Gern hätte die feindliche Macht den aus seiner Verbindung getretenen Obrist Wallersee an sich gezogen; allein sein dem Arnulph gegebenes Ehrenwort ließen ihn selbst die blendendsten Anerbietungen ausschlagen. Er nahm an diesem Feldzug keinen weitern Antheil, denn jede Macht, bei deren Armee zu streiten, ihm ehrenvoll gedünkt hatte, war gegen Arnulph im Bunde. —
„Soll das Treiben meines Wollens, die erregte Reizbarkeit, ein höheres Ziel meiner Bestimmung zu umfassen, als zu dem der gewöhnliche Instinkt eines wohl genährten und ausstaffirten Schooskind’s des Glücks in behaglichem Seelenschlummer führen dürfte. — Soll die Sehnsucht nach jenem noch unerreichten Zweck nicht zum nagenden mich selbst verzehrenden Geyer werden, so nehmt mich noch einmal auf, ihr lieblichen Gegenden! Vaterland eines Mucius Scävola, du gabst der Spiralfeder des reifenden Jünglings den mächtigen Druck, daß sie die Bande entnervender träger Unentschlossenheit sprengte, und die Thatkraft des sich nun Enträthselten fesselfrei machte. Gieb mir Ersatz für die verschwendeten Erstlinge des Dranges, wirken und fern von kleinlichem Eigennutz schaffen zu wollen! — Läutere die Selbstständigkeit des Mannes zur Ausdauer, indem der Geist deiner edelsten Söhne mich umschwebt. — Kraftvoll, aber nicht stürmisch will ich mich dann in einen Wirkungskreis schwingen, der mir genügt. — Leben, lebendiges Weben und Seyn, wo Herz und Körper balsamischer Nahrung genießt, werde mir jetzt unter italischem Himmel. Sein milder Einfluß zügele die wilde Begehrlichkeit der aus Mangel an höhern Interesse erregten Sinnlichkeit, und gebe mir die zarte Empfänglichkeit, für die mich erwartenden Freuden des glücklichen Gatten in den Armen meiner Ludmilla!“ so dachte und beschloß Graf Wallersee; nichts stand der raschen Ausführung seiner spekulativen Philosophie entgegen; und Alexis drückte den Abschiedskuß auf die ihn nur mit sittsamer Blödigkeit erwiedernden Lippen seiner Verlobten — nachdem er das entzückendste Bild des Wiedersehns und der unauflöslichen Vereinigung zu einstweiligen Beschäftigung ihrer Phantasie, dem arglosen Glauben frommer unschuldiger Liebe aufgestellt hatte — und verließ Deutschland auf zwei Jahr, nach deren Verlauf ihn die Vollziehung seiner Vermählung mit Ludmilla Gräfin von St. dahin wieder zurück rief.
Familienbündnisse verlobten ihm schon das reiche schöne Mädchen im zartesten Kindesalter, mit Vollendung des siebzehnten Jahres sollte sie seine Gemahlin werden.
Ludmillas Geburt kostete ihrer Mutter das Leben. Die mutterlose Waise ward in einem Stift erzogen; ihrem Herzen blieb jede Leidenschaft fremd, es kannte nur den frommen keuschen Wunsch: Graf Alexis möge wohlbehalten aus allen Gefahren des Krieges oder aus andern fremden Ländern zurückkehren, und liebevoll sie dann zum Altar führen! — Dieser Wunsch ward erfüllt, und der Geliebte ihr liebreicher freundlicher Gatte. — Der Mangel feuriger Liebe des Gemahls fiel der sanften nur an ruhige Seelenstimmung gewöhnten Ludmilla nicht auf. Zwar gewann ihre Liebe mit jedem Tage neue Stärke und Innigkeit für ihren Alexis, aber weil sich diese immer nur in dem Sonnenlicht lieblicher Heiterkeit zuvorkommender Freundlichkeit äußerte, so überzeugte sie ihres Gemahls dem ihrigen ähnliches Betragen, daß sie nicht minder geliebt würde. — Wohlthätig hatte das Schicksal für ihre Ruhe gesorgt, indem weder Romanenlektüre noch Frequenz sentimentaler Schauspiele ihre Bildung vollendeten.
Mit ächt pastoralischem Eifer verhütete die Aebtissin des Stifts — in welchem die junge Gräfin erzogen worden — die Einführung solches üppigen Thun und Wesens, wie die hochwürdige Frau es nannte, welches den jungen Gemüthern, die da rein und ohne Makel unter ihrer Aufsicht gedeihen und verbleiben sollten, nur das werden könnte, was der Wolf der unbefangnen leicht zu berückenden Heerde; eben so sorgfältig verhinderten die strengen Gesetze dieses Vestalischen Ordens jeden traulichen Verein mit dem andern Geschlecht. Folglich waren alle die aus den Ersteren entstehenden und auf das Andere laufenden Leidenschaften in diesen heiligen Hallen dermaßen verpönt und geächtet, daß man sie kaum dem Nahmen nach kannte — wenigstens sie schon dem Nahmen nach verabscheute. — Und so war auch die unerfahrne Ludmilla weit entfernt, einen Unterschied zwischen der zwar freundlichen aber sehr gemäßigten Zärtlichkeit ihres Gemahls, und der glühenden Leidenschaft, dessen sein Herz — vielleicht für einen andern Gegenstand wohl fähig war — zu ahnden, und sich dadurch ihr Glück, ihre Ruhe zu stören.
Sie gebar ihm einen Sohn, und inniger wohlwollend ward das Band der Ehe, das sich nun auch um sein Vaterherz schlang.
Blutströme hatten jetzt Bellonas Durst gestillt, und ihre Fackel ausgelöscht. Ein allgemeiner Frieden in Deutschland zerstreute nun gänzlich jede Besorgniß Ludmillas, daß Alexis bei seinem thätigen unruhigen Geist doch noch der Versuchung unterliegen würde, eine Rolle auf dem Theater des Krieges zu übernehmen. Doch zu bald sah sie ein, daß die Gefahr ihn zu verlieren, wenigstens sich auf lange, unbestimmte Zeit von ihm trennen zu müssen, näher war, als jemals.
Graf von der L...., als Generalissimus nach Portugal berufen, erachtete es für keinen geringen Vortheil und Zuwachs des ihn umgebenden Glanzes, wenn er seine fast königl. Suite, mit welcher er sich das nächste Frühjahr einzuschiffen dachte — durch Anwerbung der tapfersten vielversprechensten Männer — um welche Monarchen sich beneideten, für die Truppen, deren Befehlshaber er wurde, noch mehr verherrlichen könnte. Es gelang ihm, Graf Alexis von Wallersee durch die lockendsten Aussichten auf Größe und Ruhm — der sich selbst in fremde Welttheile erstrecken würde, für seine Wünsche zu gewinnen. — Vergebens umfaßte Ludmilla die Knie ihres Gemahls, vergebens schmiegte der kleine Theodor seine Händchen um den unbiegsamen Nacken des ihm zum Lebewohl segnenden Vaters.