„Und das wäre denn die große Begebenheit, die wichtige Katastrophe, welche das wunderbare Schicksal, gleich dem kolossischen Erzeugniß seiner Phantasie einen Heldendichter in die Angst einer Gebährerin brachte? — hör ich dich fragen. Das Mädchen Adelaide hat sich nach ihrer Mütterweise einen Mann erwählt, und wird in etlichen Monaten, in der Ordnung gewöhnlicher Vorfälle, Gräfin Hochburg. Poetisch begannst du die Einleitung zu einer Alltags-Geschichte, die du auch, ihrem Stoff gemäß, sehr prosaisch endest.“

Ich sagte, das Schicksal legte die Hand an den letzten Akt, und bereitet die Entwickelungsscene — —

Doch! spotte wie du willst, ich habe durch einen herzhaften Sprung eine Stufe erreicht, auf welcher ich mit leichtem Herzen deiner Aufforderung willfahren und dich Schwester nennen darf. Die Verlobte des Grafen Hochburg vernichtet alle und jede Deutelei oder Schlußfolge — es sey das Studium der Verleumdung, oder das Hoffen eines kranken verirrten Herzens — über die mich ehrende Vertraulichkeit mit der Schwester des Erbprinzen! — Melde dem Fürsten, daß ich seinen Befehl erfüllt, und der Ring, welchen er mir einst an meinem Geburtstage mit dem Wunsche verehrt, daß ich ihn bald als Verlobungsring gebrauchen mögte, seit gestern in dieser Eigenschaft die Hand des Grafen Hochburg ziere.


„Keine Eifersucht, werther Neffe! — Es verdrieße ihn oder nicht, ich weiß mir nun nirgends besseres Wohlseyn zu suchen, als wo meine liebe künftige Nichte mich willkommen heißt!“ braußte eines Morgens mit ungewöhnlicher Munterkeit der Landrath, ungefähr vier Wochen nach dem Verlobungsfest in Adelaidens Zimmer. Julius, welcher im Taumel seines Glücks jetzt öfters wie ein Kind tändelte, und eben parterre zu Adelaidens Füßen saß, wollte aufspringen, seinen Onkel zu empfangen, während die Gehuldigte dem herzlich Willkommnen Hand und Kuß bot. „Bleibe er sitzen, der größte Ehrenplatz für ihn! Dreißig Jahre früher, und nur über meiner Leiche hätte er sich desselben bemeistern dürfen!“ fuhr der verjüngte Alte fort.

„Herr Landrath!“ fiel Adelaide ein — „Sie mögen es verantworten, wenn ich eitel werde, und ihnen alles aufs Wort glaube, denn ich bin ein Mädchen, und wann hätten Mädchen je an dem gezweifelt, was ihnen schmeichelhaftes gesagt wurde. Doch Ihnen leuchtet heute, wenn ich nicht irre“ —

„In verdoppeltem Maaße die Freude aus den Augen — nicht wahr, das wollten Sie sagen? — Ja, liebes Kind! ich bin so halb und halb hinter eine Ueberraschung gekommen, die ich wohl noch nicht hätte errathen sollen.“ —

Und welche? —

„Mein Weg führte mich an der Kirche vorbei; ich hörte und sah Maurer, Zimmerleute, Tapezierer in voller Arbeit, wahrscheinlich die Kirche zu einem besondern Fest zu schmücken; und dennoch — seht, Kinderchen! wie diskret ich bin! — ich spionirte nicht, wie oder wozu? — ich wollte Euch den Spaß nicht verderben. Aber da fallen mir durch die offne Thür des Zofen-Gemachs die violet-sammtnenen Decken mit den Wallerseeschen Wappen in die Augen, an die eine Stickerin die Grafenkrone in der Arbeit hatte, und da fiel mir natürlicherweise das Hochburgische, welches doch nun auch hinzugefügt werden muß, aufs Herz, wie ein Sache, an der ich längst ein Aergerniß genommen habe. Element, Neffe! Er ist ja sonst ein gewaltiger Heraldiker; es gefällt mir nicht mit seinen Neuerungen und frühern Auswüchsen. Seit zwei, dreihundert Jahren haben seine Vorfahren, Kaiser und Reichslehne so viel daran geschnürkelt, daß aus dem Kreuzzügler zu Roß auf einer hohen Felsenspitze, der sechste Tag der Schöpfung geworden ist, an dem Gott die vernünftigen und unvernünftigen Thiere ins Leben rief. Löwen, Pferde, Greifen und Raben haben den Felsen niedergestampft und gehackt, und ihn zierlich genug in sechs Felder eingetheilt, damit jedes von ihnen seinen eigenen Stall habe. In den beiden untersten steht endlich ein demüthiger Ritter, dessen Schwerdt in der Scheide ruhet, und blickt andächtig auf eine im nächsten Felde befindliche Mauer im Saracener Lande, wo ein Hochburg die christliche Fahne aufgesteckt, und dann unter vielen Wunden gefallen ist. — Ich bitte dich, Julius, erwähle wieder das erste Sinnbild des Muths und Vertrauens auf Gott und die gerechte Sache, wie es noch auf der Ruine einer alten verfallenen Burg der Hochburgs in Franken zu sehen ist! — Sie müssen wissen, liebe Komteß! Kurt von Elsek, der Stammvater dieses Herrn hier, zog mit Kaiser Friedrich nach Palästina, und war einer der Wenigen, die nicht ertranken. Er hielt sich tapfer, kam nach Franken zurück, fand seine Güter bereits in andern christlichen Händen, und gerieth mit seinen voreiligen Erben in Streit, der freilich nach damaligem Rechtsbrauch, nur durch Faust, Stärke und Muth entschieden werden konnte. Er erschlug seinen Anticipator im ehrlichen Zweikampf; indeß wurde der heilige Vater sehr unwirsch, denn einer der päpstlichen Legaten hatte den pfäffischen Söldner zum Erben konstituirt, wofür dieser einen Theil der Elsekschen Güter dem benachbarten Kloster zugeschlagen hatte. Der ehrliche Kreuzzügler wurde verfolgt und in den Bann gethan. Der neue Kaiser wollte es nicht gern mit Sr. Heiligkeit um eines gemeinen Ritters willen verderben, den er hingegen seiner bekannten Tapferkeit wegen seinem Heere erhalten und schützen wollte; auch wußte er wohl, daß aus den Händen der Geistlichkeit, die sich nun aller seiner Besitzungen bemächtigt hatte, schwer wieder etwas zurück zu erlangen war. Demnach fiel der Beschluß dahin aus: daß Kurt von Elsek die Spitze eines steilen hohen unwegsamen Felsen des Fichtelgebirgs im Fränkischen Hochland zu Gaule hinaufsprengen, und eine einzelne Fichte, die oben stand, als Wahrzeichen, daß er das Abentheuer bestanden, abhauen und mit herunter bringen sollte, welches dann, als Gottes Urtheil, daß seine Fehde gerecht war, anzusehen, und der Bann wieder von ihm zu nehmen sey; auch ferner er durch des Kaisers Gnade mit anderweitigen Burgen und Lehen“ — —