Manche freilich essen besser. Streichen Schmalz aufs Brot und kaufen einen halben Liter Bier in der Kantine. Zu so etwas reicht Piskas Lohn noch nicht. Sechzig Heller täglich; dreißig davon an die Mutter. Was bleibt da für den Putz? Mag auch jeder arbeitsfreie Augenblick beim Sticheln aufgehen, beim Waschen, Stärken, Bügeln. Dem Johann Tronezek zuliebe.
Der Johann Tronezek steht schon am Webstuhl. Er webt Kattune. Schlecht bezahlte Ware. Leichte Ware, wie er selber ist. Kein hübscher Junge. Dürr und käsig. Sohn eines Säufers und mit Branntwein aufgezogen. Aber flink und frühreif wie die Piska selber.
Sie passen gut zusammen, wenn sie am Sonntag miteinander tanzen. Stundenlang. Die Arme eng verschränkt, die Hände gegenseitig auf den Schultern, die Köpfe einander zugeneigt, daß die Stirnen sich berühren. Brust und Leib dem anderen angeschmiegt, schieben, drehen und drängen sie sich durch den Knäuel der Paare. Sie sprechen nicht. Das Mädchen schließt die Augen, öffnet ihre Lippen. Gibt sich in sinnlicher Verzückung der Wonne hin. Dem Tanz, der schwindelnden Bewegung, der dichten Nähe ihres Burschen.
Die Luft wird schwül und dick. Aus Bierneigen, Speiseresten, Menschenschweiß ballt sich Gestank zusammen. Die Fiedel quietscht, der Baß ist brummig und verstimmt, mißtönig kreischt der Chor der halb Betrunkenen dazwischen. Das Mädchen sieht, hört und riecht es nicht. Die Augen zu, die Lippen offen, dreht sie sich inbrünstig im Kreise.
An ihres Liebsten Körper angepreßt, genießt sie dumpf und unbewußt, wonach des Menschen tiefste Notdurft schreit – das Glück.
Andere haben Muße, Bildung, Luxus, Kunst, Natur.
Sie hat nichts als diese kurze Freiheit. Der Inhalt ihres Lebens drängt sich in diese Stunden. Sie sind das Licht, nach dem die Schatten ihres Daseins flüchten, die Sonne in dem Dunkel ihres Denkens, die Freude, die sie gierig einschlürft, mit all der Leidenschaft, die das Entbehren ihrer Seele in ihrem Körper aufpeitscht.
Tanz und Liebe ... Bis zur Neige leert sie den Becher, sinnlos, zügellos. Dem allzu schnell enteilten Tag fügt sie die Nacht hinzu, den frühen Morgen. Noch eine Runde ... eine noch ...
Erschöpft und schwindlig möchte sie die fliehenden Minuten halten.
Oh ... oh ... oh ... oh ...