„Das war nicht Ihr Ernst, gnädiger Herr! Dieser Erwartung widerspricht die Achtung, die ich einigermaßen zu verdienen glaube.“ —
„Adelaide! — Adelaide! was machen Sie aus mir?“ — seufzte noch der Prinz, und der allgemeine Aufstand der Gesellschaft verschlang das Flüstern seiner letzten Worte.
Den andern Morgen ließ sich die junge Gräfin mit Unpäßlichkeit entschuldigen, welche sie abhielt persönlichen Abschied von Sr. Durchlaucht zu nehmen, und bat, Mathildens Briefe ihr durch Zynthio einhändigen zu lassen. Der Prinz schlug sich mit krampfhaft zusammen geballter Faust vor Kopf und Brust — befahl stürmisch: vorzufahren — und verließ Wallersee hoffnungsloser, als er den Abend zuvor dahin gekommen.
Alexis Graf von Wallersee glaubte mit seinen erprobten Eigenschaften und Fähigkeiten, die ihn zum Feldherrn stempelten, auf den Rang und die Wichtigkeit eines zweiten Marschalls von Sachsen in irgend einer der größten Armeen Anspruch machen zu dürfen. Im Besitz ansehnlicher Reichthümer, die durch Erbfälle sich noch immer vermehrten, als Kommandör einer der größten Komthureien des Johanniter-Maltheser-Ordens, bot er seine uneigennützigen Dienste — während eines für Europa’s Gleichgewicht sehr bedeutenden Krieges, einem Monarchen an, dem es in ökonomischer Hinsicht, so wohl durch Nothwendigkeit gedrängt, als auch aus angebornem Trieb zur Sparsamkeit sehr willkommen seyn mußte, in dem Grafen den Chef eines dem Feinde furchtbaren Corps — welches dieser aus eigenen Kosten errichtet, mondirt und für die Königlichen Fahnen angeworben hatte — nun seinen Obersten zu begrüßen. Ruhm und die Aussicht, früher, als es sonst nach den gewöhnlichen Fortschritten auf der militärischen Bahn zu erfolgen pflegt, noch in den kräftigsten Lebensjahren des raschen feurigen Mannes, als Feldmarschall sagen zu können: In den entscheidendsten Momenten gab ich mit dem Schwerd in der Faust nicht selten den Ausschlag; hier machte ich die schon verlohren geglaubte Schlacht gewonnen — Dies sollte sein Lohn seyn. Seine stolzen Entwürfe zielten auf nichts geringeres, als der unentbehrliche und zugleich unabhängige Alliirte eines großen Europens Aufmerksamkeit erregenden Königs, den aber das Schicksal jetzt seinen Launen preiß geben zu wollen schien — zu werden. Der Monarch berechnete zu richtig den ihm daraus erwachsenden Vortheil, um nicht Graf Wallersee die Perspektive seiner ehrgeitzigen Hoffnungen mit den freundschaftlichsten Versprechungen zu erweitern, und seine Erwartungen zu entflammen.
Doch — zwei Sonnen an einem Horizont gehören ja in die Reihe unmöglicher Existenzen; und eben so wenig konnten Arnulph und Alexis in harmonischer Gemeinschaft den Pfad des Ruhmes verfolgen. Beide sich ihrer energischen Kraft, ihres allumfassenden Feuergeistes bewußt, Beide eifersüchtig auf des andern Ansprüche, einzig seyn zu wollen — Beide, wenn sie diese Ansprüche gekränkt fühlten, ohne Rücksicht des Nachtheils für ihren Zweck rachsüchtig — zerrissen bald die Freundschaftsbande, welche Mars um sie geschlungen. Arnulph behauptete nicht allein ein großer Held, sondern auch ein schöner Geist zu seyn, und selbst seine Feinde gestanden unpartheiisch, daß er es war. — Auch Alexis zeichnete sich unter tausend seiner Zeitgenossen in dieser Hinsicht aus. — Nur der solide nicht nach Kapricen geordnete Ertrag seiner Geistesgaben, seine Vertraulichkeit mit den alten Griechen und Römern, seine Vorliebe für die Letztern, gaben freilich seiner Schöngeisterei eine andere und imponirendere Tendenz, als die seines großen Nebenbuhlers war. — Leichter französischer Spott — wiewohl nicht selten empfindlich verwundend, inconsequentes Absprechen fremden Werthes, Geringschätzung derber deutscher Redlichkeit, und Forderungen an diesen Werth, an diese Tugenden — kurz, mancherlei und mehrere Widersprüche dieser Art, gaben Arnulphs Geist zwar einen auffallend blendenden Anspruch, besonders da derselbe durch ein Bonmot würdigen oder herabwürdigen durfte, ohne daß ein Opponent es gewagt hätte, ihn zu widerlegen, welches freilich einem andern gegenüber oft kinderleicht gewesen wäre. —
Aber Alexis glaubte zwischen einem Mark Aurel und Arnulph einen so gewaltigen Unterschied zu finden, den der Letztere vielleicht selbst fand — jedoch nicht aus dem Gesichtspunkt betrachtete, wie der Freund der Römer — daß er unmöglich so ganz unbedingt der Huldigung beitreten konnte, die Arnulphs wahre oder scheinbare Bewunderer, der nach Alexis Meinung so falsch geleiteten Schöngeisterei zollten.
Nur zu bald hinterbrachte man Arnulphen des Obersten Wallersee’s Bemerkungen, welche dieser in vertraulichen Zirkeln hin und wieder über dessen Meinungen geäußert hatte — ja selbst den Tadel der Pläne, die auf die kriegerischen Operationen sich bezogen, und die Arnulph nach seinem Kopf exekutirt haben wollte. — Alexis war nicht der Mann, der seine Grundsätze durch Verläugnen oder Entschuldigungen, im Fall er sie verantworten sollte, anders scheinen ließ, als sie waren und er sich einmal darüber erklärt hatte. Als ihm daher Arnulph sein Raisonniren, wie derselbe es zu nennen geruhete, mit ernster Miene und durchdringendem Adlerblick vorhielt, war dies der Moment, in welchem Graf Wallersee nicht nur seine Meinung nochmals klar und deutlich wiederholte — und unter dem Bedauern, daß er das Vertrauen, so wie das Wohlwollen Sr. M. wohl schwerlich zu erwerben im Stande seyn würde, auch auf alle künftige Ehrenstellen in dessen Armee Verzicht that, und sich mit seinem Corps, unter dem Versprechen, nicht gegen ihn zu fechten, zurückzog.
„Es ist mir lieb,“ sagte Arnulph — „diesen Querkopf los zu seyn. Der Polisson wollte alles besser wissen. Ist die Kriegskunst der alten Römer auf unsere heutige Taktik anwendbar? — haben wir das Terrain, haben wir dieselben Menschen, dieselben Waffen gegen uns?“ —
„Und sind wir Römer?“ — hätte er noch hinzusetzen sollen. Doch war die Beschuldigung ungegründet; denn Alexis wußte diese Unterscheidung eben so gut zu machen, als Arnulph. Eine Kriegesscene nach Römer Art in neuern Zeiten anderswo zu sehen, als in der großen Oper zu ***, war ihm nie in der Sinn gekommen; und öfters auch hier nur, um die erbärmliche Marionetten-Repräsentation mitleidig zu belächeln.