auf einem Plateau an der Elbe die Elbschlossbrauerei, der wir schon oben Erwähnung gethan haben. Sehenswerth ist die schöne geräumige *Braustätte, mit ihrer kühnen Wölbung, ferner die grossartigen Kellerräume, die mit ihren labyrinthartigen Gängen eine kleine unterirdische Stadt bilden. Die *Gartenrestauration mit den schattigen Kastanienbäumen, sowie dem amerikanischen *Pavillon gewährt einen recht angenehmen Aufenthalt während der schönen Sommertage. Herrliche Aussicht!