„Unter denen meine Ludmilla wohl die sanfteste ist. So wahr Gott lebt! ein treffliches edles tugendhaftes Weib! — In vier Tagen breche ich auf; ist’s möglich, noch früher, um sie je eher je lieber an mein dankbares Herz, für alle ihre Liebe mit innigster Zärtlichkeit, zu drücken.“
„Auch Giuliana läßt ihre Jugendblüthe in Liebe für euch hinschmachten. Deutsche Weiber lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe — so nicht die unsern: die Glut hoffnungsloser Liebe höhlt ihnen ein frühes Grab.“
„Paluzzo! Die Pflichten ehelicher Treue sind den Deutschen Männern eben so heilig wie den Weibern.“
„O daß doch bei Euch die Pflichten des gewissenhaften Mannes erst in ihre Rechte treten, wann Ihr vom Traualtar kommt! — Früher ist Euch die Zerstörung weiblicher Ruhe erlaubtes Spiel.“
„Nichts mehr davon; kann ichs ändern? — Thorheit habe ich mir vorzuwerfen, aber kein Verbrechen. Kann ich dafür, daß mein guter Wille, sie dem ewigen Jammer zu entreißen, eine Quelle neuen Grames für sie ward? — Und wie kann ein Dritter wissen, welcher schmerzliche Kampf mir selbst daraus erwuchs? — Basta! — bei unsrer Freundschaft, kein Wort mehr davon!“
„Wie Ihr wollt. Aber Neapel hat doch mit Eurem Kampf und Eurem Gewissen nichts zu schaffen. Begleitet mich dahin, seht ob es Euch jetzt wieder so gefallen mögte wie einst. — Ihr kennt unsern Hof, auch so ziemlich unsere Regierungsform, unsern Zustand der Armee. Beliebts Euch Vorschläge anzunehmen, die man Euch vielleicht auf das ehrenvollste machen würde. Herrlich! — Verwerft Ihr sie — gut; ihr sollt durch Zudringlichkeiten nicht belästigt werden.“
„Nun dann, es sei. Aber die Meerenge passiere ich nicht wieder; ich habe in Messina nichts zu schaffen. Und — den kommenden Frühling, will ich auf vaterländischen Boden begrüßen.“
Alexis hielt nur in so fern Wort, daß er die glänzendsten Anerbietungen des Neapolitanischen Hofes ausschlug, und wenn nicht den nächsten Frühling, doch gegen Ende des darauf folgenden Sommers in Ludmilla’s Arme zurückeilte. — Aber Messina — hatte er dennoch besucht. Giuliana war ja verheyrathet, und Menschenpflicht rief ihn dahin; heftige Erderschütterungen hatten Habe und Gut eines großen Theils der Einwohner in Trümmer zusammengestürzt. Unter den dadurch verarmten Familien befand sich auch Giuliana und ihr Gatte. Letzterer ward, als er noch auf Rettung einiger Kostbarkeiten bedacht seyn wollte, selbst tödlich beschädigt; und Alexis erschien jetzt zum zweiten Male als helfender Schutzengel der neunzehnjährigen Wittwe. Er sorgte für sie und ihren dreijährigen Knaben Zynthio; erhielt ihr die Spolien des Vermögens ihres Mannes, söhnte sie mit ihren Eltern aus, welche in Rometo Handlung trieben, und diese Tochter fürs Kloster bestimmt hatten, folglich mit ihrer Heyrath sehr unzufrieden waren, und Antonio Camillo nie als Schwiegersohn erkennen wollten.
Giuliana, aufgelößt in Dankbarkeit und Liebe — Alexis hingerissen von der Allgewalt der durch das Trauergewand erhöheten Reitze des schönen Weibes, ihrer Zärtlichkeit — Beide erwachten nach einer gefährlichen Abendstunde zu spät aus ihrem verbotnen Rausch, und sahen mit Entsetzen ein, daß sie sich früher hätten trennen sollen. Es war geschehen; Alexis versprach als ehrlicher Mann nie den Folgen dieser Stunde auszuweichen, er lebe oder sterbe, er sey an welchen Ende der Welt das Schicksal ihn auch festhalte. Maasregeln wurden getroffen, und der Abschied rückte heran.
„Giuliana! noch einmal sehen wir uns in diesem Leben wieder; für diesen Augenblick erhalte dich mir.“