Ich habe sie gelesen.
So ist dir meine und deine Schwester nicht mehr fremd, Seraphine! — Jetzt klage ich nicht mehr, daß ich hienieden mich ihrer nicht freuen durfte; es war zärtliche Schonung in dem väterlichen Befehl: die mir anvertrauten Schriften früher nicht zu eröffnen, als in der vor einigen Wochen eingetretenen Epoche; entweder ich sollte verlobt, oder auf dem Wege zur Gruft seyn, beide Fälle berechtigten mich seit mehreren Monaten dazu — und ich entdecke eine Schwester, in derselben Minute, da ich sie auch schon wieder aufgeben muß. — Hätte ich leben sollen — diesmal würde mich Entsagung geschmerzt haben. — In der Disposition über das Vermögen meines Vaters habe ich mich auch in Betreff Seraphinens ganz nach seiner Vorschrift gerichtet. — Dein Erbtheil, das ich einstweilen verwaltete — —
Mein Erbtheil? — Wenn ich die Beweise der Großmuth des Generals so nennen darf, wurden mir schon nach dessen Tode übergeben; ich hätte es nicht bedurft.
Widerstrebe mir nicht in Kleinigkeiten! doch erst noch von anderen Dingen; jenes ist ohnedies schon in Ordnung und unumstößlich. Der Landrath von Elfen wird der Vollstrecker meines Testaments seyn. Ihn habe ich in einer versiegelten Schrift, welche man in meinem Schreibpult finden wird, dazu ernannt. —
Ha, Vater Elfen! dies waren die Ehepakten? Armer Mann! auch deine Augen lernen noch Thränen kennen! Wohl dir! Ich werde nicht weinen können —
Denn du wirst handeln müssen. Denke meiner Forderungen an dich, und deines Versprechens!
Wohl, wohl!
— Graf Bendheim hatte meines Vaters theuerstes und schmerzlichstes Geheimniß erschlichen. Nach Eröffnung der Papiere ward es mir deutlich, was seine Drohungen, seine Reise nach Italien sagen wollten. — Der Erbprinz hat viel gethan, seine feindlichen Absichten gegen uns zu vereiteln. — Du begreifst leicht, daß mein edler Vater die Ruhe meiner Mutter nicht vergiftet haben wollte — auch wirst du in dem Aufsatz der nicht minder edlen Giuliana dich unterrichtet haben, daß es die einzige Bedingung ihres Friedens in der Ewigkeit sey, seine Gemahlin nie etwas von dieser Begebenheit — auch nur ahnden zu lassen. O wie freue ich mich des Augenblicks, wo ich dem reinen Engel für diese zarte Tugend mit dem Troste lohnen kann: ihr Friede sey und werde nicht gestört.
Mutter! Adelaide läßt mich bei Euch wohnen! rief Zynthio, und sank auf seine Knie.