Der Raub war bereits vollbracht — Furcht jagte ihn hinter und zwischen die Särge; als er sich erkannt und verrathen sah, dachte er jetzt nur auf Flucht, unbekümmert um die Erhaltung der erbeuteten Kleinodien, welche jetzt nebst dem Bildniß der blühenden Fürstentochter in und unter dem Staube ihrer stolzen Ahnen durch einen ungeschickten Fußtritt ihres Räubers zertrümmert lagen.
Adelaide versuchte um Hülfe zu rufen, doch ihre Stimme war zu schwach; größer wurde die tödtende Angst, als Mathilde, vom Schrecken überwältigt, besonders da ihres treuen Begleiters Fall auch das Hinstürzen des fremden Mannes nach sich zog, weil dieser sich in des Sakristaners Mantel mit den Füßen verwickelte, und erstere aus vollem Halse: Mörder! Diebe! schrie, ohnmächtig auf den offnen Sarg sank. Doch ergriff die beherztere Tochter des Helden Wallersee eine der mitgebrachten Kerzen, zündete sie an der brennenden in Oehl getränkten Laterne des mit dem Schlosser auf der Erde ringenden Sakristaners an, und eilte die Stufen hinauf, um Beistand zu rufen. Unterdessen waren die Kämpfenden wieder auf die Füße gekommen; der Verbrecher bestrebte sich um so mehr, denen auf das Geschrei Herbeieilenden nicht mehr zu begegnen. Der Klang der Guitarre über dem Walle überzeugte ihn, daß Personen in der Nähe wären, und als Adelaide über die schmale Brücke flog, wollte er ihr den Vorsprung ins freie Feld abgewinnen. — Wüthend packte ihn Georg, übergab ihn der jetzt zudringenden Wache, die noch eben früh genug kam, um die Ungeduld des ehrlichen Westphählingers vor eigenmächtiger, rascher Exekution an dem Mörder seiner jungen Gebieterin abzuhalten, da ihm jeder Augenblick unersetzlich schien, den er der Hülfe Adelaidens und Zynthios entziehen mußte.
Im Wahnsinn des hitzigen Fiebers klagte sich Mathilde des Mordes ihrer Gefährtin in jener Schreckensnacht an. Sie hatte die Schlußscene im Wasser, welche beinah das heroisch-romantische Drama in ein vollkommnes Trauerspiel verwandelte, erfahren, und hielt Adelaidens körperliche Gegenwart, ihren sanften Händedruck, für Erscheinung aus jener Welt; für geistige Berührungen und Aufforderungen, ihr dahin zu folgen. — Wie hätte auch die kranke Phantasie anders träumen sollen, da selbst die gesunde versucht wurde, die junge Gräfin Wallersee, seitdem sie aus dem Wellengrabe erstanden war, für einen Friedensengel zu halten, der dem bessern Jenseits noch einmal entschwebte, um seine hier noch umherirrenden Lieblinge mit himmlischer Geduld und schonender Freundlichkeit ebenfalls dahin zu geleiten. — Keine Klage körperlicher Leiden entschlüpfte ihren Lippen, wiewohl ihre physischen Lebenskräfte nicht wieder mit ihr aus jener Todesnacht zurückkehrten. Die Blüthe der Gesundheit war abgestreift, der Sturm hatte die Lilie zwar nicht geknickt, aber die zarte Wurzel dem nährenden Schooße der Mutter Erde entrissen; sie neigte nicht ihr Haupt, aber es schien sich im reinen Aether eines schönen Frühlingsabends nur bis zum gänzlichen Untergang der sie sanft umstrahlenden Sonne erhalten zu wollen.
Das stärkere Nervensystem der Prinzessin erkämpfte dieser nach einigen Wochen wieder ein vollkommnes Wohlbefinden. Auch Adelaide widersprach heiter den Bedenklichkeiten der Aerzte, und erklärte: kein Uebel nennen zu können, das sie fühlbar drückte; die abentheuerliche Geschichte ward demnach bald nebst ihren Folgen vergessen, wenigstens trübte die Erinnerung derselben keinen von Mathildens fröhlichen Tagen mehr.
„Es ist mir leid, wenn ich störe; aber der mütterliche Wunsch, die schon seit einer halben Stunde sehnlichst erwartete Tochter zu sehen, der Befehl, Sie zu suchen, entschuldige mich!“ — keuchte der schon seit dreißig Minuten im Park nach Adelaiden umherirrende Zynthio der endlich Gefundenen entgegen, und verfolgte mit forschenden Blicken einen sich durchs Gebüsch verlierenden Jüngling, dessen Gesichtszüge er wegen des tief in die Augen gesetzten Hutes nicht erkennen konnte, so bekannt ihm auch die schöne schlanke Gestalt zu seyn dünkte.
Du stören? — O wärest du früher gekommen! — antwortete freundlich, aber doch etwas bewegt, die Glühende, und stützte sich auf Zynthios Arm; — doch davon nachher. Laß uns zurück eilen.
Die Generalin hielt Adelaiden einen Brief entgegen. — Lies, meine gute Tochter, und rathe mir. Der Fall ist epinös; ich befinde mich in keiner geringen Verlegenheit.