Meines Alexis Gesundheit schwankt jetzt mehr als jemals. Trübe Launen, innerer Kummer — den ihm ohne Zweifel die widerspenstige Gemüthsart meines unglücklichen Sohnes verursacht — machen mich öfters für einen uns vielleicht nur zu nahe liegenden Schlag zittern, der mich und meine Kinder in Verzweiflung stürzen wird. — Des ihm zugedachten so hoch ehrenden Vertrauens Sr. Durchlaucht wird er sich schwerlich diesmal würdig machen können.

„Mein Gott! Sie weinen; lassen Sie mich Ihre Sorgen theilen, vielleicht führt diese Mittheilung zum Verein meiner Wünsche mit der Bestimmung ihrer Zukunft.“

O mein Sohn Theodor! — Dieser verkehrte starrsinnige Jüngling, mischt mir Wermuth in jeden Tropfen der Freude; er läßt meine Nächte schlaflos in Gram dahinschleichen, und im verfallnen erlöschenden Auge meines Alexis den nur mühsam unterdrückten Grimm und das schreckliche Wort: Fluch dem Ungerathnen! — des tief beleidigten, von ihm langsam gemordeten und nicht versöhnten Vaters, als sein letzter Sterbensruf mit Zittern erwarten! —

„Allgerechter! — So schlimm steht es mit dem Jüngling? — Arme Mutter!“ —

Noch zählte ich den Verirrten nicht unter die Verlornen. Besseres Vertrauen auf den Grund seiner, nur durch wilde Thorheiten umnebelten aber nicht gänzlich verdorbenen Seele, fordert mit tröstender Ueberredungskunst, seine Vertheidigerin Adelaide; das zarte Herz des guten Kindes erwärmt mit dem überströmenden Gefühl der Schwesterliebe, den Glauben der verzagenden Mutter an den schon halb aufgegebnen Sohn. — Und nur dieser schmeichelnden Fürsprecherin gelang es selbst schon zum öftern, der Friedensengel zwischen Vater und Sohn zu seyn. O wäre in einer solchen Stunde gemildeter Gefühle, Theodor hier, und sähe die Zähre der Rührung, des Verzeihens auf der Wange des weichgestimmten Vaters, er sänke ihm zu Füßen; Engel sprächen das Amen zu dem heiligen Bunde, und trügen diese dem Segen geweihte Stunde in das Buch ewiger gränzenloser Liebe unsers Vaters im Himmel ein.

„Und könnte die Mutterliebe, die rastlose Betriebsamkeit der engelsguten Schwester nicht eine solche Stunde heilbringender Ueberraschung herbeyführen? — Der Hülfsleistung theilnehmender verschwiegener Freunde sind Sie hoffentlich gewiß — wo es nur eines Winkes bedarf, wann und wie Sie von des Fürsten und meiner Bereitwilligkeit Gebrauch machen könnten. — Lassen Sie uns raffiniren, wie wir die Annäherung Vater und Sohnes bewürken, ohne daß der intricate Schein unsrer Thätigkeit dabey etwa Beyde noch mehr opiniatrirt, und die gute Absicht vereitelt.“

Ich habe dieserhalb schon einige Versuche gewagt und fehlschlagen sehen. — Seitdem Theodor vergeblich um des Vaters Einwilligung zu der Reise nach Frankreich mit dem jungen La Valetta und der Idee, dort militairische Dienste zu nehmen, angehalten hat, seitdem ist Biegsamkeit, kindliche Ergebenheit gänzlich aus seinen Briefen verschwunden. In trotzigem herzlosen Subordinationston resignirt er auf die Willkühr freigeborner Menschen, welche nach Neigung ihre Bestimmung wählen dürfen, und versichert, daß er mit stoischem Gleichmuth den Befehl Sr. Excellenz des Herrn Generals von Wallersee erwarte, ob der Rekrut Theodor als Tambour oder als Fähnrich zur p...schen Fahne schwören soll. Diese schnöde Antwort zog ihm die Verurtheilung zu: noch ein Jahr als Ecolier in der Akademie militaire zu bleiben, nach deren Verlauf aber, als Kornett in das in B... stehende Husarenregiment zu treten, wozu ihn schon des Königs Gnade als Kind ernannte.

„Freilich, diese Spannung der Gemüther ist schwerer zu besiegen, als der leidenschaftlichste Ausbruch! — Kalter höhnender Trotz pikirt den General aufs höchste. — Doch, nur nicht den Muth verloren! — Sobald Graf Theodor sich als Officier der Knabenruthe völlig entzogen weiß, und den Unmuth als Kavallerist in glänzender Uniform auf einem feuersprühenden Araber austummeln kann — sodann wird sich auch das unnatürliche, grollende seines Gemüths legen, und Frohsinn, Zufriedenheit mit seiner Bestimmung ihn dankbar und liebevoll in die Arme seiner langentbehrten Familie führen.“

Bange Ahndung sagt mir, daß es dann zu spät seyn dürfte. Ein gleiches Vorgefühl scheint auch mein Gemahl zu haben. Er beschäftigt sich, verschlossen in seinem Kabinet, mit Verfügungen auf den traurigsten Fall, der für mich und meine Kinder statt haben könnte. Mit Einem Worte, er ordnet seinen letzten Willen; die Zuziehung des General-Auditörs und noch zweier seiner vertrautesten Freunde, bestätigt meine Vermuthung.

„Liebe Aengstliche! — Ihre Träume sind ansteckend! — Nein, lassen Sie uns die Beschuldigung des stärkern Geschlechts, daß wir in jedem Schatten Gespenster sehen — nicht wahr machen.“