Nach und nach verblaßte in ihm die Erinnerung an die Großmut der Natur. Er paßte sich der rauhen Notwendigkeit an, und aus dem wehleidigen Säugling wurde ein frohes, spielerisches Kind. Mit der Vertrauensseligkeit der ersten Jugend blickte er ins Leben. Wenn er des Morgens über die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er wie ein Herrscher in sein Reich. Die ganze Umwelt war sein Eigentum. Die kiesbestreuten, glattgeharkten Wege, die Blumenbeete, das Birkenwäldchen und der Rosenflor. Und die Himmelsglocke, die über dem Garten blaute, und die Sonnenflecken, die den grünen Rasen rötlich sprenkelten.
Er war keinen Augenblick im Zweifel, daß auch die Villa ihm gehöre, die Freitreppe, die zu der Eingangshalle führte, die Korbmöbel und Lorbeerkübel. Und daß der Spitzensaum der Tafeldecke nur darum tief herabhänge, um seinen Pfötchen ein angenehmes Spiel zu bieten. Wenn ihn ein unmutiges Wort verscheuchte, hielt er's für einen Scherz und antwortete in der Sprache, die er eben erst in sich entdeckt und die anzuwenden ihm offenbar eine richtige Erfinderfreude gab; antwortete mit einem Bellen, das an das Krähen eines sehr jungen Hahnes gemahnte.
Ohne Hochmut besuchte er die Küche, schnupperte in allen Winkeln, schleckte alle Schüsseln aus und verschaffte sich Genüsse, die ihm sein zweites Vaterhaus nicht bot.
Für Zärtlichkeiten war er sehr empfänglich. Wehrte sich nicht, wenn die Küchenmagd ihn auf die Ohren küßte. Und träumte sich auf dem Schoß der umfangreichen Köchin, von ihrem hinströmenden Busen überragt, in den Dunstkreis seiner Kinderstube. Allem Beweglichen und Raschen sprang er entgegen; ob es auf vier oder zwei Beinen ging, auch nur ein Schatten war, ein Blatt, das eigene Schwänzchen, nach dem er sich im Kreise drehte.
Doch seine liebsten Kameraden waren die kleinen Jungen, die allmorgendlich die Zeitungsblätter brachten. Sie kamen stets zu zweit, als fühlten sie, daß ihre dürftige Erscheinung erst verdoppelt ein Individuum ergebe. Sie gingen barfuß, ihre ausgewachsenen Kleider waren mehr zerrissen als geflickt, und in den abgemagerten Gesichtern standen die dunkeln Augen unnatürlich groß.
Bello bereitete ihnen stets einen festlichen Empfang. Schon von weitem lief er ihnen zu, umhüpfte sie und entschüchterte sie so geschickt mit seinen Kapriolen, daß sie zum Schluß mit ihm auf einem Haufen gemeinsam an der Erde lagen.
Damit war der Gärtner, Bellos Besitzer, gar nicht einverstanden. Er mißbilligte schon Bellos Verkehr im Herrenhaus. »Bello soll nicht zutunlich zu Tier und Menschen sein. Bös soll er werden, mißtrauisch und scharf, sonst taugt er sein Lebtag nicht zum Kettenhund,« und duldete nur aus wirtschaftlichen Gründen sein herzliches Verhältnis zu der Köchin. Die Freundschaft mit den Zeitungsbuben aber war ihm geradezu zuwider. Zum Schutz gegen Leute, die barfuß gingen und abgenutzte Kleider trugen, sollte der Hund ja gerade aufgezogen werden.
Es wurde Bello sehr schwer, seine Bestimmung zu begreifen. Zu den ersten Kläpsen hatte er, wie ein rechter frecher Bengel, mit mutwilligen Lauten erwidert. Bald aber verspürte er, wie bitter Schläge schmecken.
Diese Erfahrung nahm ihm das Vertrauen zu der Menschengüte. Und mit dem Kinderglauben auch die Kinderzuversicht. Er lernte lügen und betrügen. Er tat heimlich, was er bisher für sein gutes Recht betrachtet hatte. Mit geducktem Kopf, das Schwänzchen (sonst der Vergnügungsanzeiger des kleinen Körpers) zwischen die Beine eingeklemmt, schlich er in die Halle, vor jeder Handbewegung fluchtbereit. Den Berührungen der Dienstboten wich er ängstlich aus und stahl, was ihm bisher freiwillig angeboten worden war.
Am zögerndsten entsagte er der Neigung zu den zerlumpten Kameraden. Immer wieder wurde er im Spiel mit ihnen angetroffen.