„Zynthio! Zynthio!“ — rief es mit zitterndem Entsetzen. „Du hier? — oder dein Geist zu unserm Schutz gesandt?“ — Und bleich, athemlos stürzte Adelaide aus der Seitenpforte der Kapelle. Eine riesenartige Menschengestalt, im dunkelgrauen Mantel gewickelt, drängte sich auf dem schmalen Nebensteg der Schwankenden vor, stieß die herbeieilenden Jünglinge zurück, und Adelaiden in den tiefen Graben des Walles.

„Halte den Bösewicht auf“ — schrie der ihr nachspringende Zynthio dem ihm auch in den Graben folgen wollenden Georg zu. Das Geschrei versammelte die Wächter; man brachte Stangen herbei, band Fischerkähne los, und eben schwand Zynthios letzte Kraft, mit der er die leblose theure Bürde über dem Wasser erhielt, als Georg mit einer ausgerissenen Palisade sich durch Schlamm und Weiden zu den Sinkenden hinarbeitete, und Beide einstweilen an den von Weiden sich natürlich bildenden Strand zog, bis endlich die Kähne sich näherten, und die Gebadeten der Gefahr des Untersinkens und des Erstarrens gänzlich entrissen wurden.

Mathilde wurde schon ohnmächtig von dem erschrocknen Sakristaner aus der Gruft in dessen nahe an der Kirche liegenden Wohnung getragen.


Die beiden Wallfahrterinnen waren, sobald sie alles in Schlummer und sich unbemerkt glauben durften, in weiße Mäntel und Schleier gehüllt, durch eine geheime Treppe dem obern Stockwerk, und durch eine Hinterthür dem Schlosse entkommen. Ein Miethswagen erwartete am Ausgang der Allee, die von dem Portal des Wallerseeschen Schlosses auf die Chaussee führte, die begeisterten Heldinnen. — Einige hundert Schritt von der Burg, welche am äußersten Ende der Residenz lag, stiegen sie aus, und fanden alles der Verabredung getreu zu ihrem Vorhaben bereitet. Mit der Laterne in der linken Hand, und der zu nochmaliger Warnung aufgehobenen Rechten, kam ihnen der Vertraute aus der Pforte der Sakristei entgegen, und geleitete sie, da keine Vorstellungen ihren bedenklichen Entschluß ändern konnten, zum Eingang der Gruft.

Eine brennende Ampel gab der düstern Wohnung der modernden fürstlichen Sippschaft Mathildens nur eine schwache schauerliche Beleuchtung. Der vorsichtige Führer hatte sich mit Wachskerzen versehen, um sie vor Eröffnung des Sarges anzuzünden, und somit das Grauen Erweckende so viel als möglich zu mindern, als auch den Anblick des werthen Leichnams denen ihn besuchenden Freundinnen freundlicher zu machen. —

Entsetzen ergriff die unter dumpfen Tritten die letzten Stufen herunter Steigenden, als der Deckel des Sarges schon auf den Boden lag, und eine große wild umherschauende männliche Figur mit schwarzen, über das Gesicht hängenden Haaren von dem Todten hinwegeilte, und unter großem Getöse hinter die kolossalischen metallnen Särge verschwand, in denen die Gebeine der Verwesung anheimgefallnen fürstlichen Familie über den Frevel sich hörbar schüttelten.

„Ha! verruchter Dieb!“ — schnaufte der sich fassende Sakristaner — „ich kenne dich und deine Absicht. Heraus mit dem entwendeten Geschmeide. Sehen Sie, gnädigste Durchlaucht! der Spitzbube hat’s richtig schon in seinen Klauen. Aber Gewinn soll’s ihm nicht bringen!“

Mit dieser heftig ausgestoßnen Versicherung schritt er auf den ungebetnen Gast zu, und wollte ihn aus seinem Schlupfwinkel vertreiben; dieser kam ihm zuvor, schlug ihm die Laterne aus der Hand und ihn zu Boden.

Der Verwegne hatte bei Eröffnung des Sarges vor dem Altar, während der Trauermusik, ein Medaillon in Brillanten gefaßt, auf der Brust des Leichnams bemerkt, welches Mathildens Bildniß und Nahmenszug von ihren Haaren geschlungen enthielt, und auf deren ausdrückliches Verlangen, dem mehr als treuen Mutterherzen, dem es gewidmet war, auch im Tode nicht entrissen werden sollte. Mit Hebel, Nachschlüssel und Brechstangen wußte er, der ein Schlosser war, sich durch ein von ihm noch während der Begräbnißfeier unbemerkt geöffnetes und nur lose angelehntes Fenster in der Dunkelheit des Abends wieder in die Kirche zu schleichen, und als er alles sicher wähnte, in die Gruft zu gelangen. Daß er hier eine brennende Ampel fand, machte ihn anfänglich stutzig; doch hielt er es bald nur für eine Nachläßigkeit des Kirchendieners, welcher sie wahrscheinlich auszulöschen vergessen hatte, es däuchte ihm sogar bequemer zu seinem Unternehmen, denn jetzt bedurfte er der mitgebrachten Blendleuchte nicht. — Doch hielt er es für rathsamer, nicht eher Hand ans Werk zu legen, bis die schauerliche Mitternachtsstunde ihn für jede Unterbrechung eines lebenden Wesens sicherte. — Sein Schrecken war daher nicht minder groß, als die zwei in ihren Verhüllungen Geistern ähnlichen Nachtwandlerinnen, von dem mit schwarzem Mantel angethanen Sakristaner begleitet, die Gruft betraten.