»Und du meinst, Franziska, daß ich mich dessen schämen sollte?« Isabellas Stimme, zuerst wie von Müdigkeit verschleiert, wurde klarer.
Ich dachte, sie hat den D-Moll-Klang des »Immer leiser wird mein Schlummer«-Lieds von Brahms.
»Ja, ich liebe sie, die Tiere,« fuhr sie fort, »sie sind so hilflos wie die kleinen Kinder, sie sind so ganz auf unsere Güte angewiesen und haben zu uns so ein rührendes Vertrauen. Wir aber täuschen sie beständig und mißhandeln sie zum Lohn für ihre Liebe.« Sie hob sich etwas aus dem weiten Mantel, in den sie, fröstelnd, eingesunken war. »Nur wir Frauen sind ihnen überlegen in der Fähigkeit, stumme Martern zu ertragen.« Sie hatte ihren Platz verlassen und stand sehr schlank in einem hochgegürteten Gewand von weicher schwarzer Seide, ein dünnes Perlenschnürchen um die weiße Kehle. »Ach, was wißt ihr Männer, wie wir Frauen um die Liebe leiden können. Wir haben einen sechsten Sinn dafür.«
Ich dachte: Was tut sie? Wie weit wird sie sich vergessen?
»Wir liegen auf der Erde und zerschlagen unsere Brüste, wir hassen euch und möchten euch verwünschen. Aber wenn ihr kommt, findet ihr uns schmeichlerisch und zärtlich. Wir wissen, ihr wollt von uns die Wahrheit nicht. Und nur durch die Sinne halten wir euch fest.« Ich hätte zu ihr treten und sie verhindern mögen, sich weiter vor fremder Neugier zu entkleiden, aber sie schien schon rettungslos dem Zauber dieser Nacht verfallen, der die Schlösser an den Herzen sprengte und die Seelen zwang, schamlos zu sein. Nur tiefer in das Zimmer zog Isabella sich zurück. Wie auf einer Geigensaite sang der Mollton ihrer Stimme aus der Ferne.
Vision
Noch einmal liebte er. Noch einmal hüllte ihn die Leidenschaft in ihren Purpurschleier, noch einmal träumte er das holde Märchen vom Sichverlieren und in einer anderen wiederfinden. Doch sein Schlummer war nicht tief. Im Traume wußte er von seinen Träumen, und daß ein lauter Anruf ihn erwecken würde. Und der Schleier, der ihn hüllte, war nicht unversehrt. Ein Riß nur, und das Licht des Alltags drang durch seine Maschen. Das wußte er, und er zäumte Dunkelheit und Stille um sein letztes Glück.
Sie liebte ihn. Ihr ging zum erstenmal des Weibes Lebenssonne auf. Kein Zweifel war in ihr. Mit demütiger Wonne gab sie ihr Ich an ihn verloren. Um Anbeginn und Ausgang ihrer Liebe standen Ewigkeiten. Ein Reichtum war in ihr, ein Jubeln und ein Singen. Und ein Drang, sich zu entdecken, zu bekennen. Jede Erinnerung holte sie aus den Verborgenheiten des Empfindens, um sie mit dem Geliebten nochmals zu durchkosten. Und sie verlangte ihren Anteil an jeder Regung seines Wesens.
Er lächelte und schwieg. Er schloß die Augen, legte ihr die Finger auf die Lippen, zog sie in seine Arme, riß sie mit sich in das Meer der Seligkeiten. Und über ihren Häuptern schlug die Flut zusammen.