Mit einem Schrei sank Betty zu Boden. Zynthio rief halb sinnenlos: Adelaide! — Vergebens! sie hörte nichts mehr! — Georg hob sie mit convulsivischer Heftigkeit von dem Ruhebette auf, als wollte er sie dem Tode entreißen; umsonst! ohne ein Zeichen des Lebens sank sie wieder zurück — Adelaide war nicht mehr! —
Schon wallte der violette Sammet über die errichtete Trauerbühne; — „nur nicht in die Farbe der Verzweiflung, dem finstern Schwarz, kleidet einst die Umgebungen meines entseelten Körpers!“ hatte oftmals die Verblichene geflehet. — Das reichsgräfliche Wappen der Wallersee prangte, von Gold gestickt, auf den vier Ecken der mit reichen Franzen besetzten Drapperie. Auf weißen marmornen, mit Zypressen umwundnen Säulen ruhte die blendende Kuppel, in deren Mitte ein sanft strahlender Reverber das Castrum magisch beleuchtete. Schon schlummerte Adelaide auf balsamisch duftenden Polstern im einfachen Sarge von Mahagoni, welchen ein Sarkophag von Karrarischem Marmor umschließen sollte — und noch vertiefte der Arzt sich stundenlang in Betrachtung der Leblosen. Kein Mittel war unversucht geblieben, den theuren Leichnam wieder zu beleben, aber ohne Erfolg; man hätte Wunder erwarten müssen, um noch hoffen zu dürfen. Und doch schien sie nur zu schlafen. Kein Erstarren der gewöhnlichen Todeskälte; Lippen und Nägel im blassen Rosenschimmer; elastisch das Fleisch der Schwanenarme und des Busens; weich und gelockt das seidne Haar, auf dem ein Diadem von weißen Rosen, bescheiden wie die Bekränzte es war, die liebliche Stirn umduftete! — Ach! Betty erblickte mit mattgeweinten Augen den Rosenbaum, welcher heut am achtzehnten November seine aufgeblühten Erstlinge zum Schmuck für Adelaiden darbot. Mit wundgerungnen Händen brach sie die Lieblinge der schönsten, so früh gebrochnen Blume, und flocht sie — zum Todtenkranz! Ein kleiner Zweig, auf dem zwei nur halb entfaltete Knospen wie in unschuldiger Liebe vereinigte Zwillinge sich wiegten, bezeichneten die Stelle, wo noch vor wenig Tagen das tugendhafteste Herz in himmlischer Reinheit groß und edel schlug!
Wann soll sie beigesetzt werden? — fragte der Doktor.
Diese Nacht um zwölf Uhr, sagte Karoline.
In Gottes Namen dann — heut ist der dritte Tag. Fräulein; lassen Sie ihr die Zugpflaster von den Füßen nehmen. — Man will den Sarg auf die Bühne haben.
Was wollt ihr? frage Julius wild, als die Bedienten den Sarg anfaßten, zu dessem Haupt er auf einem Tabouret kniete, und das Gesicht in die weiß atlaßnen Kissen gedrückt hatte. — Ha! bahret nur auf, rief er, als er vernommen, was man zu thun Befehl erhalten — aber, mich laßt nicht zurück! Wo sie schläft, will ich auch bald schlafen! — Und wie ein Schlaftrunkner folgte er dem Sarge; auf den Stuffen der Schaffottage sank er wieder in seine vorige Stellung.
Das karge Licht des Novembertages war meist verloschen; trübe stürmische Dämmerung umflorte immer undurchdringlicher den Tempel der Trauer. — Die Klagenden seufzten leiser um Adelaiden, denn ein neuer Anblick des Jammers forderte ihre Theilnahme und ihre Fassungskraft; die unglückliche Mutter beschäftigte Arzt und Freunde. — Völliger Wahnsinn war eingetreten; eine fixirte Idee, Alexis und Adelaide warteten ihrer in der Kapelle, hatte sich der kranken Einbildung bemächtigt, gegen alle sie zurückhaltende Gewalt ihrer Wächter wollte sie aus dem Fenster springen, um auf dem kürzesten Wege dahin zu gelangen. — Man schien der verblichenen Tochter, über die ihr folgen wollende Mutter zu vergessen.
Nur Julius, Zynthio und Georg weilten jetzt bei dem geliebten Leichnam; Betty war entkräftet auf der Stuffe am Fuße des Sarges eingeschlummert. Noch hielt sie mit der Hand, auf welche der Amors-Kopf sich stützte, das weiße naß geweinte Tuch vor die geschloßnen Augen. — Zynthio, in die Arbeit vertieft, zum letzten Male die Züge der ihm nun bald auf immer entrissenen Schwester aufzufassen, und dem Elfenbein anzuvertrauen, wußte kaum, daß noch etwas außerdem sich in der Welt ereignen könnte. — Georg lehnte eben so sprachlos an eine der Marmorsäulen, den starren Blick auf Adelaidens himmlisches von oben herab sanft beleuchtetes Gesicht gerichtet.