Die k. Bergstadt Joachimsthal, die Metropole des böhmischen Erzgebirges genannt, liegt in einem engen und tiefen, nach Südosten und Süden geöffneten Querthale, das von dem rasch herabstürzenden Weseritzbache durchbraust wird, zwischen hohen Bergen, dem Galgenberge im Osten, dem Pfaffenberge im Süden, dem Schlossberge im Westen, dem Obern und Untern Türkner-Berge im Norden. Sie besteht in ihren eigentlichen Grundlinien im Thalgrunde vorzugsweise nur aus zwei Häuserreihen, an die sich aber beim Bräuhausplatze, wo das Thal sich erweitert, beiderseits terrassenförmig noch je zwei Häuserzeilen, sowie in einem westlichen Seitenthale der Stadttheil Pfaffenberg anreihen. Die seit dem grossen Brande von 1873 grösstentheils neu aufgebaute, sehr freundliche Stadt, die überdies vom hiesigen Anpflanzungsvereine an mehreren Plätzen durch Anlagen verschönert wurde, übt sicherlich auf jeden Besucher einen wahrhaft bezaubernden, nachhaltigen Eindruck aus, so dass man kaum fehlgehen wird, Joachimsthal als die schönste und regelmässigste Stadt im ganzen böhmischen Erzgebirge zu bezeichnen. Sie zählt 612 Häuser und gegen 7000 Einwohner, welche sich durch Bergbau, Cigarren-, Handschuh- und Stöpselfabrication, Spitzenklöppelei, Spitzenhandel, sowie durch das karge Erträgniss der Landwirthschaft ernähren.
Sehenswürdigkeiten: Decanalkirche (auf dem viereckigen, mit einer Anlage geschmückten Kirchenplatze gelegen) wurde von der Stadtgemeinde in den Jahren 1874–1876 in neugothischem Styl vom Baumeister Friedrich Karl Richter aus Breitenbach unter Leitung des Prager Dombaumeisters und Architekten Josef Mocker neu hergestellt. Mit Bezug auf die inneren Räume dieser Kirche hat Hansgirg's Behauptung: dass sie ein gar seltenes, sowohl im Totaleindruck als auch in der liebevollen Durchführung des Details überwältigendes Kunstwerk sei, welchem im westlichen Böhmen kaum noch ein Bau ähnlicher Art ebenbürtig an die Seite gestellt werden kann, seine vollste Berechtigung. Architekt (Mocker), Maler (Gebrüder Jobst aus Wien) und Bildhauer (Leimer aus Wien) haben sich hier ein unvergängliches Monument einheitlichen Strebens gesetzt. Nicht nur die Altäre (3) und die Kanzel, sondern alle übrigen Objecte der inneren Kirche entsprechen dem Geiste der Gothik. Die Gemälde der Altäre sind plastisch. Der Hauptaltar ist ein grossartiger, echt gothischer Bau. »Anmuth ist der Grundtypus dieses herrlichen Werkes, das durch das echte Naive und Herzinnige der Skulpturcompositionen noch potencirt wird, deren Bemalung eine elegante ist, dass bei der Empfindung der Frömmigkeit zugleich die des höchsten Wohlgefallens erweckt wird.« Die Hauptnische dieses Altars enthält die hl. Familie (in der Mitte die hl. Maria, etwas rückwärts zur Seite St. Joachim und St. Anna – die Patrone der Kirche). In den zwei Nebennischen (links) der hl. Prokopius, Schutzpatron der Bergleute, (rechts) der hl. Johannes. Bei sämmtlichen Altären ist Plastik, Ornamentik, Farbe und Goldzier gleich rühmenswerth. Den Kunstfreunden sei von den Seitenaltären besonders der Marien-Altar (links) empfohlen (Hauptfigur: die unbefleckte Maria im Gebet). Der Josefi-Altar (rechts), Hauptfigur: der hl. Josef, den Lilienstengel in der rechten Hand, das Jesukindlein mit der Erdkugel am linken Arm haltend. Die prachtvolle Kanzel mit den Gestalten der Kirchenlehrer; das Baptisterium (Taufkapelle), die Orgel (Kegelladensystem, Steinmeier in Oettingen).
Das Stadthaus (an der Ecke des Kirchenplatzes), ein alterthümliches, ansehnliches Gebäude, das dem letzten gewaltigen Brand Widerstand geleistet, enthält die interessante, sehenswerthe Gemeindebibliothek, welche 1540 begründet worden ist. Sie enthält 190 Werke aus dem XV. und XVI. Jahrhundert (in deutscher, lateinischer, griechischer und hebräischer Sprache) und zwar dem Inhalte nach: Jurisprudenz 17, Theologie 60, Poesie und classische Literatur 51, realistische Fächer 17, hebräische Sprache 7, linguistische 20, Geschichte, Geographie und Statistik 18. – Eine Biblia hebräica, in Frakturlettern auf Pergament sehr schön geschrieben, stammt nach Dr. Oppenheimer's Untersuchung vom Jahre 1384.
Das k. k. Bergoberamtsgebäude (neben dem Stadthause) mit reichhaltiger Mineraliensammlung des montanistischen Vereines. (Daselbst werden auch Mineralien verkauft.) Das Volks- und Bürgerschulgebäude (links von der Kirche), ein wahrer Schulpalast, mit einer reichlich ausgestatteten Lehrmittelsammlung. – (Rechts von der Kirche): Die k. k. priv. Handschuhfabrik von Martin Bencker u. Sohn, die grösste in Oesterreich-Ungarn, und die Stöpselfabrik des Anton Schreiber. Der k. k. Einigkeitsschacht (ober dem Schulgebäude) bietet vielfaches Interesse, und ist dessen Befahren durch Schalenbeförderung leicht, gefahrlos und lohnend. (Wegen Einfahrt wende man sich an den k. k. Bergrath im Oberamtsgebäude.) Schloss Freudenstein, k. k. Cigarrenfabrik und k. k. Hüttenwerk. (Siehe »Kleine Spaziergänge«.)
Die ganze Gegend, wo jetzt Joachimsthal steht, war bis zum Jahre 1516, dem eigentlichen Gründungsjahre dieser Stadt, eine nur mit Wald bedeckte Gebirgslandschaft, welche zur Herrschaft Schlackenwerth gehörte, die nebst Lichtenstadt Kaiser Sigmund 1437 seinem treuen Reichskanzler Kaspar Schlick, Grafen von Passaun (Bassano), geschenkt hatte. Einzelne Bergleute aus Schlackenwerth (»der alte Oeser«) und aus dem Markgrafenthum Meissen (»Kaspar Bach«) betrieben hier ohne Zweifel schon gegen Ende des XV. oder in den ersten Jahren des XVI. Jahrhunderts Bergbau auf Silber, der aber nicht bedeutend gewesen zu sein scheint. Im Jahre 1515 stellte sich Graf Stefan Schlick an die Spitze einer Gewerkschaft, welche die alte Fundgrube am Schottenberg wieder belegte und 1516 die erste Ausbeute vertheilte. Bis zu diesem Jahre sollen etliche verfallene Häuser am untern Türckner, eine Mühle am Brotmarkt – dem heutigen Pfaffenberg – und ein Hammer in dieser Gegend gewesen sein; nach einer Wiese wurde Thal und Weiler Conradsgrün (»Cunradisgrün«) genannt. Aber die Kunde von dem überaus ergiebigen Bergbau drang mit staunenswerther Raschheit durch das ganze Erzgebirge und lockte baulustige deutsche Bergleute und Gewerke in solcher Anzahl in's »Thal«, dass die neue Bergcolonie bis December genannten Jahres bereits 400 Häuser gezählt haben soll. Der Silberreichthum war hier geradezu fabelhaft. Deshalb fand sich Graf Stefan Schlick, der damalige Grundherr, bewogen, den Grund zu einer Bergstadt zu legen, welche bald gedeihlich aufblühte. Da es auf dem jenseitigen meissnischen Gebiete bereits ein Annaberg (1496) und Jöhstadt (Josefsstadt, 1517) gab, wurde, um die Glieder der hl. Familie als Schutzpatrone auf einem verhältnissmässig kleinen Raume zu ergänzen, das Thal und die neu angelegte Stadt nach Christi Grossvater, dem hl. Joachim, St. Joachimsthal (»Jochimsthal«) genannt. Aber gar bald erhoben die Brüder von Haslau, deren Grundeigenthum an das Schlickische grenzte, Ansprüche auf benachbartes Gebiet, bis auf welches sich der Bergbau und die Anlage der Stadt auszudehnen begonnen hatten. Der darüber mit den Grafen Schlick entstandene Streit wurde jedoch durch einen schleunigen Vergleich (1518) beendigt, in Folge dessen die Herren von Haslau eine Entschädigung zugesichert erhielten. Ein in demselben Jahre ausgebrochener Aufstand der Bergleute veranlasste den Grafen Schlick zur Herausgabe der berühmten Bergordnung; er liess ferner eine Münze (an dieser Stelle steht das heutige Oberamtshaus) erbauen, »aus welcher im nächsten Jahre 1519 die ersten Münzen, Guldengroschen, zu 24 weissen Groschen, wie sie in Sachsen geprägt wurden, hervorgingen. Man nannte sie nach dem Orte ihres Ursprungs Thalergroschen, später einfach Thaler, ein Name, welcher allmählig in ganz Deutschland das Bürgerrecht erhalten und selbst in fremden Ländern (als Dollar in England und Amerika, als Talar, Talari in der Levante etc.) Eingang gefunden hat. Sie trugen auf der Vorderseite das Bildniss des hl. Joachim, auf der Rückseite das des Königs Ludwig und des Grafen Schlick, oder auch den böhmischen Löwen und führten daher auch den Namen Schlickenthaler und Löwenthaler. Lateinisch nannte man sie, weil sie zwei Loth oder eine Unze wogen, Unciales, auch Vallenses (Joachimicos) und später, nachdem sie als deutsche Reichsmünze Geltung und Umlauf erlangt hatten, Imperiales (Reichsthaler). – König Ludwig bestätigte nicht nur im Jahre 1519 die Freiheiten, welche Graf Stefan Schlick der Gemeinde und Knappschaft zu Joachimsthal verliehen hatte, sondern erhob auch auf Ansuchen des genannten Grund- und Burgherrn mittelst Majestätsbriefes vom 6. Jänner 1520 Joachimsthal zu einer freien Bergstadt und verlieh ihr alle damit verbundenen Rechte und Freiheiten, sowie die Errichtung eines Schöppenstuhls zur Schlichtung der zwischen dem Bergpersonale entstehenden Rechtsstreitigkeiten. In demselben Jahre bestätigte der König auch das Münzprivilegium des Grafen Schlick.« Trotz zweier neuerlicher Aufstände (1523 und 1525) blühte die Bergstadt unter der vortrefflichen Fürsorge des ritterlichen Grafen Stefan Schlick immer mehr und mehr zu einer hochansehnlichen, reichen, dichtbevölkerten Stadt empor, die mit tüchtiger Gemeideverwaltung und Schule ausgestattet war. Sie zählte zur Zeit ihrer höchsten Blüthe über 1200 Häuser, gegen 12000 Bergleute, 400 Schichtmeister, 800 Steiger und 800 in Betrieb stehende Zechen. Leider fand Graf Stefan Schlick, ein treuer und tapferer Unterthan seines Königs, im 39. Lebensjahre seinen Tod in der unglücklichen Schlacht bei Mohacz (29. August 1526).
Nun folgten dessen jüngere Brüder Graf Hieronymus und Lorenz, die Joachimsthal wechselweise immer zwei Jahre beherrschten; doch kam es zu Erbstreitigkeiten. Diese gaben den ersten Anlass, dass König Ferdinand I. den Grafen Schlick »ihr ohnehin nicht ganz rechtmässiges Münzregal« entzog, das nun an die Regierung kam (1528). Nichtsdestoweniger schenkten die Schlicke in den Jahren 1530–1536 der Stadt von neuem Grund und Boden und begannen 1534 den Bau der Kirche, »welche ohne fremde Hilf erbaut ist« und 1537 zum Gottesdienste benützt wurde. 1545 mussten die Schlicke das Joachimsthaler Bergwerk dem König unter der Bedingung abtreten, »dass sie sich« – wie Mathesius sagt – »ihres Zehendens Erbkux und Hüttenwerks unverhindert von meniglich gebrauchen mögen.« – Als 1518 die Reformation im benachbarten Sachsen feste Wurzeln fasste, fanden Dr. Luthers Lehren auch in Joachimsthal eifrige Anhänger, namentlich in den Grafen Schlick. Lange stritten sich hier die katholische und protestantische Partei um die Herrschaft, bis endlich 1540 der Protestantismus den vollständigen Sieg davontrug. In jener Zeit wirkten zu Joachimsthal: Der hervorragende Gelehrte M. Johannes Mathesius (geb. am 24. Juni 1504 zu Rochlitz in Sachsen, gest. zu Joachimsthal den 8. Okt. 1565) erst als Rector an der berühmten Lateinschule, dann als Pfarrer; (die Bürgerschaft hat ihm am 24. Juni 1874 an dem Stadthause eine Votivtafel eingesetzt), ferner Nikolaus Hermann, der »alte Cantor« genannt, einer der besten Liederdichter des XVI. Jahrhunderts, als Cantor (gest. am 3. Mai 1561 zu Joachimsthal) und endlich Georg Agricola, der Begründer der Mineralogie (geb. am 24. März 1494 zu Glaucha in Sachsen, gest. am 21. Nov. 1555 zu Chemnitz) von 1527–1530 (1533?) als Stadtarzt. Durch den schmalkaldischen Krieg, in welchem die Joachimsthaler sich den aufständischen böhmischen Ständen anschlossen und die Stadt von sächsischen Truppen eingenommen wurde, büsste sie ihre alte Blüthe ein und ging, obgleich Kaiser Ferdinand I. und namentlich Kaiser Rudolf II. verschiedene Mittel zum Aufschwunge des Bergbaues anwandten, immer mehr dem Verfalle entgegen, der mit dem 30jährigen Kriege eintrat. Das protestantische Joachimsthal stellte sich bei dessen Ausbruche auf die Seite der aufrührerischen Stände Böhmens und wurde sammt dem Schlosse Freudenstein von dem utraquistischen Feldherrn Mannsfeld besetzt, der aber 1621 abzog. Nach der Schlacht am Weissen Berge (1620) trat bekanntlich die Gegenreformation ein, und da sich der grösste Theil der Bewohner Joachimsthals zur Annahme der katholischen Lehre nicht bequemen wollte, wanderten Tausende über die Landesgrenze. Die letzten Auswanderungen der Protestanten fanden 1653 statt. (Vergl. Bergstadt Platten.) 1631 besetzten die Sachsen Joachimsthal und die Veste Freudenstein, wohin aber schon 1632 die Kaiserlichen eine Besatzung legten. Dieselbe vertheidigte sich 1634 gegen eine schwedisch-sächsische Heeresabtheilung so tapfer, dass sie erst capitulirte, als die Feinde durch ihre Batterie-Kugeln das Schloss unhaltbar gemacht hatten. Die Schweden plünderten dasselbe, überliessen es den Flammen, wodurch es zur Ruine wurde. Schon vorher hatte sich die arg verwüstete Stadt ergeben müssen.
Am 31. März 1873 wurde Joachimsthal durch einen schrecklichen Brand schwer heimgesucht, so zu sagen vernichtet, denn das wüthende Element verwandelte unaufhaltsam in fliegender Eile 309 Häuser sammt Nebengebäuden in Schutt und Trümmerhaufen. Auch die grossartige Kirche, »ein kunsthistorisches und archäologisches Unicum,« wurde zerstört. Tausende hatten Obdach und Habe verloren! Bei dieser Gelegenheit hat sich der deutsch-böhmische Dichter und Menschenfreund Karl Viktor Ritter von Hansgirg, der damals Bezirkshauptmann war (geb. am 5. August 1823 zu Pilsen, gest. den 12. Jänner 1877 zu Joachimsthal), ein bleibendes Denkmal durch seine aufopferungsvolle, rastlose Thätigkeit zur Milderung der Nothlage gesetzt. Seine an die Mildthätigkeit appellirenden Worte wirkten wie ein zündender Funke, und Dank der Staatssubvention von 500.000 fl., Dank den grossartigsten Hilfsquellen von Seite der vielsprachigen Völker Oesterreichs und der Nachbarländer konnte der Wiederaufbau der Stadt in überraschend kurzer Zeit stattfinden; leider fiel derselbe aber in eine äusserst kostspielige Bauperiode, so dass es niemand Wunder nimmt, wenn der grösste Theil der Häuser noch schwer mit Schulden belastet ist.
Kleinere Spaziergänge.
Die Umgebung von Joachimsthal bietet eine Menge einladender und lohnender Spaziergänge:
1. Schloss Freudenstein, auf der westlichen Seite der Stadt, liegt auf dem steilen Schlossberg, der nur westwärts in eine Ebene ausläuft. Von der einstigen festen, überaus zweckmässig angelegten Veste sind nur zwei runde Thürme von bedeutendem Umfange und ein Stück Ringmauer übrig geblieben. Von denselben zeichnet sich der vordere, nordöstliche durch seine Höhe aus; er besitzt ein Laternenthürmchen mit einer Glocke und wird von dem Stadtwächter bewohnt, welcher früh Morgens um 3 Uhr, dann um 4 Uhr, Mittags um 11, beziehungsweise 12 Uhr, Abends aber um 7 und 8 Uhr durch Glockengeläute den Bergknappen zum Ein- und Ausfahren das Signal geben, überdies aber bei Tag und Nacht der Stadtuhr nachschlagen muss. Den zweiten, kleineren Thurm benützt das k. k. Bergamt als Pulvermagazin. – Vom Bergabhange geniesst man eine ausgezeichnete Uebersicht der ganzen Stadt. »Wie im Grundrisse sehen wir sie vor uns aufgerollt, und einem spähenden Auge entgeht kein Reisender, der die Strasse einherwandelt; ja, selbst die von anderen Seiten über das Gebirge herführenden Fusssteige können von diesem Punkte aus übersehen und bewacht werden, so dass – wie man sich gewöhnlich ausdrückt – nicht eine Maus in die Stadt gelangen kann, ohne dass sie von dem lauernden Wächter nicht bemerkt worden wäre.«